Sie gilt als Hauptstadt der Liebe und des Luxus – und nun ist sie auch Vorbild im Umgang mit Finanzen. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die Stadt Paris jetzt von den drei grossen Rating-Agenturen die Höchstnote AAA erhalten. In der Wertung von Standard & Poors liegt sie damit sogar vor London, Madrid, Brüssel und 18 anderen europäischen Hauptstädten. Nur Wien darf sich ebenfalls mit dem dreifachen A schmücken.

Fünftreichste Stadt der Welt

«Die Stadt Paris wird wie ein Unternehmen geführt», lobt Sébastien Hay, Vizepräsident von Moodys, das Team von Bertrand Delanoë. Die Managementfähigkeiten des sozialistischen Bürgermeisters und eine geringe Verschuldung sind ein Teil des Erfolgsgeheimnisses, die Wirtschaftsstruktur ist das andere. Denn Paris ist mit einem 2005 auf 330 Mrd Euro geschätzten Bruttoinlandprodukt (BIP) die fünftreichste Stadt der Welt. Das BIP pro Einwohner ist dreimal höher als der europäische Durchschnitt.
Obwohl die französische Hauptstadt mit 106 km2 flächenmässig gerade mal 0,02% von Frankreich ausmacht, hat die Hälfte aller französischen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern ihren Firmensitz im Grossraum Paris. Gleichzeitig unterscheidet sich die Bevölkerungsstruktur vom Rest des Landes, denn die Altersschicht 20 bis 60 ist mit 62% überrepräsentiert. Auch vom Bildungsniveau her liegen die Pariser Einwohner deutlich über dem Landesdurchschnitt.
All diese Faktoren bescheren der Stadt ein breit gestreutes und robustes Steuereinkommen. Immerhin machten direkte Steuern wie Wohnungs-, Unternehmens- und Eigentumssteuern im vergangenen Jahr 53% der operativen Einnahmen der Stadt in Höhe von 5,8 Mrd Euro aus. Paris profitier-
te aber auch von den stark gestiegenen Immobilienpreisen, denn die fälligen Abgaben für Immobilienverkäufe bescherten der Stadt 872 Mio Euro. Im Vergleich: 2001 waren es «nur» 526 Mio Euro.

Immobilienkrise verhindern

Mittlerweile hat sich der Preisanstieg auf dem privaten Wohnungsmarkt verlangsamt. Doch bisher sehe alles nach einem «soft landing» aus, da diese Entwicklung durch den noch immer sehr dynamischen Büromarkt ausgeglichen werden dürfte, urteilt Fitch. «Eine Krise auf dem Immobilienmarkt könnte die Fähigkeit zur Selbstfinanzierung von Paris belasten und seine Note unter Druck setzen», warnt dagegen Standard & Poors.
Doch bisher zeigte sich Bürgermeister Delanoë stets geschickt im Umgang mit den Finanzen. «Wir können die geplante Verlängerung der Strassenbahn nicht finanzieren, wenn wir bei unserer Haushaltsführung nicht wachsam bleiben», sagt er.
Die Verschuldung sank seit 1996 von 57% der laufenden Einnahmen auf 32%, auf 1,8 Mrd Euro. «Die guten Noten der Rating-Agenturen bringen uns Geld», meint er. «Wir können so günstiger Kredite aufnehmen und 4 Mio Euro einsparen.» Seit drei Jahren besorgt sich Paris Kapital über die Ausgabe von Emissionen direkt auf den internationalen Finanzmärkten, denn das ist günstiger als ein klassischer Bankkredit.
Nach seinem Amtsantritt 2001 hatte sich Delanoë zudem entschlossen, eine Reihe von nicht strategischen Aktiva wie Immobilien zu verkaufen. In den kommenden Jahren will er sich nun von Werten in Höhe von 150 Mio Euro jährlich trennen. An die Steuersätze hat sich der Bürgermeister, der sich im Frühjahr erneut zur Wahl stellt, dagegen bisher nicht gewagt.

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