Es war wohl das wütendste Schreiben in der Geschichte der Schweizer Solarindustrie. Meyer Burger warf kurz vor Jahresende dem Schweizer Verband Swissmem «Blockade», «Unprofessionalität» und «Falschaussagen» vor. Die Nachricht schliesst mit Grüssen vom «Noch-Mitglied» Meyer Burger. Das Management des Berner Oberländer Unternehmens war explodiert, weil Swissmem die Subventionen für erneuerbare Energien ­ablehnte und die Energiestrategie des Bundes kritisierte.

Es ist kein Zufall, dass das wichtigste Solarunternehmen der Schweiz so gereizt reagierte. Bei Meyer Burger liegen die Nerven blank. Die Entwicklungen auf dem Solarmarkt bereiten Firmenchef Peter Pauli zunehmend Sorgen. Eine mit Subventionen stark geförderte Billigkonkurrenz aus China drückt unentwegt die Preise. Im Westen sind die Investitionen in die Solarindustrie zusammengebrochen. Die einst in Europa, namentlich in Deutschland boomende Solarbranche liegt darnieder.

Zittern vor den Zahlen

Der Druck auf Meyer Burger nimmt laufend zu, weil die Mittel knapper werden. Die Folge ist ein Sparprogramm nach dem andern. Der Umsatz ging im vergangenen Jahr Schätzungen zufolge um die Hälfte auf etwa 600 Millionen Franken zurück. Das Unternehmen präsentiert kommende Woche die Zahlen für das Geschäftsjahr 2012.

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Es wurden mittlerweile so viele Standorte zusammengelegt, dass die Gewerkschaft Unia einen schweren Know-how-Verlust befürchtet. Unentwegt fordern die Gewerkschafter Kurzarbeit, um den Sturm möglichst heil zu überstehen. Auch der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz hofft, dass der «sehr bedeutende» Arbeitgeber Meyer Burger endlich die Konsolidierungsphase überwindet.

Doch die schlechten Nachrichten reis­sen nicht ab. Erst im Januar wurde angekündigt, dass am Firmensitz in Thun nochmals 140 Mitarbeiter gehen müssen. Dazu vollzog Meyer-Burger-Chef Peter Pauli kürzlich eine spektakuläre Kehrtwende und musste zerknirscht eingestehen, dass er eine Kapitalerhöhung doch nicht mehr ausschliesse. Und dies, obwohl er eine solche Massnahme bisher dementierte. «Um die nächsten 24 Monate zu überbrücken, müssen wir sämtliche ­Finanzierungsmöglichkeiten evaluieren.»

Gemäss Einschätzung von Finanzanalysten rechnet Pauli äusserst optimistisch. «Wenn sich die Auftragslage nicht bessert, geht wohl Ende des Jahres das Geld aus», sagt Christoph Ladner von Kepler Capital Markets. Richard Frei von der Zürcher Kantonalbank fügt hinzu: «Die Finanzierungslage ist nicht sehr gemütlich. Man sieht, dass der Druck grösser wird.» Allein im ersten Halbjahr 2012 flossen aus opera­tiver Tätigkeit 97 Millionen Franken ab. Die Cash-Bestände betrugen nur noch 239 Millionen Franken. So musste eine Hypothek auf den neuen Unternehmens­standort in Thun-Gwatt die Finanzprobleme überbrücken helfen.

Geldgeber für den 30-Millionen-Kredit ist ein Schweizer Bankenkonsortium. Der Kredit läuft bis 2015. Das Geld hilft dem Unternehmen gemäss Firmenkennern aber nur über weitere drei Monate hinweg – und nicht über drei Jahre. Meyer Burger braucht wohl dringend frisches Geld, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Um an dieses frische Geld zu kommen, bietet sich eine Kapitalerhöhung an. Obwohl Pauli diese nicht mehr kategorisch ausschliesst, bleibt sie nach wie vor das letzte Mittel.

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Denn die Massnahme wäre schmerzhaft für das Management. Die Führungsebene samt Angehörigen hält rund 20 Prozent am Unternehmen. Käme es wie erwartet zu einer Kapitalerhöhung, müsste die Führung eine Verwässerung der Anteile in Kauf ­nehmen. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass sich die Anteilseigner gegen die Ausgabe neuer Aktien wehren.

Zumal es auch eine andere Möglichkeit der Kapitalbeschaffung gäbe. Solange Meyer Burger ein technologisch führendes Unternehmen bleibt, schielen Interessenten aus dem Solar-Boomland China auf das Know-how der Schweizer. «Der Einstieg von chinesischen Kapitalgebern ist durchaus möglich», sagt Ladner. «Die ­Attraktivität von Meyer Burger besteht in einem beeindruckenden Portfolio und ­einem hohen Marktanteil.»

Meyer Burger verfügt allerdings über viele Abnehmer. Das Risiko ist gross, dass sich die Kunden mit jenen eines neuen Investors beissen. «Das macht den Einstieg von ­chinesischen Investoren problematisch», sagt Stefan Gächter vom Broker Helvea. Ausländische Investoren, die Hightech-Firmen in der Schweiz übernähmen, seien häufig nur an der Technologie und nicht an einem nachhaltigen Engagement interessiert. Deshalb will das Management wohl verhindern, dass Meyer Burger den technologischen Vorteil gegenüber der asiatischen Konkurrenz verliert.

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Meyer Burger spielt einstweilen auf Zeit. Die Unternehmensführung wartet darauf, dass sich die Auftragslage endlich bessert. Firmenchef Pauli ist zuversichtlich. Er meint, schon seit geraumer Zeit ­einen «Silberstreifen» am Horizont erkennen zu können.

Dabei hat die Solarfirma ein ernsthaftes Zeitproblem. Zum einen waren früher bei Bestellungen grosse Vorauszahlungen üblich, welche rasch Bargeld brachten. Fehlende Auftragseingänge erhöhen zusätzlich den Finanzierungsdruck auf das Unternehmen.

Hinzu kommt, dass Meyer Burger im Gegensatz zu den Produzenten von Solarzellen spätzyklisch reagiert. Erst wenn die Zahl der Bestellungen von Solarzellen wieder zunimmt, kann Meyer Burger wieder mehr Ausrüstungen und Maschinen liefern. Für das Unternehmen bedeutet das keine Entspannung vor 2014.

Das Management klammert sich derweil an drei Hoffnungen. So ziehen seit Jahresbeginn die Preise am Solarmarkt wieder an, bei den Photovoltaikzellen etwa um 13 Prozent. Fast ein Dutzend wesentliche Preisindikatoren für die Solar­industrie zeigt seit Januar wieder nach oben. Der Preis für Polysilizium ist seit Anfang Jahr sogar um 20 Prozent gestiegen. Dieses Element ist zentral für die Herstellung von Solarzellen. Solche Preisentwicklungen könnten die Grundlage für einen Aufschwung am Solarmarkt bilden.

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Ein zweiter Hoffnungsträger ist eine neue Technologie, die vom Unternehmen im Februar als revolutionär bezeichnet wurde. Dabei handelt es sich um die sogenannte SWC-Technologie, speziell für Solarzellen. Dadurch sollen die Solarmodule zu einer früheren Tageszeit Strom liefern und abends länger Energie produzieren können. Meyer Burger will damit den ­Wirkungsgrad erhöhen und die Produk­tionskosten senken. Das Unternehmen patentierte die sogenannte Smart-Wire-Connection-Technologie und will damit sein technologisches Portfolio weiter aufbessern.

Schliesslich profitiert Meyer Burger vom Einstieg des australischen Milliardärs Kerr Neilson. Über seinen Hedgefonds Platinum ist er seit 2013 mit 5,33 Prozent einer der grössten Aktionäre von Meyer Burger. Der Investor setzt üblicherweise auf ­Firmen, die im Markt als unterbewertet gelten.

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Chinesische Schicksalsfrage

Ob am Ende doch noch ein chinesischer Investor zum Retter in der Not wird, ist fraglich. China will die Subventionen für die Solarindustrie kürzen. In der Folge müssten viele Unternehmen in China aufgeben. Das könnte auch Meyer Burger treffen, weil er in den letzten Jahren bis zu 80 Prozent des Umsatzes mit chinesischen Grosskunden machte. Das dürfte weiterhin für hohen Blutdruck und gereizte ­Reaktionen sorgen.