Es begann kurz nach dem Mauerfall in Karl-Marx-Stadt. «Wir sassen in einem recht hübschen Hintergebäude vor einem leeren Schreibtisch mit einem Telefon, und keiner rief an», erzählte Silvia Roth einmal über die Anfangszeit als Unternehmerin. Das war 1990.

Zehn Jahre später hiess die Stadt Chemnitz und die von ihr, ihrem Mann Dietmar und Studienfreund Bernd Rau gegründete Roth & Rau wurde in der Branche auf einen Schlag weltberühmt. Sie erfand einen neuartigen Prozess zur Oberflächenbeschichtung von Solarzellen.

Was danach folgte, ist Inbegriff des Ost-Märchens. 2006 ging Roth & Rau unter Applaus an die Börse. Bis Ende 2007 verfünffachte sich der Aktienkurs. Doch Wunder dauern bekanntlich nicht ewig. Die Solarindustrie geriet Ende der Nullerjahre in die Krise, die Investitionen wurden zurückgefahren und diverse Grosskunden gingen pleite. 2009 meldete Roth & Rau erstmals einen Gewinneinbruch.

Erholt hat sich das einstige ostdeutsche Vorzeigeunternehmen davon nie. Und das weiss keiner besser als Peter Pauli. Der Chef von Meyer Burger übernahm im Sommer 2011 die Mehrheit von Roth & Rau für 288 Millionen Franken. Wegen der Tochter plagen ihn nun Goodwill-Abschreiber und schlechte Resultate.

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Pauli versucht nun, beim deutschen Solarzulieferer mit aller Kraft das Steuer herumzureissen. Auf den eben abgeschlossenen Sanierungsplan Crisp II folgt jetzt ein neuer. Die operativen Kosten sollen nochmals um 30 Millionen Franken gedrückt werden. Bereits zuvor reduzierte der Meyer-Burger-Lenker die Geschäftseinheiten von 26 auf 10, die Zahl der Mitarbeiter senkte er um ein Drittel.

Alles aus einer Hand

Die anhaltende Schwäche und Labilität des Solarmarkts wirbelt Paulis Plan durcheinander, Meyer Burger zum bestintegrierten Systemlieferanten der Solarbranche zu formen. Für 2012 wird vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen ein Minus von 15 Millionen Euro erwartet, gab Roth & Rau vergangene Woche bekannt. Der Umsatz wird um mehr als 60 Millionen sinken. Dies nach einem Reinverlust von 106 Millionen Euro 2011.

Viel Hoffnung hat selbst Pauli nicht mehr. «Beim Umsatz ist 2013 keine Erholung zu erwarten», sagt er. Als Zeichen der Verzweiflung lesen Beobachter auch Paulis Bereitschaft, Projekte zu finanzieren, um Kunden zu Investitionen zu motivieren. «Zwei oder drei Verträge mit unseren neuen System- und Technologielösungen würden als Eisbrecher dienen und damit weitere nach sich ziehen.» Pauli setzt dabei auf Schwellenländer oder arabische Staaten. Richard Frei, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, zweifelt noch: «Noch sehen wir keine signifikanten Aufträge hieraus.»

Übernahm sich Pauli bei seinem ehrgeizigsten Projekt? Vom Hersteller der Spezialsägen, der dünne Solarzellen schneidet, wurde Meyer Burger nach dem Zusammenschluss mit 3S Industries im Jahr 2009 ein Anbieter, der Solarzellen zu Modulen fertigt. Die Produktionsschritte vom Silizium bis zur Anlage konnten aus einer Hand angeboten werden. Es fehlten nur noch Maschinen zur Zellproduktion.

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Kein neuer Schub

Die hatte Roth & Rau. Nach Gewinnwarnungen gaben die Firmengründer dem Drängen Paulis nach und verkauften ihre Anteile. Pauli hatte sein Ziel erreicht und ein Unternehmen geschmiedet, mit dem er in die Champions League der Solarfirmen vorstossen sollte. Gründer Roth prahlte vor der Presse: «Wir wollen nicht eines der führenden, sondern das führende Unternehmen werden.»

Doch die Technologie von Roth & Rau verlieh Meyer Burger nicht den erhofften Schub. Dabei lagen gerade darin die Hoffnungen. Dennoch setzt die Führung in Thun weiter auf die ostdeutsche Innovationskraft. Die Entwicklungssparte ist die einzige bei Roth & Rau, die bislang noch nicht sparen musste. «Der Wettbewerb gegen China ist nicht über Lohnkosten, sondern nur über Innovationen zu gewinnen», sagt der deutsche IG-Metall-Gewerkschafter Armin Schild. Es sei selbstmörderisch, hier zu sparen. «Die Tage der Zellproduktion im Westen sind gezählt», kommentiert auch Michael Schmela, Chefredaktor des Fachblatts «Photon International». «Die Verlagerung in asiatische Niedriglohnländer wird fortgesetzt.»

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Pauli selbst drückt sich anders aus: «So tot, wie die Solarindustrie gemacht wird, ist sie bei Weitem nicht.» Seine Ambitionen ruhen jetzt auf der Heterojunction-Technik. Sie erlaubt es, mehr Energie auf weniger Fläche mit weniger Sonne zu produzieren. Nur: Jemand muss sie auch kaufen. «Die Auftragseingänge sind nicht weltbewegend, aber immerhin gibt es hie und da mal etwas», so Pauli.

Das Tragische ist, dass Pauli mit Hartnäckigkeit und Geschick ein Unternehmen formte, das für einen Markt gedacht war, den es nicht mehr gibt. Hochgerüstet ist Meyer Burger nun gezwungen, wieder abzubauen. Immer hektischer. «Die Liquidität dürfte bis Ende 2013 sehr stark einbrechen», schreibt die Bank Vontobel.

Im Februar gab es erste Alarmzeichen. Roth & Rau holte sich damals eine Bürgschaft direkt beim Mutterkonzern Das war günstiger. Dass die Schweizer Roth & Rau im Ernstfall 50 Millionen Euro Liquidität versprachen, wurde allgemein als wenig erbauliches Zeichen gedeutet.

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Pauli muss nun einen neuen Traum finden. Dieses Mal wohl weiter im Osten.

Insider-Vorwürfe: Schwierige Kommunikation

Auffällige Käufe
Im März 2011 verschob Roth & Rau völlig überraschend die Bekanntgabe der Jahresresultate um mehrere Tage. Die Aktie stürzte ab. Doch einen Tag vor der Pressekonferenz kletterte das Papier wieder. Patron Dietmar Roth zeigte sich ahnungslos: «Ich weiss nicht, wieso der Kurs steigt.» Wenige Tage später teilte Roth & Rau mit, dass Meyer Burger das Unternehmen schlucken will. Plötzlich fragten viele, war es nur Zufall, dass Jürgen Gutekunst am 21. März seine Anteile massiv aufgestockt hatte? Ein paar Tage nach Verstreichen der Angebotsfrist verkaufte er die Titel an Meyer Burger. Die Aktien der Firmengründer waren schon 48 Stunden nach der Bilanz-Pressekonferenz in Meyer Burgers Händen.

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Keine Wahl
«Was hätten wir denn an diesem Freitag sagen sollen?», fragt Silvia Roth. «De facto redeten wir seit 2008 mit den Schweizern.» Gutekunst äussert sich nicht zu der Sache. Silvia Roth sagt, Gutekunst sei nicht besonders erbaut gewesen über die Schweizer Übernahme, weil er seine Beteiligung noch habe aufstocken wollen.

Nicht erhärtet
Und wer steckt hinter der zypriotischen Holding, die im Mai ihre Anteile auf über 10 Prozent erhöhte? «Die kenne ich nicht», sagt Roth. KLK mit Sitz auf der Mittelmeerinsel veröffentlichte selbst nur zwei Pressemitteilungen über ihre gesamte Tätigkeit. Beide betreffen Roth & Rau. Einmal wird die Erhöhung der Anteile mitgeteilt, einmal der Ausstieg im Juli 2011. Meyer-Burger-Chef Peter Pauli vermutete hinter dieser Holding einen Investor, der nur von Roth & Rau als Übernahmekandidat profitieren wollte. Der Verdacht auf Insiderhandel konnte durch die Ermittlungen der Finanzmarktaufsicht jedenfalls nicht weiter erhärtet werden.

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