Ihr Direktor Frank Bumann beklagt sich, dass viele Politiker die volkswirtschaftliche Bedeutung des Tourismus in Zürich unterschätzen. Galt das früher auch für Sie?

Elmar Ledergerber: Nein. Ich habe als Stadtpräsident das Dossier Zürich Tourismus persönlich betreut und mitgeholfen, dass die Unterstützungsgelder über die Jahre stetig gewachsen sind. In unserer «Vision Zürich 2025» war der Tourismus eines von sechs zentralen strategischen Standbeinen, die für die Prosperität und das Wachstum des Standorts von entscheidender Bedeutung sind. Ich räume aber ein, dass ich die Effizienz von Zürich Tourismus, wie viele andere Politiker auch, lange unterschätzt habe. Das hat sich mit meinem Eintritt als Präsident schlagartig geändert. Ich habe festgestellt, dass hier sehr professionell gearbeitet wird.

Offenbar nehmen das die Politiker aber nicht zur Kenntnis.

Ledergerber: Das hat damit zu tun, dass Zürich Tourismus weder in der Politik noch bei der Bevölkerung richtig verankert ist und daher gar nicht recht wahrgenommen wird. Dies zu ändern, erachte ich als einer der hauptsächlichen Herausforderungen innerhalb meiner Funktion. Ich möchte der Organisation in Politik und Gesellschaft ein Profil geben und dort die zentrale Bedeutung des Tourismus für Zürich verständlich aufzeigen.

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Wie stellen Sie das an?

Ledergerber: Indem ich die wesentlichen Botschaften und Zahlen konsequent wiederhole, bis sie bei den Politikern verinnerlicht sind. Zum Beispiel, dass in der Stadt Zürich zurzeit 17 000 Stellen im Tourismus angeboten werden. Sogar 7 bis 8% sämtlicher Arbeitsplätze in der Stadt sind direkt oder indirekt mit dem Tourismus verbunden. Darunter gibt es viele Stellen, für die nicht unbedingt ein Doppelstudium erforderlich ist. Der Tourismus ist in Zürich ein wichtiger Arbeitgeber für eine breite Bevölkerungsschicht. Er ist volkswirtschaftlich wie betriebswirtschaftlich ein Schwergewicht und generiert im Kanton Zürich einen jährlichen Umsatz von rund 5 Mrd Fr. sowie eine Wertschöpfung von 2,5 bis 3 Mrd Fr. Dieses Kapital ist standortgebunden und kann nicht nach Asien exportiert werden. Deshalb muss es gepflegt und gefördert werden.

Sie haben Ihren Elan als Stadtpräsident offenbar nicht verloren. Haben die Bemühungen für Zürich Tourismus bereits zu konkreten Erfolgen geführt?

Ledergerber: Auf jeden Fall. Im vergangenen Jahr konnten wir vor der Wirtschaftsdelegation des Stadtrats auftreten und mit Erfolg darlegen, was der Tourismus für die Stadt bedeutet und was er ihr bringt. Die Politiker haben mit Interesse und Verständnis für unsere Anliegen reagiert. Dank solchen und weiteren Aktivitäten haben wir die politische Wahrnehmung von Zürich Tourismus markant steigern können. Jetzt hoffen wir, dass sich das auch bezahlt macht.

Wie soll der Zürcher Tourismus konkret gefördert werden?

Ledergerber: Als Wirtschaftsmetropole sind wir ganz wesentlich vom Geschäftstourismus abhängig, der mit einem Anteil von rund 70% der Logiernächte dominiert. Dieser Tourismus ist besonders spannend für uns, weil er ein grosses kommerzielles Potenzial hat. Gleichzeitig ist er aber auch sehr konjunkturabhängig, was sich im Umfeld der aktuellen Wirtschaftskrise bestätigt hat. Nachhaltig zu fördern ist der Geschäftstourismus mit guten Verkehrsanbindungen, einer Top-Hotellerie und mit modernen und zweckmässigen Infrastrukturen im Seminar- und Kongressbereich.

Braucht Zürichs Hotellerie neue Betten?

Ledergerber: Mittelfristig auf jeden Fall. Zwar wurden in jüngster Vergangenheit zahlreiche Neubauten abgeschlossen. Doch der Städtetourismus wächst weiter, mit ihm die Bettenauslastungen in den Zürcher Hotels. Wenn das Wachstum nachhaltig sein soll, müssen neue Logiskapazitäten bereitgestellt werden.

Sie sprechen das Segment Meetings, Incentives, Conventions und Events, kurz MICE genannt, an, das den Tagungstourismus zusammenfasst. Wie wichtig ist das MICE-Geschäft für den Zürcher Tourismus?

Ledergerber: Den konkreten Prozentanteil des MICE-Sektors innerhalb des Geschäftstourismus kann ich nicht genau beziffern. Wir verfügen leider nur über ganz schwache statistische Grundlagen. Diese zu verbessern, steht übrigens auch oben auf meiner persönlichen Agenda. Nur so können wir unsere Ziele klarer formulieren und die Erreichung derselben exakt prüfen. Fakt ist, dass Zürich mit seinen hervorragenden Hochschulen, einem starken Gesundheitswesen und Finanzplatz in Europa zu den wichtigen MICE-Standorten gehört. Und das Potenzial ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Leider ist es so, dass Zürich für zahlreiche Grossveranstaltungen den Zuschlag aufgrund der fehlenden Infrastrukturen nicht erhält. Ich bin überzeugt, dass das MICE-Geschäft in Zürich mit gezielten Anstrengungen bis 2030 zu verdreifachen ist, falls die notwendigen Infrastrukturen zur Verfügung gestellt werden können.

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Zürich will sich nicht nur als Wirtschafts-, sondern auch als Tourismus- und Kongressstandort nicht mit St. Gallen und Bern messen, sondern mit London, Paris oder Mailand. Was braucht es, um in diesem Wettbewerb bestehen zu können?

Ledergerber: Mit Ausnahme der fehlenden Kongressinfrastrukturen verfügt Zürich schon heute über eine hohe Attraktivität, die der Stadt erlaubt, sich mit diesen internationalen Metropolen auf Augenhöhe zu messen. Viele multinationale Konzerne und weltumspannende Organisationen würden sehr gerne zu uns kommen für ihre Jahresversammlungen und Kongresse. Sie schätzen die hervorragende Verkehrslage, die hohe Lebensqualität sowie das vielfältige Kultur- und Erlebnisangebot von Zürich. Umso mehr drängt die Zeit, jetzt die notwendigen Infrastrukturen zu erstellen, damit in Zürich künftig Kongresse mit 1500 oder 2000 Personen in einem attraktiven Umfeld durchgeführt werden können und die entsprechende Beherbergung gewährleistet ist.

Am Flughafen Zürich ist man einen Schritt weiter. Mit dem lancierten Projekt The Circle werden genau diese Anforderungen umgesetzt. Eine Bereicherung oder eher Konkurrenz für den MICE-Standort Zürich?

Ledergerber: Wir sind in der Tourismusförderung nicht allein auf die Stadt fixiert. Als Wirtschafts-, Gesellschafts- und Kulturstandort sprechen wir stets vom 1,7-Millionen-Zürich, also vom Kanton und dem angrenzenden Einzugsgebiet. Trotzdem oder gerade deshalb wird das Projekt am Flughafen keine allzu grosse Konkurrenz für den Standort Zürich darstellen. The Circle kann, allein aus wirtschaftlichen Gründen, nicht als reines Kongresszentrum geführt werden, sondern wird einen Mix von ganz unterschiedlichen Dienstleistungen anbieten. Sicher ein ambitioniertes und für den Gesamtstandort Zürich positives Projekt. Aber es beeinflusst die Notwendigkeit eines namhaften Ausbaus der Kongressinfrastruktur in der Stadt nicht.