Die wichtigste Frage liess Microsofts Chef-Jurist Brad Smith unbeantwortet, egal, wie oft sie ihm gestellt wurde: Ob der Software-Weltmarktführer gegen das Urteil des Europäischen Gerichtshofes Einspruch erhebt, so Smith, «das können wir erst beurteilen, wenn wir das Urteil mehrfach intensiv studiert haben». Am Morgen, bei der Fahrt von Luxemburg nach Brüssel, sei er aber nur zum einmaligen Lesen der 248 Seiten gekommen.

Die Enttäuschung über die Schlappe, die Microsoft in Europa einstecken musste, steht Smith ins Gesicht geschrieben, als er in einem Brüsseler Hotel vor die Presse tritt. Das Gericht hatte in erster Instanz in Luxemburg nach dreijähriger Beratung verkündet: Das von der EU-Kommission wegen Marktmissbrauchs verhängte Bussgeld von 497 Mio Euro ist ebenso rechtens wie die harten Wettbewerbs-Sanktionen gegen Microsoft.
Dennoch versuchte der Amerikaner, der den Konzern von Bill Gates durch das Kartellverfahren in den USA geführt hat, den guten Verlierer zu geben: Er habe am Morgen bei der EU-Wettbewerbsbehörde angerufen und gratuliert, «zu einem deutlich grösseren Anteil Recht bekommen zu haben, als Microsoft das hat».
Nun will er sich mit seiner Truppe darum bemühen, die noch anstehenden Rechtsstreitigkeiten mit der EU-Kommission gütlich zu klären. Die Brüsseler Behörde hatte dem US-Konzern im März vorgeworfen, für die Bereitstellung technischer Informationen überhöhte Preise zu verlangen. «Es wäre wichtig für uns zu wissen, welcher Preis niedrig genug ist», sagte Smith. Die von der Kommission gewählte Formulierung, es müsse sich um einen «angemessenen» Preis handeln, heisse nicht, dieser Preis müsse bei Null liegen.
Dennoch liess es sich Brad Smith nicht nehmen, vor schwerwiegenden Konsequenzen des Urteils für die gesamte IT-Branche zu warnen. Microsoft sei nicht das einzige Unternehmen mit einer marktbeherrschenden Stellung. Google habe bei Suchmaschinen einen Marktanteil von 70 bis 80%, Apple dominiere das Online-Musikgeschäft klar. «Die Entscheidung verleiht der EU-Kommission ziemlich viel Macht und einen ziemlich weiten Ermessensspielraum», sagte der Jurist.

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Das Kartellverfahren gegen Microsoft

2004

24. März: Die EU-Kommission verhängt eine Rekordstrafe
gegen Microsoft wegen Verstössen gegen den fairen Wettbewerb. Die EU verlangt, dass Microsoft ihr Betriebssystem Windows ohne Media Player vermarktet. Zudem muss Microsoft konkurrierenden Herstellern von Serverprogrammen alle nötigen Informationen bereitstellen, damit diese ihre Programme mit Windows verbinden können.

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8. Juni: Microsoft klagt gegen die Entscheidung vor dem EU-Gericht Erster Instanz in Luxemburg.

2005

10. November: Die EU-Kommission setzt Microsoft eine Frist bis zum 15. Dezember zur Umsetzung der Auflagen. Sie wirft Microsoft vor, Konkurrenten, die ihre Programme mit Windwos verknüpfen wollen, zu hohe Preise für Informationen abzuverlangen.

22. Dezember: Die EU-Kommis-sion beanstandet formal die Dokumentation von Microsoft.

2006

25. Januar: Microsoft bietet an, Teile des Quellcodes ihrer Arbeitsgruppenserver Lizenznehmern zugänglich zu
machen.

12. Juli: Die EU-Kommission verhängt eine neue Strafe von 280,5 Mio Euro, weil Microsoft die zwei alten Auflagen zu den Serverinformationen nicht erfüllt habe. Microsoft kündigt eine neue Klage an.

2007

1. März: Die Kommission bemängelt die Microsoft-Preise.

17. September: Das EU-Gericht Erster Instanz gibt sein Urteil bekannt. Die Richter bestätigen im Wesentlichen die Entscheidung der EU-Kommission.