Die Finanzspezialisten, Privat- und Investmentbanker, die sich am Wochenende in Hamburg am M&A Mid-Market Forum getroffen haben, sind sich alle einig: Der Jahrgang 2005 wird für die Mergers- und Acquisitions-Szene (M&A) ein sehr erfolgreicher werden. Die Zahl der weltweit angekündigten mittelständischen Transaktionen war in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 11% höher als in der Vorjahresperiode. Thomson Financial listet für die ersten drei Quartale 2005 1014 Mid-Market-Transaktionen auf, die auf einen Gesamtwert von 144 Mrd Dollar kommen. Ebenso stark zugenommen (15%) hat in diesem Jahr die Zahl der Management Buyouts.

Katerstimmung längst vorbei

Diese Entwicklung sorgte in Hamburg für Champagnerlaune, weil die Rekordwerte von 2004 dieses Jahr deutlich übertroffen werden. Vor allem sind den Finanzspezialisten und M&A-Beratern die Jahre 2001 und 2002 noch in bester Erinnerung, als nach den Abstürzen an den Finanzmärkten auch in der Szene vor allem eines vorgeherrscht hatte: Katerstimmung

Ein Akteur hat sich in den vergangenen Jahren besonders hervorgetan. Im Bereich des globalen KMU-Marktes hat M&A International (siehe Kasten) zum dritten Mal in Folge seine führende Stellung behauptet. 2004 wurden in diesem Netzwerk 131 Deals bei gehobenen mittelständischen Firmen (zwischen 5 und 150 Mio Dollar) im Gesamtwert von 5,3 Mrd Dollar abgeschlossen, vor KMPG (81 Deals), PWC (69) und Ernst & Young (69). M&A-International-Präsident Hans Bethge gab in Hamburg bekannt, dass das Netzwerk in diesem Jahr bereits 170 Deals in dieser Grössenordnung abgeschlossen habe. «Wir bewegen uns erneut auf Rekordkurs.» Aktiv ist die M&A-Szene vorwiegend in den Branchen Konsumgüter, Energie, Healthcare, IT-Services, Pharma, Telekommunikation und Automotive.

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Auffallend ist der vermehrte Einfluss von Private-Equity-Firmen, was sich indes nicht genau quantifizieren lässt. Doch Hugo Haddon-Grant von der britischen Cavendish Corporate Finance Limited, einem der grossen Stars in der britischen M&A-Szene, schwärmt im Gespräch von übervollen Kassen: «Kein Wunder, buhlen die Private-Equity-Unternehmen um die besten Gelegenheiten, die sich bieten. Im Mid Market würden sie am liebsten sofort zuschlagen, ohne lange zu überlegen, damit sie à tout prix die Konkurrenz ausstechen.» In den USA findet seit Monaten ein erbitterter Wettbewerb um diese Gelder statt: «Über 100 Mrd Dollar Private-Equity-Kapital sind im Markt auf der Suche nach attraktiven Investments. Eine ideale Zeit für Verkäufer», stellt Murray Beach, der künftige Präsident von M&A International, mit Blick auf die Geschäfte, fest.

Mit dieser Entwicklung ist ein weiterer weltweiter Trend zu beobachten. KMU überlegen sich zusehends, anstatt öffentliches Geld an den Börsen aufzunehmen, vermehrt auf privates zu zählen womit wieder Private Equity im Spiel ist. Ein Grund spielt dabei, wie Ben Harding von «Acquisitions Monthly» erläutert, die zunehmende Regulierungsflut, von der die mittelständischen börsenkotierten Unternehmen betroffen sind. «Der Sarbanes-Oxley Act ist punkto Corporate Governance nicht überall ein Segen.»

Internationale Schweiz

Peter Binder von der gleichnamigen Firma, die M&A International angeschlossen ist, findet nur lobende Worte für das sehr aktive Netzwerk. Die Hälfte der Deals, die er mit seinem Team abschliesst, kommt mit Hilfe des Netzwerks zustande. Highlight dieser internationalen Beziehungen war für ihn bisher die Übernahme der Valser Mineralquellen AG durch Coca-Cola, der Verkauf der Villiger Fahrradsparte an die Trek Bicycle Corporation oder die Mehrheitsbeteiligung der Hess Group an Peter Lehmann, Australia. Seit zehn Jahren existiert Peter Binders Unternehmen, und angesichts der weltweiten Transaktionsaktivitäten, von denen auch die Schweiz tangiert wird, macht sich der diskrete Patron keine Zukunftssorgen, sondern stimmt in Hamburg ebenfalls in die Champagnerparty ein.

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M&A International: Das Netzwerk

Seit 20 Jahren existiert M&A International Inc., eines der weltweit führenden Netzwerke von unabhängigen Beratungsunternehmen. Diesem Netzwerk sind gegenwärtig 42 Unternehmen aus 35 Ländern mit über 350 Professionals angeschlossen. Letztes Jahr wurden in diesem Netzwerk über 200 Deals im Wert von insgesamt 10 Mrd Dollar abgeschlossen. Die Schweiz ist in M&A International mit der Binder Corporate Finance AG vertreten. (pi)


M&A-Szene in der Schweiz: Aktiv und diskret im Hintergrund

Die M&A-Szene in der Schweiz ist sehr diskret ganz im Gegensatz zum angelsächsischen Raum. Nach einem gelungenen Deal in London oder in New York werden die jeweiligen Berater und ihre Finanzboutiquen hochgejubelt. Die Hintergründe der Transaktion, die Summen und die Gebühren werden von den Finanzmedien seziert, analysiert und diskutiert.

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Transaktionen geschehen meist in Form von knapp verfasstenMitteilungen ohne weitere Hintergründe. Etwa, wenn in diesen Tagen in der Schweiz Phonak eine Mehrheitsbeteiligung an der brasilianischen CAS Productos Medicos bekannt gibt, der vom deutschen Industriellen Oetker kontrollierte Nahrungsmittelkonzern Hero die amerikanische Beech-Nut Nutrition zur Stärkung seines Geschäfts mit Babynahrung kauft oder die Etavis-Gruppe die Micatel-Kommunikations-AG übernimmt und damit zum grössen Anbieter für Planung, Realisierung und Service auf dem Gebiet der Telekommunikation in der Schweiz wird.

Was die dürren Mitteilungen nicht verraten: Die Schweizer M&A-Szene boomt gegenwärtig ebenso wie die ausländische. Aktuelle Zahlen sind zwar keine verfügbar, doch Beobachter gehen davon aus, dass die letztjährigen Werte auch in der Schweiz überboten werden. 2004 kam es gemäss der «HandelsZeitung»-Auswertung (siehe auch «HandelsZeitung» Nr. 3 vom 19. Januar 2005) zu insgesamt 370 Transaktionen (Fusionen, Übernahmen, Beteiligungen) mit schweizerischer Beteiligung, was gegenüber dem Vorjahr einer Zunahme von 20% entspricht.

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Zudem erwarb in75 Fällen eine ausländische Firma ein Schweizer Unternehmen (2003: 50). Schweizer Firmen wurden im Gegenzug in 77 Fällen im Ausland fündig. Bei Transaktionen stehen vor allem zwei Hauptmotivationen im Vordergrund: Zum einen wollen Schweizer Firmen mit der Übernahme wichtiger Branchenunternehmen oder mit Beteiligungen an Firmen die Marktposition im einheimischen und auf ausländischen Märkten weiter ausbauen. Oder aber es geht um eine Nachfolgeregelung in einem Familienunternehmen, bei der eine familieninterne Lösung oder ein Verkauf im Vordergrund steht. Von den rund 300000 Schweizer Firmen sind 80% Familienunternehmen.

M&A-Aktivitäten sind besonders in der Pharmabranche, der Bauwirtschaft, wo punkto Konsolidierung ein Nachholbedarf besteht, im Detailhandel (Stichwort: Landwirtschaft), in der Gebäudetechnik und im Maschinenbau zu beobachten. Viele mittelständische Unternehmen bekunden mit den globalisierten Finanzmärkten noch immer etwelche Mühe. Wenn plötzlich ausländische Investoren an die Türen klopfen, dann ist dasManagement häufig überfordert. Das belegt etwa das Verhalten von Saia-Burgess und Leica Geosystems in den vergangenen Monaten.Dabei müssen sich KMU vermehrt und ernsthaft mit dem M&A-Geschäft auseinander setzen. Denn die Private-Equity-Firmen schwimmen gegenwärtig im Geld. Kein Wunder, halten sie seit längerem in der Schweiz Ausschau nach Häppchen und werden wöchentlich vorstellig bei hiesigen Finanzboutiquen wie Binder Corporate Finance AG, Helbling CFT International AG, Zetra International AG oder The Corporate Finance Group. Diese sind neben den Grossbanken und den Beratungsfirmen KMPG, PWC, Ernest & Young die Hauptprotagonisten in der M&A-Szene. (pi)

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