Unter der Woche steht der goldene Subaru Impreza fast nur in einer Garage mitten in San Francisco. Um zur Arbeit zu kommen, braucht Besitzer Paul sein Auto nicht. Nur am Wochenende fährt er mit dem Kombi sein Bike in die Berge Kaliforniens. Von Montag bis Freitag teilt er den Impreza über den Internetdienst Relayrides mit anderen Autofahrern – für 7.50 Dollar pro Stunde. «Seid einfach nett zu meinem Wagen», bittet Paul die Mieter. «Dann wird er euch keine Probleme machen. Und ich auch nicht.»

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Paul ist seit drei Jahren bei Relayrides und hat seinen Subaru in dieser Zeit fast 300 Mal ausgeliehen. Die Zahlungen anderer Nutzer helfen ihm, seinen teuren Grossstadt-Garagenplatz zu finanzieren.

Relayrides oder Konkurrenten wie Get-around und Justshareit sind an der Westküste der USA kurz davor, zu einem Massenphänomen zu werden – ähnlich wie in der Schweiz Mobility. Die Car-Sharing-Genossenschaft hat hierzulande 105'000 Kunden. Doch im Unterschied zu den Schweizer Pionieren verleihen die amerikanischen Unternehmen nicht eigene Fahrzeuge, sondern vermitteln nicht genutzte Autos von Privatpersonen wie Paul. «Eine Milliarde Autos weltweit stehen mehr als 22 Stunden pro Tag bloss herum», sagt Getaround-Mitgründer Elliot Kroo. «Jedes über uns geteilte Fahrzeug holt 13 andere Autos von den Strassen.

Zudem beschert Getaround dem Fahrzeugbesitzer im Schnitt Einnahmen von 350 Dollar im Monat.» Noch stecken die amerikanischen Startups tief in den roten Zahlen. «Das sind vor allem riesige Marketingmaschinen», sagt ein Kenner der weltweiten Car-Sharing-Branche. «Die Investitionen in den Aufbau eines Netzwerks mit guten Fahrzeug-Verfügbarkeiten sind sehr hoch, gerade in den USA.»

Immer noch in der Testphase

Doch die Angebote liegen im Trend der Share Economy. Junge Menschen in den Städten gewichten den Zugang zu Fahrzeugen höher als den Besitz eines eigenen. Davon ist auch die Migros überzeugt. Was Relayrides und Co. für das Silicon Valley sind, will der Grossverteiler deshalb für die Schweiz werden. Über ihre Tochterfirma M-Way will sie mit dem Projekt Sharoo das Car-Sharing für Privatautos und Firmenflotten in der Schweiz etablieren. Passend zur Nachhaltigkeits-Strategie, mit der die Genossenschaft der «Generation M» diverse Versprechen abgegeben hat (siehe unten).

Die grossen Pläne der Migros machte die «Handelszeitung» bereits im Mai des vergangenen Jahres publik. Doch obwohl die Detailhändlerin schon damals gemäss Aussagen eines Sprechers «seit rund einem Jahr» am Projekt arbeitete, ist bei Sharoo in den letzten 14 Monaten kaum mehr etwas Sichtbares passiert. Sharoo ist nach wie vor «in der Pilotphase». Dabei wurde das Car-Sharing-Modell in einem geschlossenen Nutzerkreis schon im Sommer 2012 ausgiebig getestet. Und im Kanton Genf läuft ebenfalls seit letztem Jahr ein Pilot mit 160 Mitarbeitern eines Departements der öffentlichen Verwaltung. Dort vernetzt Sharoo nicht die privaten Fahrzeuge der Kantonsangestellten, sondern eine Flotte von 20 Elektrofahrzeugen auf zwei und vier Rädern.

Die Velos, Scooter und Autos von Sharoo sollen die Mitarbeitenden dafür entschädigen, dass die Verwaltung die Spesen für Geschäftsfahrten mit dem privaten Auto restriktiver handhabt. Und dafür, dass ihr Departement nach dem Umzug in ein neues Verwaltungsgebäude deutlich weniger Parkplätze für private Autos zur Verfügung stellt. Projektleiter Patrick Herzig vom Departement des Innern sagt: «Solchen dezentralen Fahrzeug-Sharing-Plattformen gehört die Zukunft.» Er sieht Sharoo gar als einen Beitrag seines Arbeitgebers, die Ziele der Uno-Agenda 21 zur Reduktion von Treibhausgasen zu erfüllen.

Umsatzt unbekannt

Gemäss Auskunft von Migros-Sprecher Urs Peter Naef dauert der Sharoo-Testlauf noch bis Ende des Jahres. «Der Pilotversuch wurde ausgeweitet und verlängert», sagt er. Bislang laufe alles sehr positiv. «Die Nutzungsrate der Mitarbeiter ist gut und der Kunde ist sehr zufrieden.» Obwohl der Grossverteiler schon seit über zwei Jahren an Sharoo arbeitet und testet, will Naef nichts von Verzögerungen wissen. «Die Entwicklung läuft plangemäss. Der Roll-out war und ist für 2013 – und nicht früher – geplant», sagt Naef. Als M-Way im Frühling eine Partnerschaft mit der Schweizer Privatparkplatz-Viermittlerin Park-it ankündigte, war der Startzeitpunkt allerdings noch konkreter. Es hiess, Sharoo werde im Sommer lanciert. Dazu sagt Naef: «Wir haben die Vermarktung an ausgewählte Business-Kunden diesen Monat gestartet.» Welche Firmen konkret mit Sharoo zusammenarbeiten, sagt der Sprecher allerdings nicht.

«Sharoo wäre bereit für den Start», weiss ein Kenner der Branche. «Es wäre wichtig, so schnell wie möglich live zu gehen – solange Sharoo technologisch noch führend ist.» Gegenüber sämtlichen internationalen Konkurrenten unterscheide sich das Migros-Projekt vor allem bei der benutzten Hardware. «Mobility muss ihre Autos für viel Geld umbauen und umrüsten, damit die Kunden Zugang zu den Fahrzeugen bekommen. Sharoo dagegen hat dafür ein Gerät entwickelt, das sich bloss einstecken lässt – ein grosser Vorteil.» Doch M-Way will für Sharoo zuerst eigene Strukturen aufbauen. Anfang Juni hat die Migros einen Firmenchef für Sharoo angestellt, wie Naef bestätigt. Eine eigene Firma hat er allerdings noch nicht. «Bislang war Sharoo ein Entwicklungsprojekt für Tüftler», sagt der Brancheninsider.

Während sich M-Way mit Sharoo zurückhält, geht es im Handelsgeschäft der Migros-Tochter bereits rund. In den zurzeit sieben Filialen verkauft die Migros Velos, Roller, Motorräder und Autos – alle natürlich elektrisch angetrieben. Umsatzzahlen gibt der 40-Personen-Betrieb mit Sitz in Glattbrugg in der Zürcher Agglomeration nicht bekannt. Migros-Sprecher Naef sagt aber: «Wir verzeichneten bei den E-Bikes ein deutliches Plus im Vorjahr. Die Stückzahlen haben sich verdreifacht.»

Schneller als der Markt

Damit wächst M-Way – auf tieferer Basis – deutlich schneller als der Gesamtmarkt. Gemäss den Daten der Fachstelle für Zweiradfragen wurden 2012 fast 53'000 Elektrovelos verkauft. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Plus von rund 7 Prozent. Insbesondere boomt der schnelle Typ E-Bikes – er unterstützt den Velofahrer bis zu einer Geschwindigkeit von 45 Stundenkilometern und braucht eine Motorrad-Zulassung. Konkret wurden letztes Jahr über 14070 schnelle Elektrovelos abgesetzt. Das sind im Vorjahresvergleich fast 4000 Stück mehr. Marktbeobachter schätzen, dass die Branche allein in diesem stark wachsenden Segment gegen 70 Millionen Franken umgesetzt hat. 15 Prozent aller verkauften Fahrräder waren letztes Jahr mit einem Elektromotor ausgestattet. Jeder Sechste pedalt in der Schweiz also mit Unterstützung aus der Steckdose.

Im kommenden Jahr will M-Way weitere Läden in der Schweiz eröffnen. Dafür sucht die Firma Franchisenehmer. Geplant sind acht weitere Standorte in kleineren Städten. Die Suche nach Verkaufspartnern lieferte bislang keine konkreten Resultate. «Zu laufenden Vertragsverhandlungen nehmen wir keine Stellung», sagt Naef dazu. Selbst ins Ausland zieht es M-Way. Vertreter des Unternehmens haben mehrfach von einem solchen Schritt gesprochen. Doch Naef dämpft die Erwartungen: «Wir haben keine Eile und prüfen, Partnerschaften einzugehen.»

 

«Generation M»: Was Migros-Chef Herbert Bolliger verspricht

Reden und Handeln
In angelsächsischen Ländern ist es üblich, Gutes zu tun und darüber auch vollmundig zu reden. In der Schweiz engagieren sich Private und Unternehmen lieber im Hintergrund. Nicht so die Migros. Letztes Jahr hat der Grossverteiler die Kampagne «Generation M» lanciert. Damit verspricht die Detailhändlerin Kindern und Jugendlichen, sich für bestimmte Nachhaltigkeitsziele und Gesundheitsthemen zu engagieren.

Zielerreichung intern geprüft
Für Migros- Chef Herbert Bolliger ist «Generation M» die «Klammer für das Nachhaltigkeitsengagement der Migros», wie er dem Firmenmagazin sagte. «Bisher haben wir meist zuerst gehandelt und erst dann darüber gesprochen.» Jetzt dreht der Grossverteiler den Spiess um. Er formuliert konkrete Ziele, kommuniziert diese nach aussen und lässt sich an der Zielerreichung messen. Überprüft wird der Fortschritt allerdings nur intern. Durch die Mitreva Interne Revision AG, eine Gesellschaft des MGB.

Mehr Recycling
Gestartet ist die Kampagne mit 30 Versprechen. E ines davon betrifft das Recycling von PET-Flaschen. 9000 Tonnen PET hat die Migros letztes Jahr zurückgenommen, rund 235 Millionen Flaschen oder 90 Prozent der verkauften Stückzahl. Die Migros rezykliert damit mehr PET als jeder andere Detailhändler in der Schweiz. Und verspricht, das weiterhin so zu halten. Bei der Zielerreichung sieht sich die Migros «auf Kurs». Kürzlich hat die Migros das Vorhaben erweitert. Neu will die Migros nicht nur PET, sondern alle Plastikflaschen zurücknehmen und recyceln. Bis Ende 2013 werden alle 566 Filialen dafür umgerüstet. Die Migros-Genossenschaft Luzern nimmt bereits seit 2009 allen Plastik an.

Weniger Zucker
Der Migros geht es bei «Generation M» nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die Gesundheit. Unter anderem nimmt sie sich vor, den Zuckergehalt in ihren Joghurts zu reduzieren – jedenfalls in knapp der Hälfte der Becher. Hintergrund ist der Konsum von gegen 50 Kilo Zucker pro Person und Jahr. Mit vier bis fünf Würfelzuckern pro Becher sind gerade die vermeintlich gesunden Milchprodukte Zuckerbomben. Bis Ende des Jahres sollen viele Migros- Eigenmarken bis zu 10 Prozent weniger Zucker enthalten. Bei derzeit gut fünfzig Joghurts hat der Grossverteiler den Zuckergehalt bereits reduziert, allerdings bloss um 2 bis 5 Prozent.