Die 111 Migros-Delegierten reisen am 24. März ins süddeutsche Städtchen Rust. Der Besuch im Europa-Park ist kein Freizeitausflug. An jenem Samstagmorgen geht es um die ­Zukunft des Detailhandelsriesen. Die Delegierten wählen im grössten Freizeitpark Deutschlands den neuen Präsidenten.

Die Wahl lässt sich die Migros einiges kosten. Viele Migros-Abgeordnete reisen schon am Vorabend an und übernachten in Rust. Und die Miete des Europa-Parks kostet pro Tag über eine Million Franken. Das passt schlecht zu Aussagen von Konzernchef Herbert Bolliger, der jüngst den Einkaufstourismus geisselte: «Sobald man sein Geld im Ausland ausgibt, fehlt dieser Umsatz in der Schweiz, was natürlich Konsequenzen auf unsere Arbeitsplätze und letztlich die Löhne hat. Ich frage mich auch, ob sich der Weg ins Ausland tatsächlich lohnt, wenn man Zeit, Benzin und die ökologischen Folgen aufrechnet», sagte er im Hausblatt «Migros-Magazin».

Ein blitzgescheiter Tessiner

Die Diskrepanz zwischen Worten und Taten ist schon fast symbolisch für die ­Situation, in welcher der grösste Detailhändler der Schweiz steckt. Die Migros muss sich zunehmend in einem globalisierten Umfeld behaupten. Vorboten dieser neuen Welt sind die deutschen Discounter Aldi und Lidl, welche den hiesigen Markt bereits gehörig durcheinanderwirbeln. Für den orangen Riesen mit seinen starken traditionellen Werten ist es eine besonders grosse Herausforderung, in diesem verschärften Wettbewerb mitzuhalten und doch sich selbst zu bleiben.

Anzeige

Der neue Präsident soll diesen Spagat schaffen. Die Findungskommission der ­Migros schlägt als einzigen offiziellen Kandidaten für die Nachfolge des abtretenden Claude Hauser den Tessiner Wirtschaftsanwalt Andrea Broggini vor. Der 55-Jährige besitzt internationale Erfahrungen und ist seit 2004 Mitglied der Migros-Verwaltung. Er gilt als ein Mann der Hochfinanz und verkörpert den modernen Managertyp, der auch einen börsenkotierten Konzern führen könnte.

Broggini studierte an der amerikanischen Eliteuni Harvard Recht und gilt als blitzgescheit. Als Anwalt arbeitete er unter anderem für Traudl Engelhorn, Erbin der deutschen Pharma- und Diagnostikfirma Boehringer Mannheim, die seit langem im Kanton Waadt wohnt. Broggini sitzt auch im Verwaltungsrat der italienischen Swiss­com-Tochter Fastweb und des Versicherungskonzerns Sai-Fondaria. Ständerat Filippo Lombardi ging mit dem Kandi­daten ins Kollegium und hat noch heute Kontakt zu ihm: «Er ist ein sehr diskreter, intelligenter und sprachgewandter Wirtschaftsanwalt.» Broggini steht daher für eine Migros, die schneller, zentralistischer, unternehmerischer und auch noch gewinnorientierter agieren soll.

Die Erben Duttweilers

Broggini kann auf eine starke Lobby zählen. Treibende Kraft hinter ihr ist Migros-Finanzchef Jörg Zulauf. Der Zürcher Zünfter weibelt seit längerem für die ­Umwandlung der Migros in ein normales ­Unternehmen. Broggini ist daher für ihn der ideale Kandidat.

Nicht überall sieht man diese Tendenz gerne. Viele Delegierte können nicht verstehen, dass die Findungskommission nicht mindestens einen Zweiervorschlag mit einer Frau als Alternative zur Auswahl vorbrachte. Dabei hegen gleich drei Frauen Ambitionen: Migros-Generaldirektorin Gisèle Girgis, Unternehmensberaterin Paola Ghillani und Headhunterin Doris Aebi (siehe Kasten). Sie werden in Rust ­gegen Kronfavorit Broggini antreten. Alle drei sind in der traditionellen Genossenschaft stärker verankert als der Wirtschaftsanwalt. Sie stehen für das soziale Kapital im Sinne des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler.

Die 62-jährige Girgis wäre als Westschweizerin eigentlich prädestiniert für das Präsidium. Denn sie arbeitet seit über dreissig Jahren beim orangen Riesen – an ihr haftet deshalb Stallgeruch. Sie konnte sich aber in der Generaldirektion nie profilieren. «Sie ist zu blass», monieren Kritiker. Intern fehlt es ihr deshalb seit langem an Unterstützung.

Auf grösseren Beifall kann die eloquente Doris Aebi zählen. Die Vizepräsidentin der Migros-Verwaltung hat in der Findungskommission am zweitmeisten Stimmen erzielt. Doch ihre Vermittlung von Claude Béglé als Präsident der Post bleibt als Klecks in ihrem Reinheft. «Sie verkörpert die weiche Migros und wäre komplementär zu Bolliger», meint ihr Lobbyist. Die dritte Frau im Rennen machte sich ­einen Namen als Chefin der Schweizer Max-Havelaar-Stiftung. Auch Paola Ghillani sitzt in der Migros-Verwaltung und setzt sich stark für die Nachhaltigkeit ein.

Die Traditionalisten sind einer dezen­tralen Genossenschaft verbunden, welche von sogenannten Genossenschaftsfürsten regiert wird. In diesem Lager befindet sich auch der fünfte Kandidat: Der 66-jährige Berner Anwalt und Notar Max Meyer, langjähriger Präsident der Migros Aare. Er hält am Bewährten der Migros fest, möchte die Strukturen aber reformieren wie zum Beispiel eine Zusammenlegung der Migros-Genossenschaft Waadt mit jener von Genf. Er war eine treibende Kraft bei der Zusammenlegung und der Formierung der neuen Genossenschaft Migros Aare.

Der Ausgang der Wahl am 24. März ist offen. Der Entscheid wird den Delegierten nicht einfach fallen. Denn mit der Wahl des Präsidenten bestimmen sie, auf welchem Pfad der orange Riese weiterwandern soll – dem des sozialen Kapitals oder dem des maximalen Profits.