Seit ein paar Jahren wird der Abstand zwischen den beiden Detailhandelsriesen immer kleiner. Letztes Jahr verringerte sich der Gruppenumsatz der Migros um 800 Mio (-3,1%) auf 24,95 Mrd Fr., während Coop den Umsatz um 400 Mio (2,1%) auf 18,7 Mrd Fr. steigerte (siehe Tabelle).

Was sind die Gründe für Coops Aufholjagd? Einerseits hat Coop 2009 von gewissen Sondereffekten profitiert - so schlug in den ersten Monaten 2009 noch der Kauf von Carrefour zu Buche. Zudem kaufte die Coop-Fleischverarbeiterin Bell im Ausland gross ein, was sich in den Umsatzzahlen der Gruppe positiv niederschlägt. Doch entscheidend ist eine Reihe von längerfristigen Entwicklungen:

Deutsche auf dem Vormarsch Nebst diesen Zukäufen liegt eine Erklärung für das Schwächeln der Migros aber bei den Deutschen - und zwar sowohl bei den deutschen Harddiscountern Aldi und Lidl wie auch bei den deutschen Zuwanderern. Vor allem Aldi, der schätzungsweise bereits über 1 Mrd Fr. Umsatz in der Schweiz erzielt, schnappt der Migros die preissensiblen Kunden weg. Kommt dazu, dass Coop von den deutschen Zuwanderern mehr profitiert als Migros, weil diese kaufkräftigen Kunden ihre vertrauten Marken vor allem bei den Baslern finden.

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Zentrale Organisation Der Grundstein dafür, dass Coop in den letzten Jahren stark zulegen konnte, wurde aber bereits vor neun Jahren gelegt. Mit dem Projekt Coop Forte wurden die 14 Genossenschaften fusioniert, Coop ist seit dieser Reorganisation schlank aufgestellt. Die Stundenproduktivität wurde seit 2001 um 40% gesteigert, die Abläufe in der Logistik gestrafft.

Auch intern agiert Coop rascher als die Migros: Ein Telefon an Coop-Chef Hansueli Loosli genügt oft, und ein Entscheid wird gefällt. Bei der Migros, die an ihren zehn regionalen Genossenschaften festgehalten hat, dauert alles ein wenig länger.

In den letzten Monaten ist Coop zudem ein kleines Kunststück gelungen: Die Basler haben ihr Hochpreisimage, das ihnen Anfang des neuen Jahrtausends anhaftete, weitgehend abgelegt. Die Einführung der Billiglinie «Prix Garantie» sowie zahlreiche Preisrunden liessen Coop in Vergleichen wieder gut aussehen. Damit das auch bei den Kunden ankommt, publiziert Coop seit Jahren fast mantra-artig die monatlich vom Marktforschungsinstitut Nielsen durchgeführten Preisvergleiche.

Zum positiven Image beigetragen hat zudem das gute Einvernehmen von Coop mit den Gewerkschaften, während die Migros-Chefs mit der Gewerkschaft Unia heillos verkracht sind.

Trends erkannt Dass bei der Migros Entscheide oftmals länger dauern, macht sich auch immer wieder bei neuen Ladenformaten bemerkbar. Während Migros-Chef Herbert Bolliger seit Jahren davon spricht, ins Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten einzusteigen, hat Coop den Schritt bereits getan: mit den Vitality-Apotheken, die anfangs als Preisbrecher am Markt auftraten. Jahrelang liess der Erfolg auf sich warten. Doch das Durchhalten von Coop hat sich gelohnt: Vitality gehört zu den am schnellsten wachsenden Formaten innerhalb der Gruppe.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in einem weiteren Wachstumsbereich, den Convenience-Shops. Coop lancierte eigene Pronto-Läden an Tankstellen und Bahnhöfen, während die Migros in einer Partnerschaft mit Valora («avec») nicht vom Fleck kam. Erst sehr spät suchte sich die Migros einen neuen Partner - und muss sich nun mit den Migrolino-Läden auf Aufholjagd begeben. Ebenso lief es in Bereichen wie Bio und Nachhaltigkeit, Bau + Hobby sowie der Sortimentsvielfalt - Coop agierte rascher und kann nun die Früchte der Anstrengungen ernten.

Partnerschaften Auch im Ausland agiert Coop glücklicher. So setzten die Basler schon früh auf Partnerschaften; damit teilt der Schweizer Detailhändler das Risiko auf die verschiedenen Partner auf. Mit dem deutschen Detailriesen Rewe führt Coop den Abhol- und Belieferungsgrosshandel für die Gastronomie Transgourmet im In- und Ausland, mit der Einkaufsgemeinschaft Coopernic kaufte Coop Iki. Diese Einkaufsgemeinschaft nützt Coop auch für günstige Einstandspreise. Migros hingegen übt bei ihrer Expansion den Alleingang und hat aus dem Fiasko in Österreich wenig gelernt.

Ladengestaltung Zwar hat die Migros im Inland die Discountkette Denner gekauft. Doch die grossflächigen Läden, die im Trend liegen, die sicherte sich Coop durch den Kauf der Ketten Waro und Carrefour. Während die Migros erst jetzt daran ist, zahlreiche Filialen umzubauen und neue zu erstellen, konnte Coop durch Zukäufe viel schneller wachsen - Bauen in der Schweiz dauert bekanntlich sehr lange. Zudem setzte Coop schon früh auf zahlreiche Speziallinien in seinem Sortiment. Erst jetzt teilt auch die Migros ihr Angebot weiter auf - neben dem bereits bestehenden Luxus-Angebot namens Sélection lanciert sie das Label M-Premium, das rund 500 Artikel umfassen und preislich tiefer als Sélection angesiedelt sein soll.

Migros rüstet zur Aufholjagd

Obwohl Coop zurzeit stärker wächst als die Migros, hat diese ihre Defizite erkannt und mit Verbesserungen begonnen - neue grossflächige Läden, neue Labels oder neue Ladenformate. Kommt dazu, dass das Wachstum von Coop in den kommenden Jahren deutlich nachlassen dürfte, da Akquisitionen im grossen Stil nicht mehr machbar sind.

Während sich Experten einig sind, dass Coop sein Potenzial derzeit voll ausschöpft, wird die Migros momentan unter Wert geschlagen. Dass sie sich aufrafft und wieder zulegen kann, dürfte deshalb nur eine Frage der Zeit sein.