Die Schweiz geht bei der Entsorgung ihrer Atomkraftwerke auf nummer sicher: Die Betreiber müssen das Geld für die aufwendige Stilllegung der Anlagen und für die Entsorgung der Abfälle in zwei vom Bund kontrollierte Fonds einbezahlen. So soll verhindert werden, dass die Gesellschaften sich nach Ende der Laufzeit ihrer AKW auflösen und die Stilllegung der Anlagen auf Kosten der Allgemeinheit geht. Mit der Finanzkrise ist nun aber die Gefahr gewachsen, dass die für die Einzahlungen verantwortlichen AKW-Betreiber Geld in die Fonds nachschiessen müssen.

Fonds performten 2008 negativ

Gemäss Aussagen verschiedener Fondsverantwortlicher liegt eine Unterdeckung vor, wenn während zwei Rechnungsjahren eine negative Performance von 15% vorliegt. 2008 lag die Performance des Fonds deutlich darunter, nämlich bei einem Minus zwischen 20 und 21%, wie der für die Anlagestrategie des Fonds zuständige Roland Hengartner erklärt. Die Performance im 1. Quartal 2009 habe «dem Markt entsprochen». Vergleicht man diese Aussage etwa mit der Performance der Pensionskassen im 1. Quartal, dann besteht wenig Grund für Zuversicht.

Wie schätzt eines der betroffenen Werke die Situation ein? «Wenn die Finanzmärkte dieses Jahr einigermassen stabil bleiben, wird die Nachschusspflicht nicht greifen», zeigt sich Beat Grossenbacher, Finanzchef des Stromversorgers BKW, überzeugt. Die BKW betreibt das Kernkraftwerk Mühleberg. Zudem ist laut Grossenbacher der genannte Benchmark von 15% eine interne Regelung, die dem Fonds nicht vom Gesetz vorgegeben worden sei.

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Unklar ist, wie viel Geld die AKW-Betreiber nachschiessen müssten, wenn die Performance auch 2009 unterhalb der Benchmark bleiben sollte. Ende 2008 betrug der Wert der Fonds nach dem Buchverlust von rund 20% noch 3,37 Mrd Fr. Sicher ist eines: Sollte der Buchwert des Fonds erneut stark schmelzen, wären bald hunderte Mio Fr. fällig. Ob die AKW-Betreiber die Beträge sofort zahlen müssten oder ob diese über eine längere Zeit verteilt würden, ist laut Beat Grossenbacher völlig offen. Eine Ratenzahlung wäre denkbar, wird das erste AKW doch frühestens 2020 abgestellt.

Branche ist in der Klemme

Die Wertverluste des Stilllegungs- und Entsorgungsfonds haben 2008 bereits Spuren in den Resultaten der grossen Stromkonzerne hinterlassen. Für die BKW wäre die Einzahlung zusätzlicher Gelder in die beiden Fonds allerdings nicht erfolgswirksam, wie BKW-CFO Beat Grossenbacher betont. «Die entsprechenden Rückstellungen wurden bereits gemacht.»

Trotzdem: Die Schweizer AKW-Betreiber stecken in einem Dilemma. Angesichts der geplanten neuen Atomkraftwerke müssen sie jegliche negative Presse vermeiden; sollte in der Öffentlichkeit auch nur der leiseste Verdacht entstehen, es könnte das Geld fehlen, um abgeschaltete AKW zu demontieren und den Abfall ins Endlager zu verfrachten, kämen die Betreiber von der Politik unter Druck, Geld nachzuschiessen.

Auf der anderen Seite aber sind die AKW-Betreiber oder deren Muttergesellschaften an der Börse kotiert. Nachrichten über zusätzliche Verpflichtungen in Millionenhöhe wären Gift für die Börsenkurse.