Sie sind im Zuge der Finanzkrise regelrecht durchgestartet und konnten einen Rekordgewinn in Folge ausweisen. Wie lebt es sich als Krisengewinner?

Markus Graf: (lacht) Es lebt sich gut. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und freuen uns über die guten Resultate im vergangenen Jahr.

Viele Ihrer Konkurrenten konnten zwar auch hohe Neukundenzuflüsse verzeichnen, dennoch sorgten die Finanzmarktturbulenzen für tiefere Resultate. Hatten Sie einfach Glück?

Graf: Ich denke nicht, dass es Glück war. Sicherlich sind in diesem Jahr ein paar Elemente zum Vorschein gekommen, die uns gegenüber der Konkurrenz abheben. So haben wir nie strukturierte Produkte verkauft. Wir haben keine eigene Fonds und sind damit auch nicht von Schliessungen, Liquidationen oder Handelseinstellungen betroffen. Entsprechend hatten wir nie Positionen, bei denen unsere Kunden im Falle eines Konkurses, wie beispielsweise bei Lehmann-Produkten oder im Madoff-Fall, einen Totalverlust erlitten. Aber natürlich haben auch bei uns die Börsenturbulenzen ihre Spuren hinterlassen. Diese konnten wir aber mit den Neukundengeldern wieder kompensieren.

Sind die Neukundenzuflüsse ausschliesslich enttäuschte und verängstigte UBS-Kunden?

Graf: Ein erheblicher Anteil der Kundenzuflüsse stammt von abgewanderten UBS-Kunden. Wir haben aber auch festgestellt, dass vermehrt Kunden von grösseren Schweizer Privatbanken zu uns wechseln.

Woran liegt das?

Graf: Ich denke, dass wir dank unserer Grösse eine hohe Transparenz aufweisen können. Hinzu kommt, dass wir bewiesen haben, stets gute Resultate zu liefern. Weiter fahren wir eine vorsichtige Anlagepolitik, was uns im Gegensatz zu anderen Vermögensverwaltern bis anhin von Wertberichtungen verschonte. Es ist aber auch zu sagen, dass hinter Lienhardt & Partner ein Hauptaktionär steht, was das Vertrauen zusätzlich stärkt.

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Wie haben sich die Neukundengelder in den ersten Monaten im laufenden Jahr entwickelt?

Graf: Die Dynamik bei den Neugeldzuflüssen hat sich verlangsamt. Der Kunde gilt im Allgemeinen als träge. Sofern keine besorgniserregende Situation vorherrscht, wie beispielsweise im vergangenen Oktober, als die UBS Staatshilfe erhielt, wechseln die Kunden nur zögerlich ihre Bank.

Entsprechend sorgen Sie sich nicht darum, die bereits gewonnenen Kunden bei anziehenden Märkten wieder an die Konkurrenz zu verlieren?

Graf: Im Gegenteil! Unser oberstes Ziel ist es, jeden einzelnen Kunden entsprechend seinen Bedürfnisse zu pflegen und zu hegen. Pro verlorenen Kunden benötigt es fünf Mal mehr Aufwand, einen neuen für sich zu gewinnen.

Bis anhin sind Sie ausschliesslich vom Finanzplatz Zürich aus tätig. Planen Sie, künftig auch von anderen Standorten aus zu agieren?

Graf: Unser Geschäftsmodell konzentriert sich primär auf Schweizer Privatkunden. Daher sind wir nicht auf der Suche nach einem Standort im Ausland. Aber gegenüber einer Filialeröffnung innerhalb der Schweiz sind wir sicherlich nicht abgeneigt. Sollte sich beispielsweise im Raum Zug, Luzern oder Bern etwas ergeben, werden wir dies sicherlich prüfen.

Welche Wachstumsstrategie verfolgen Sie sonst, abgesehen von einer möglichen Filialeröffnung?

Graf: Wir sind derzeit aktiv daran, unseren Mitarbeiterbestand zu vergrössern. Ebenfalls werden wir in diesem Jahr eine grössere Werbekampagne lancieren, um unseren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Weiter sind auch Akquisitionen möglich. Allerdings müssen diese in Relation zu unserer bestehenden Grösse stehen und damit verdaubar sein.

Wie setzt sich Ihre Kundenstruktur im Allgemeinen zusammen?

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Graf: In erster Linie betreuen wir Schweizer Privatpersonen, aber auch ausländische Kunden. Unsere ausländischen Kunden schätzen besonders unsere spezialisierten Kenntnisse im Small- und Mid-Cap-Bereich.

Dann bereitet Ihnen das wankende Bankgeheimnis keine schlaflosen Nächte?

Graf: Ich gehe davon aus, dass wir marginal von einem Kundenabfluss betroffen wären. So haben wir unsere Stärken in der Vergangenheit stets mit sehr guten Resultaten untermauert

Wie ist Ihre persönliche Einschätzung für den gesamten Bankenplatz Schweiz? Bedeutet der eventuelle Fall des Bankgeheimnisses den Niedergang des Schweizer Private- Bankings-Standortes?

Graf: Das denke ich kaum. Ich glaube nicht, dass wir viele Kundengelder verlieren werden. Der Banking-Standort Schweiz bietet viele Vorteile, wie langjährige Tradition, Professionalität und Stabilität. Zudem haben sich die Schweizer Banken in der Vergangenheit stets gegenüber der ausländischen Konkurrenz bewiesen. Klar ist und war es immer, dass, wenn die einzelnen Vermögensverwalter ihre Performance nicht liefern, ihnen auch das Bankkundengeheimnis nichts nützt.

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Also ist das Bankkundengeheimnis mehr ein «PR-Gag»?

Graf: Ich sehe das Bankgeheimnis als Persönlichkeitsrecht. So wie es ein Arzt- oder Anwaltsgeheimnis gibt, so braucht es auch den persönlichen Schutz in finanziellen Fragen. Ich stelle immer wieder fest, dass es den wenigsten Kunden um einen möglichen Steuerbetrug geht. Viel eher schätzen die Kunden den Schutz ihrer Privatsphäre.

Aber ohne Bankkundengeheimnis fällt dieser Vorteil weg?

Graf: Im Gegensatz zu Schweizer Privatkunden hätte eine mögliche Aufweichung sicherlich Auswirkungen auf die ausländische Kundschaft. Ich glaube aber, dass sich die hiesigen Banken in der Vergangenheit punkto Kompetenz und Professionalität genügend gut positioniert haben, um einer möglichen Neuordnung Meister zu werden.

Kann die Schweiz langfristig dem zunehmenden Druck ausländischer Staaten standhalten?

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Graf: Die Diskussion muss ernst genommen werden. Unsere Politik muss nun Stärke zeigen und darf sich nicht in die Mangel nehmen lassen. Abgesehen von der Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und -betrug, welche im Ausland ohnehin nicht verstanden wird, muss das Bankgeheimnis im Schweizer Rechtssystem fest verankert bleiben. Zudem zeugt es nicht von Fairness, wenn ausländische Staaten versuchen, auf diesem Wege ihre Defizite auszugleichen

Hat sich Ihrer Meinung nach die Schweizer Politik bis anhin souverän verhalten im Streit um die Schweizer Eigenheit?

Graf: Nein. Wir reagieren, statt zu agieren. Es fehlt eine Strategie und ein einheitlicher Auftritt. Wenn nun das Abkommen des Fürstentums Liechtenstein mit den USA als Ziel stipuliert wird, so gilt es doch zu bedenken, dass unser Nachbar dieses Abkommen unter anderen politischen Rahmenbedingungen abgeschlossen hat. Die Schweiz steht unter internationalem Druck, was die Aufgabe massiv erschwert.

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Sorgen die anhaltenden Diskussionen über die UBS und das Bankgeheimnis für einen Reputationsschaden für den Finanzplatz Schweiz?

Graf: Die oftmals hervorgehobene Stabilität und die Rechtsstaatlichkeit der Schweiz werden mehr und mehr in Frage gestellt. Aber ich denke, dass die in Schieflage geratene UBS und die sich nachziehenden Ereignisse die stärkeren Auswirkungen auf das Image unseres Finanzplatzes haben.

Das heisst, die UBS schadet nicht nur sich selbst, sondern dem gesamten Schweizer Bankenplatz?

Graf: Ja, die Misere um die UBS schadet uns allen. So galt die UBS für viele Ausländer als Sinnbild für die hiesigen Banken. Entsprechend zeigt sich die ausländische Kundschaft irritiert, dass sich die einstige Vorzeigebank verspekulierte und dadurch Staatshilfe in Anspruch nehmen musste.

Von der Krise rund um die Grossbanken haben aber etliche Schweizer Banken, wie auch Sie, stark profitiert.

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Graf: Kurzfristig profitieren wir und unsere Konkurenz durchaus. Langfristig muss uns etwas an einer Lösung liegen. Der Reputationsschaden wäre sonst nachhaltig und massiv.

? das bedeutet?

Graf: Im Fall der UBS muss nun dringend eine Lösung gefunden werden, um die unterschiedlichen Brandherde zu löschen. Je mehr die Grossbank immer wieder für Negativschlagzeilen sorgt, umso schwieriger wird es für die UBS, die Wende zu erreichen.

Dafür hat die UBS nun mit Oswald Grübel und Kaspar Villiger zwei Pensionäre wieder ins Rennen geschickt.

Graf: Die beiden Persönlichkeiten ergänzen sich gut. Mit Oswald Grübel ist ein erfahrener Krisenmanager gefunden. Allerdings müssen - um erfolgreich zu sein - auch die Rahmenbedingungen stimmen. Im Falle der CS hatte Grübel Rückenwind, indem sich das Umfeld und der Markt positiv entwickelten. Bei der UBS ist diese Aufgabe wesentlich schwieriger. Für die nähere Zukunft ist wohl kaum mit einer raschen konjukturellen Erholung zu rechnen. Auch hat die Finanz- und Immobilienkrise in den USA den Tiefpunkt noch nicht erreicht.

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Sind nun aufgrund der Wirtschaftskrise wieder vermehrt Banker der alten Schule gefragt?

Graf: Es geht nicht um das Alter, sondern um die Erfahrung, schwierige Situationen meistern zu können. Gerade in schwierigen Situationen spielt Erfahrung eine wesentliche Rolle.