Eingestellt wurde er von Walter Schoeller, Inhaber der Schoeller-Gruppe. «Ein Patron von altem Schrot und Korn», sagt Hans-Jürgen Hübner, CEO von Schoeller Textil. Er kam vor 45 Jahren in die Schweiz, ein Diplom als Textilingenieur in der Tasche und mit einem Kopf voller Ideen.

Eigentlich wollte er hier nur etwa ein halbes Jahr bleiben; als Teil seiner Lehr- und Wanderjahre. Heute ist er der Chef. Er hat alles mit- und überlebt: Die verschiedenen Krisen in der Textilwirtschaft, das Aufkommen der asiatischen Konkurrenz und die Hochblüte der technischen Textilien, an der er massgeblich beteiligt ist.

Wie einen Tannzapfen vorstellen

Wer Hübner vorhält, er sei ein Wahnsinniger, hat bei ihm gute Karten. Er blocht mit seiner BMW Cruiser mal rasch über alle Pässe der Alpen, um das Material selber zu testen. Jüngste Errungenschaft: Schoeller entwickelte eine Hightech-Membrane, die nicht nur wind- und wasserdicht ist, sondern auch noch einen hohen Grad von Elastizität hat und zusätzlich den Feuchtigkeitshaushalt reguliert. «Man muss sich das wie einen Tannenzapfen vorstellen. Er schliesst oder öffnet sich je nach Witterung. Wenn es kalt ist, wird zugemacht. Wird es warm, geht die Membrane auf», erklärt er.

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Hübner kann komplizierte Vorgänge so einfach beschreiben, dass selbst ein Kind kapiert, was er und sein Team austüfteln. Seine Ideen fliegen dauernd weiter. Wer Migräne hat, unter Schlafstörungen leidet oder erkältet ist, soll keine Medikamente mehr schlucken, die den Magen belasten. Er muss einfach Kleider tragen, die - dank ihrer Oberflächenstruktur - die entsprechenden Mittel zur Linderung aufnehmen und sie beim Tragen wohldosiert an den Körper abgeben. Das wird es in Zukunft mal geben. Diese Arzneimittel können dann in der Waschmaschine beim Spülgang zugegeben werden; in geringer und verträglicher Dosis. Dies gilt natürlich nur für homöopathische Wirkstoffe. Sollten harte Medikamente zum Einsatz kommen, muss selbstverständlich ein Arzt hinzugezogen werden. Neurodermitis? Kein Problem. «Im Gesundheitsbereich werden wir in den nächsten Jahren die grössten Entwicklungsschübe sehen.» Hübner setzt auf die Nanotechnologie und nennt sie «die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts».

Nanotextilien, die bereits auf dem Markt sind, machen sich zum Beispiel einen Selbstreinigungs-effekt zunutze. Die Oberfläche ist so fein strukturiert, dass alles einfach abperlt, was Schmutz hinterlassen könnte. Ohne mit der Wimper zu zucken, giesst Hübner Ketchup über seinen teuren Kaschmiranzug. Da bleibt einem die Spucke weg: Dieses provozierte Malheur hinterlässt null Spuren.

Auf Stoff am Körper spezialisiert

Schoeller wächst in einer Branche, die arg durchgeschüttelt wird. Klar, dass auch die Wirtschafts- krise nicht spurlos an diesem KMU vorbeigegangen ist. Aber Schoeller ist nicht börsenkotiert, sondern hat eine Unternehmerfamilie, die Albers-Gruppe, im Rücken. Sie hat erkannt, worauf die Zeichen der Zeit deuten: Auf hochfunktionelle Textilien. Hübner führt aus: «Jeder Mensch trägt 2 bis 3 m2 Stoff in Form von Bekleidung am Körper. Diese 2 bis 3 m2 kann man auch dazu benützen, um die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden positiv zu beeinflussen - darauf haben wir uns spezialisiert.»

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Trotz aller Widrigkeiten, die der Textilwirtschaft heute ins Gesicht blasen: Schoeller wird die Produktion nicht ins günstige Ausland verlegen und sich weiterhin auf neue Entwicklungen konzentrieren. «Unsere Forschungstätigkeit macht Sinn, wenn wir die Produktion in unmittelbarer Nähe haben», sagt er. Natürlich muss der Globalisierung Rechnung getragen werden. Was nicht ins Produktionsprogramm passt, wird in verschiedenen Joint-Venture-Betrieben in China, Indien oder in der Türkei preiswerter produziert.

Aber Hübner ist mit seinen Gedanken bereits wieder weiter: 32 Mitarbeiter sind allein an diversen Forschungsprojekten beteiligt. Dazu ein kleines Beispiel, das sicher gross von sich reden machen wird: Wer lange im Spital ist, kann rasch einmal angesteckt werden. Keime können nicht nur von Bett zu Bett, sondern auch vom Patienten zum Personal übertragen werden. Auch hier sind Hightech-Lösungen aus der Textilindustrie gefragt.

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