Es ist die zweite Woche im September. Die Sommerferien sind vorbei. Die Temperaturen sind wieder erträglicher und es herrscht spürbar weniger Verkehr auf den Passstrassen der Alpen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Harley-Davidson (H-D) exakt diese zum Töfffahren ideale Jahreszeit ausgewählt hat, um am Faaker-See südlich von Villach die European Bike Week zu zelebrieren.

Zum grössten Motorrad-Treffen Europas im österreichischen Bundesland Kärnten pilgern jedes Jahr über 100 000 Besucher. Der legendäre Event ist ein Muss für jeden echten Fan der US-Marke und die Fahrt dahin ein ganz spezielles Erlebnis - insbesondere, wenn man diese auf dem nahezu 40 000 Franken teuren Flaggschiff von Harley-Davidson, der Electra Glide Ultra Limited, erleben darf. Diese ist ein Monument von einem Motorrad - mächtig gross und mit über 400 Kilogramm auch entsprechend respekteinflössend. Meine wenigen Habseligkeiten finden problemlos im riesigen Topcase Platz. Die beiden ebenfalls grosszügig bemessenen Seitenkoffer bleiben leer. Auf Regenkleidung kann ich beim aktuell leichten Nieselregen verzichten. Hinter der weit ausladenden Batwing-Verkleidung und den grossen Beinprotektoren bin ich vor jeglichen Wettereinflüssen bestens geschützt.

Entlang des Zugersees, auf dem anschliessenden Teilstück über den Zugerberg und runter nach Pfäffikon am Zürichsee versuche ich die Funktionsweisen der Bedienelemente der Ultra Limited zu ergründen. Griff- und Sitzheizung sind klar. Komplizierter gestaltet sich das Einstellen der Audioanlage, die den vielfältigen Möglichkeiten eines Heimgerätes in nichts nachsteht. Nebst den bei Motorrädern üblichen Funktionen gibts am H-D-Flaggschiff Intercom, Tempomat, diverse Zusatzlampen und vieles mehr. Dazu kommt, dass die nach amerikanischen Standards aufgebauten Anordnungen und Funktionsweisen der Bedienung für Mitteleuropäer anfänglich doch eher ein bisschen befremdend wirken.

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Eigentlich hatten wir geplant, die Etappe nach Feldkirch zur österreichischen Grenze auf der Autobahn über Sargans und das Rheintal zurückzulegen. Doch der Blick nach Osten Richtung Walensee verheisst nichts Gutes. Rabenschwarz türmen sich die Regenwolken auf, und es ist offensichtlich, dass wir da ganz kräftig geduscht würden. Wesentlich freundlicher und heller sieht der Himmel über der Nordost-Schweiz aus. Kurzerhand entschliessen wir uns für eine Alternativ-Route. Ein weiser Entscheid, denn nach der Fahrt über den Seedamm und durch Rapperswil trocknet die Strasse allmählich ab. Über den Ricken nach Wattwil herrscht erstaunlich wenig Verkehr; die Ultra Limited lässt sich überraschend handlich durch die langgezogenen Kurven schwingen.

Weil wir uns zuvor für den Abstecher durchs Toggenburg entschieden haben, verzichten wir jetzt auf die zwar reizvolle, aber zeitraubende Route durchs Montafon und über die Silvretta Hochalpenstrasse. Auf Autobahn und Autostrasse cruisen wir hinauf zum Arlbergpass. Zu fetzigem Country-Rock aus der Hifi-Anlage zeigt das Flaggschiff auf diesem Teilstück seine wahren Stärken. Es kommt ein Hauch von US-Highway-Feeling auf. Rund 20 Kilometer später verlassen wir bei Imst die Autobahn und zweigen Richtung Süden ab ins Ötztal, um kurz darauf im gleichnamigen Hauptort erneut links abzubiegen. Auf einem schmalen, aber über weite Strecken gut asphaltierten Strässchen schrauben wir uns in unzähligen Kehren auf über 2000 Meter hinauf nach Kühtai. Den Fahrstil muss man in diesem Abschnitt gezwungenermassen dem zwar komfortablen, jedoch nicht überaus handlichen Bike anpassen.

Österreich kennt viele Maut-Strecken

Von Süden drängt viel Verkehr vom Brennerpass auf die in diesem Bereich mit zahlreichen Baustellen übersäte Inntal-Autobahn. Beschaulicher wird die Fahrt erst rund 40 Kilometer später, als wir bei Strass südwärts ins Zillertal abbiegen. Unmittelbar beim Abzweiger Richtung Gerlostal setzt leichter Regen ein. Doch bis zum Etappenziel im gleichnamigen Ferienort sind es lediglich noch 10 Kilometer. Hinter der Verschalung können mir Nässe und Kälte eh nichts anhaben.

Zum Einstimmen auf einen tollen zweiten Reisetag ist die kurvenreiche Strecke über den Gerlospass perfekt. Das wissen auch die lokalen Betreiber dieses Abschnitts, die uns für die Passage 4 Euro pro Bike abknöpfen. Die Kitzbüheler Alpen zur Linken gehts auf der gut ausgebauten Landstrasse das Pinzgau hinunter bis Mittersill. Ab hier treffen wir immer häufiger auf Biker, die wie wir an diesem Tag nur ein Ziel kennen: Den Faaker-See. Über Felbertauern nach Lienz herrscht wenig Verkehr, und so bringen wir die rund 70 Kilometer lange, nicht besonders reizvolle Etappe im Nu hinter uns. Für die letzten rund 120 Kilometer wählen wir die Strecke über Kötschach, durchs Gailtal nach Hermagor und weiter Richtung Villach.