Der neue Novartis-Chef Vas Narasimhan sprüht vor Selbstvertrauen und Tatendrang. Und das ist gut so. Kaum war er im Amt, hat er seine Konzernleitung personell grundlegend neu aufgestellt. Und zum Beispiel damit ein starkes Zeichen gesetzt, dass er Novartis-Neuling Bertrand Bodson als Digitalisierungschef gleich in die Konzernleitung geholt hat.

Jetzt räumt er das Portfolio des Konzerns auf. Für 13 Milliarden Dollar verkauft Narasimhan den Novartis-Anteil am OTS-Joint-Venture mit der britischen GSK an GSK. OTC steht für «Over the Counter» und umschreibt Medikamente, die rezeptfrei erhältlich sind. Also Schnupfenspays, Wundsalben, Grippemittel und so weiter.

Eine Frage der Margen

Die Investoren geben Narasimhan dafür Applaus. Sie wittern, dass Narasimhan Novartis auf das Geschäft mit patentgeschützten Medikamenten fokussieren will. Das ist nachvollziehbar: Die Margen sind bei Krebsmitteln, Gentherapien und Präparaten gegen Herzkrankheiten viel höher als bei Rheuma-Tinkturen.

Aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille: Auch die Risiken sind im Business mit neuen Medikamenten viel grösser. Die Zulassungshürden sind gross, die Investitionen in Forschung und Entwicklung gigantisch. Und selbst wenn ein Medikament auf den Markt kommt, heisst das noch lange nicht, dass es im Markt – sprich bei den Ärzten und Spitälern – auch gut ankommt. Novartis selbst hat derzeit alle Mühe, für sein neues Herzmedikament Entresto genügend Verschreibungen zu finden. Entsprechend musste das Unternehmen sein Verkaufsteam vergrössern – und das Budget für die Marktbearbeitung. Hinzu kommt: Auch die Produktion von neuen Medikamenten ist in der Regel viel aufwändiger und teurer als die Herstellung einer simplen OTC-Kopfweh-Tabelette.

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Ausgleichendes Grundrauschen

Innovative Medikamente können für ein Pharmaunternehmen ein Jackpot sein. Demgegenüber sorgt das Geschäft mit rezeptfreien Pillen und Salben für ein relativ konstantes Grundrauschen an Umsatz und Gewinn. Ausser ein paar Werbespots zur Grippesaison braucht es nicht viel, um diesen Markt zu unterstützen. Dieses ausgleichende Element fällt bei Novartis nun weg. Andere Pharmakonzerne liefern sich derzeit einen wahren Wettlauf um zum Verkauf stehende OTC-Einheiten. Selbst der Nahrungsmittel-Konzern Nestlé interessiert sich für das Business. So schlecht kann es also gar nicht sein. Nur ist es eben margenschwächer.

Doch das gilt noch für andere Novartis-Einheiten. Für das Augenheilgeschäft Alcon zum Beispiel. Oder für den grössten Teil der Generika-Einheit Sandoz. Will heissen: Entweder nimmt sich Narasimhan demnächst auch diese Geschäfte zur Brust und stellt sie zum Verkauf. Oder man kann ihn dafür kritisieren, seine Fokussierungsstrategie nicht konsequent umzusetzen.