ERWIN BRUNNER. Die unsichere Lage an den Aktienmärkten müsste Long-Short-Spezialisten in die Hand spielen. Können Sie von den stark schwankenden Kursen profitieren?

Erwin Brunner: Aus meiner Erfahrung weiss ich: Die Fondsmanager verdienen Geld, wenn ein klarer Trend vorhanden ist. Schwieriger gestaltet sich der Anlageprozess bei einer Marktumkehr ohne klare Richtung, speziell für die Short-Spezialisten. Eine grosse Zahl von Anlegern will sich in solchen Situationen absichern. Das führt zu einer Nervosität an den Märkten.

Jüngst haben die sogenannten 130/30-Fonds auch in der Schweiz einen Aufschwung erlebt. Die Performance ist aber keineswegs berauschend. Viele überbieten den SPI-Index nicht.

Brunner: Ja, ich mache die gleiche Beobachtung. Die 130/30-Fonds sind ein neues und unausgereiftes Kind in der Fondsfamilie. Es braucht für diese Instrumente erfahrene Manager, die «shorten» können.

Künftig fallende Aktienkurse zu erkennen, ist nicht jedermanns Sache. Wie gehen Sie bei der Auswahl solcher Fondsmanager vor?

Brunner: Da stütze ich mich auf meine langjährige praktische Erfahrung. Bei den Kurskorrekturen im Sommer hat sich erneut gezeigt, dass nur wenige Manager im Short-Geschäft erfolgreich sind.

Welche Eigenschaften haben diese Leute?

Brunner: Das sind alles bestandene Spezialisten. Sie haben eine längere Karriere bei einer renommierten Bank hinter sich und sind danach selbstständig geworden oder haben in einer kleinen Gesellschaft einen Long-Short-Fonds gestartet. Bei einem längeren persönlichen Gespräch verschaffe ich mir einen Eindruck über die Anlagestrategie. Kann ich eine Überlegung zu einer möglichen Long-Short-Aktion nicht nachvollziehen, dann gehe ich bei diesem Fonds kein Engagement ein.

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Weshalb haben Sie die klassischen Anlagefonds schon früh mit Hedge- Fonds ergänzt?

Brunner: Ende der 80er Jahre habe ich als Chef der Rothschild Bank einen Fund of Funds mit einer sehr guten Performance kennen gelernt. Gemanagt wurde der Fonds von den bekannten Anlagegurus George Soros und Bruce Kovner. Bei meinem Schritt in die Selbstständigkeit wollte ich ein ähnliches Produkt mit nichttraditionellen Anlagen lancieren.

Gab es Börsenereignisse, die das Anlageverhalten nachhaltig beeinflusst haben?

Brunner: Der Kurssturz nach der Jahrhundertwende hat mich davon überzeugt, dass Long-Short-Investments über eine längere Zeit auch Long-Only-Indizes schlagen können. Es ist aber nicht einfach, die wenigen Kenner der Materie zu finden, die einen solchen Erfolgsausweis vorlegen können. Long-Only vergleiche ich mit einem Fahrzeug ohne Bremse: Der Fahrer kann nur Gas geben, bei steigenden wie sinkenden Börsen. Das kann teuer werden. Der Long-Short-Manager hingegen kann dank dem Shorting auch Bremsen und somit Einbussen lindern.

Mit wie viel Rendite kann ein Anleger bei solchen Long-Short-Fonds jährlich rechnen?

Brunner: Sicher über 10%. In einem achtjährigen Vergleich liegen wir mit unserem Europafonds bei 15% und mit dem Schwellenmarktfonds bei 18%.

Die Gebühren sind bei aktiv gemanagten Fonds mit 2% ganz respektabel. Ohne überdurchschnittliche Performance ist das kaum wettzumachen?

Brunner: In der Schweiz wird die Nettoperformance ausgewiesen. Alle Kosten sind bereits abgezogen. Die Total Expense Ratio (TER) wird im Jahresbericht aufgeführt.

Wie lange bleiben Sie in einem Fonds?

Brunner: Meine längsten Positionen sind acht Jahre alt. Im Durchschnitt dauern meine Engagements rund vier Jahre. Wenn ich aussteige, gehe ich meist nicht mehr in den gleichen Fonds zurück.

Wie viele Positionen umfasst ein Dachfonds?

Brunner: Zwischen 10 und 15 Single Funds.

Die Hedge-Fonds sind mit der Krise am amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt negativ ins Scheinwerferlicht geraten. Haben Sie das auch gespürt?

Brunner: Direkt überhaupt nicht, aber wir waren von der Börsenbewegung betroffen. Im August sind auch die Long-Short-Fonds unter Druck geraten. Insgesamt erwarten wir aber ein positives Jahresresultat. Aufgrund der hohen Transparenz und Liquidität verwenden wir nur Long-Short- Aktienfonds, die übrigens auch die älteste und bewährteste Hedge-Fonds-Strategie ist. Daneben gibt es noch Dutzende von anderen Hedge-Fonds, wie etwa diejenigen mit Collateralized Debt Obligations (CDO).

Was ist bei diesen Hedge-Fonds noch zu erwarten?

Brunner: Ich habe schon vor zwei Jahren vor diesen verbrieften Krediten in Fondsform und speziell einer Kombination von CDO und Private Equity gewarnt. Im ersten Fall ist die Blase bereits geplatzt, bei Private Equity steht dies noch bevor.

Dann ist der Inhalt bei solchen Hedge-Fonds-Produkten für den Durchschnittsanleger nicht durchschaubar?

Brunner: Ja, nicht nur für den einfachen Mann von der Strasse, sondern auch für gestandene Bankiers. Man sieht das an den jetzt eingefahrenen Verlusten.

Die Aktienmärkte sind seit der Kreditkrise unberechenbarer geworden. Wie gross ist die Gefahr eines Absturzes, ausgelöst durch eine Vertrauenskrise, die auf die Konsumfreudigkeit der Amerikaner durchschlägt?

Brunner: Bei den Börsen beachte ich vor allem die Zyklen. Historische Vergleiche weisen vierjährige Auf- und Abwärtsbewegungen aus. Das letzte Tief am US-Markt datiert auf Oktober 2002 zurück. Damit wäre der Zyklus eigentlich im Herbst des letzten Jahres abgeschlossen worden. Es gab aber zwischenzeitlich nie einen markanten Einbruch. Das macht mich nervös. Sollte es bei der geringen Kurskorrektur vom Sommer bleiben, ist nun auch durchaus eine vorübergehende Hausse denkbar.

Erwarten Sie weitere Leitzinssenkungen durch die amerikanische Notenbank?

Brunner: Notenbankchef Bernanke muss die Zinsen wegen der Kreditkrise senken. Gleichzeitig lauert die Inflation am Horizont. Die niedrigeren Leitsätze sind jetzt eine Stütze für den Aktienmarkt. Aber in spätestens zwei bis drei Jahren werden die Auswirkungen der erhöhten Liquidität spürbar.

Welche Länder und Regionen favorisieren Sie?

Brunner: Für mich stehen Asien und Osteuropa bei den Schwellenländern im Vordergrund.

Die Zahl an Hedge-Fonds ist massiv gestiegen. Führt das nicht zu einem Lemming-Effekt, bei dem jeder dem andern hinterherschwimmt?

Brunner: Ja, das findet statt. Es gibt mittlerweile über 10000 Hedge-Fonds, die aber gemessen an der gesamten Börsenkapitalisierung nur einige Prozentpunkte erreichen.

Bewirkt die aktuelle Kreditklemme beim Anleger eine Verlagerung in Richtung Qualität und Einfachheit?

Brunner: Die Rückkehr zu weniger komplexen Anlageprodukten ist sicher eine Folge der jüngsten Kreditkrise. «Keep it simple» ist nicht umsonst ein Grundsatz, der auch in anderen Bereichen gilt.

Derzeit setzen die Fondsmanager vermehrt auf die Big Caps. Hängt das mit einer qualitativen Selektion zusammen?

Brunner: Bei einer Krisenstimmung kommen die Leute immer auf die Blue Chips zurück.

Wie lange?

Brunner: Das kann durchaus zwei bis drei Jahre dauern. Nehmen wir das Beispiel Indien: Die grossen europäischen und amerikanischen Pensionskassen investieren zuerst in die 50 grössten Unternehmen dieses Schwellenlandes. Dabei liegen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse bei diesen Big Caps zwischen 25 und 30, während es bei tausenden von Small Caps Ratios zwischen 6 und 8 sind.

Die Anlagefonds haben deutliche Abflüsse erlebt. Hält dieser Trend an?

Brunner: Nein, die Fondsindustrie wird längerfristig weiterwachsen. Dabei gibt es ständig Verlagerungen von einer Anlageklasse in eine andere. Obwohl Geldmarktfonds bisher als äusserst sicher galten, fliessen nun Mittel wegen der Krise um die CDO ab.

Strukturierte Produkte bedrängen die Anlagefonds. Sind Long-Short- Instrumente die Gegenstrategie?

Brunner: Durchaus. Die Exchange Traded Funds sind für die Banken margenmässig nicht interessant. Anders ist das bei den strukturierten Produkten, wo die Anbieter ihre Kosten in einem komplizierten Produkt verstecken können. Das Problem kommt, wenn diese Vehikel auslaufen und der Ertrag nicht den Erwartungen des Anlegers entspricht.

Kommt es teilweise zu einer Verschmelzung dieser Anlageprodukte?

Brunner: Oft werden Fonds in die strukturierten Produkte eingebaut, um damit eine negative Volatilität zu vermeiden.

Die Pensionskassen zeigen sich meist noch zurückhaltend gegenüber den alternativen Anlagen. Lässt sich mit konventionellen Anlagen im heutigen Umfeld eine ansprechende Rendite erzielen?

Brunner: Hauptziel muss sein, über einen längeren Zeitraum hinweg signifikante Verluste zu vermeiden. Hätten die Pensionskassen beim Börseneinbruch 2000–2002 mehr Long-Short-Produkte im Portfolio gehabt, wäre die Performance deutlich besser ausgefallen. Hedge-Fonds braucht es als Substitut für Aktien.