Karl Kistler reibt sich die Augen. Sie sind rot unterlaufen. Der Geschäftsführer der Edelweiss Air hat am Vormittag selbst eine Maschine von Zürich nach Mallorca und zurück geflogen. Er ist seit der Gründung bei der Edelweiss Air an Bord - begonnen hatte er 1995 als Chefpilot, zum Firmenchef wurde er 2002. Noch heute sitzt er regelmässig im Cockpit; ein- bis zweimal pro Woche innerhalb Europas und mindestens einmal pro Monat nach Übersee.

Zwei neue Langstrecken-Flugzeuge

Seine Müdigkeit ist schnell verflogen, sobald er über die Zukunftsperspektiven zu erzählen beginnt: Bald zwei Jahre sind es her, seit Kuoni seine Edelweiss Air an den Lufthansa-Verbund verkauft hat und diese damit Teil der Swiss-Gruppe wurde. «So gesehen sind wir eine Tochter der Lufthansa und eine Schwester der Swiss», schmunzelt Kistler. Inzwischen hat der Geschäftsführer aus dem zuletzt welkenden Chartergeschäft des Schweizer Reisekonzerns einen blühenden Ferienflieger gemacht. Und nun, nach zehn Jahren, «dürfen wir wieder expandieren», freut sich Kistler.

In den nächsten fünf Monaten kommen gleich zwei neue Langstrecken-Flugzeuge zur Flotte. Den Auftakt macht Mitte Oktober 2010 ein elfjähriger Airbus A330-200 der Swiss, der den bestehenden A330-200 ersetzt (siehe Tabelle). Ursprünglich sollte die gebrauchte Maschine der Swiss bloss eine Leihgabe sein und die Zeitspanne überbrücken, bis Anfang März 2011 ein fabrikneuer Airbus A330-300 in Dienst genommen wird. Neu verbleiben beide Maschinen in der Langstrecken-Flotte, die dadurch verdoppelt wird - genauso wie die verfügbaren Sitzplatzkapazitäten.

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Die Expansion hat laut Kistler zwei Hauptgründe: Zum einen sei man nicht mehr Kuonis Airline und dürfe die Flugzeuge nur mit Gästen eines einzigen Ferienanbieters füllen. Zum anderen sei das Angebot der Edelweiss Air im Einzelsitzplatzverkauf auf sämtlichen Kanälen des Lufthansa-Konzerns zu haben. Das heisst, die Flüge der Edelweiss Air sind mit allen Anschlüssen innerhalb der Swiss-Gruppe kombinierbar; sie werden im sogenannten Codeshare durchgeführt. Kistler ergänzt: «Wir holen uns die Synergien im Lufthansa-Verbund dort, wo wir sie auch brauchen und sie Sinn machen.» Ansonsten operiere die Edelweiss Air weiter eigenständig.

Wachstum aus eigener Kraft

«All dies hat dazu beigetragen, dass wir unsere Auslastung auf mehr als 90 Prozent steigern konnten - gleichzeitig sind wir noch profitabler geworden», sagt der Edelweiss-Steuermann, ohne genaue Zahlen nennen zu wollen. «Würden wir kein Geld verdienen, hätten wir den fabrikneuen A330-300 nie bekommen und dürften den gebrauchten A330-200 nicht behalten.» Beide Langstrecken-Maschinen werden gemietet, nicht gekauft. Das mache die Investition tragbar, weil das Risiko berechenbar sei, so der Chef weiter. «Wir können diese Expansion aus der eigenen Stärke mit den eigenen Mitteln stemmen.» Gleiches gelte für den Personalbestand, der im kommenden Halbjahr von 220 auf 290 Vollzeitstellen ausgebaut werde.

Dass die Fluglinie die zusätzlichen Kapazitäten benötigen wird, belegen die aktuellen sowie die budgetierten Ergebnisse: 2009 erhöhte die Edelweiss Air ihre Passagierzahl um rund einen Viertel auf 712 000; parallel dazu nahm der Umsatz um fast einen Viertel auf 220 Millionen Franken zu. 2010 sollen gemäss Kistler mit erstmals über 1 Million Passagieren mindestens 315 Millionen Franken umgesetzt werden. In den ersten drei Quartalen habe man 836 000 Passagiere befördert und einen Umsatz von 239 Millionen Franken erzielt. 2011 will die Edelweiss Air mit neu fünf statt vier Maschinen bereits rund 370 Millionen Franken umsetzten.

Kurzstrecken-Maschinen erneuert

Die bestehende Kurzstrecken-Flotte wurde bereits diesen Sommer modernisiert. Die drei elfjährigen Airbus A320-200 erhielten für total 4,2 Millionen Franken eine neue Bestuhlung sowie ein neues Unterhaltungssystem. Gleich wie die beiden neuen Langstrecken-Flugzeuge verfügen auch sie über eine Business Class und bieten zwischen den Sitzreihen mehr Beinfreiheit. Ob ein weiterer Aus- beziehungsweise Umbau der Flotte der Edelweiss Air vorgesehen ist, lässt Kistler derzeit offen.

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Klar ist, dass mit fünf Flugzeugen dereinst mehr Ziele bedient werden können. Momentan werden gegen 60 Destinationen weltweit angeflogen. Zu den beliebtesten Regionen der Edelweiss Air auf der Kurzstrecke gehören der Mittelmeerraum, die Kanaren sowie das Rote Meer; auf der Langstrecke sind es Nordamerika, die Karibik, Ostafrika, der Indische Ozean, Indien und Fernost.