Regen macht nicht nur schön, sondern schont auch das Ferienbudget - zumindest für Gäste des Hotels Ferienart Resort in Saas Fee. Bei Aufenthalten zwischen Juni und Oktober wird ihnen ab zwei verregneten Ferientagen jeder weitere nasse Tag geschenkt. Hoteldirektor Beat Anthamatten reagiert mit dieser Aktion auf einen «schwierigen Sommer», der dem ganzen Schweizer Tourismus bevorstehe. Die Prognosen der Fachleute für den Sommer 2009 sind mit Gästeeinbussen von 7 bis 8% düster.

Mit seiner innovativen Schönwettergarantie will das Ferienart Resort die negative Aussicht im positiven Sinn korrigieren und macht vor, was die ranghöchsten Touristiker des Landes vehement von den Hotelbetrieben, den Bergbahnen und den Destinationen fordern. «Der Krise muss mit Mut, Unternehmergeist und Kreativität in Angebot sowie Marketing begegnet werden», betont etwa Guglielmo Brentel, Präsident des Verbandes Hotelleriesuisse, immer wieder.

Bis hin zu Preisverhandlungen

Befolgt wird dieser Rat von den Betrieben mit individuellen Ideen. Das Lindner Grand Hotel Beau Rivage in Interlaken hat den Gästen im Winter einen Kälterabatt gewährt und die Zimmerpreise werbewirksam den Temperaturen angepasst. Ähnlich kreativ soll es im Sommer weitergehen, so Hoteldirektorin Amelie Wegeler. Andere Häuser setzen gegen die Krise auf Zusatzleistungen statt Tarifsenkungen. Eine Wellnessbehandlung hier, ein Früchtekorb da. Peter Kämpfer, Chef des Parkhotels Weggis LU, stellt den Gästen Upgrades in höhere Zimmerkategorien oder eine Gratiszusatznacht in Aussicht. Hauptsache: Sie kommen.

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Das sagt sich auch Adrian Müller, Chef des Romantikhotels Stern in Chur, und entwickelt in Anbetracht der verschärften Lage eine neue Flexibilität: «Statt konsequent fixe Preise zu verlangen, frage ich die Gäste auch mal nach ihrem verfügbaren Budget.»

Kreativität ist ebenfalls in den Feriendestinationen angesagt. Die aufgrund ihrer Abhängigkeit von den Problemmärkten Nordamerika und Asien besonders krisengeschüttelte Region Luzern/Zentralschweiz möchte als Kompensation mehr Schweizer Gäste anziehen und hat deshalb mit dem lokalen Milchverarbeitungskonzern Emmi eine «Kaffeerahm-Deckeli-Aktion» lanciert. Wer eines von 10 Mio in Umlauf gebrachten Exemplaren vorweist, fährt mit einer Reduktion von 20% auf Berge wie Titlis oder Pilatus. Wer will, geniesst in Luzern einen geführten Stadtrundgang zum halben Preis.

Auf sommerliche Bergbahn- erlebnisse zum Nulltarif setzt man in Graubünden, wo im Winter die höchsten Gästeeinbussen hingenommen werden mussten. Neben dem Pionier Arosa offerieren unterdessen auch Davos, Engadin/ St. Moritz, Lenzerheide, Samnaun, Bergün und Savognin kostenlose Leistungen für Übernachtungsgäste. Speziell beim «Savognin Pass» ist, dass sogar auswärtige Besucher von Ferienwohnungsmietern vom Angebot profitieren können.

«Mit all unseren Bergbahnen-Inklusive-Programmen, die noch stärker vermarktet werden müssen, verfügen wir im Sommer über einen Wettbewerbsvorteil gegen-über der Konkurrenz», ist Gaudenz Thoma, CEO von Graubünden Ferien, überzeugt. Das Wallis zieht derweil nach. Als attraktives «Anti-Krisen-Angebot» offeriert etwa die Region Portes du Soleil - Chablais heuer Übernachtungsgästen für 1.50 Fr. einen «Multi-Pass», der zur freien Benutzung von Bergbahnen, Schwimmbad, Tennisplätzen usw. berechtigt. Tagesgäste ohne Unterkunft erhalten den Pass für 10 Fr.

Ausserordentliche Werbemittel

In Zugzwang sind auch die von der Gästeflaute am stärksten betroffenen Städte. In Zürich, Luzern, Basel oder Bern werden für das Reisejahr, vor allem wegen des kriselnden Geschäftsreisensegments, Einbussen von 10% und mehr befürchtet. Daher hat sich Zürich Tourismus mit 150000 Fr. am Impulsprogramm von Schweiz Tourismus (siehe Artikel unten) beteiligt und zusätzlich den Antrieb für die Kampagne «CH-7» in Kooperation mit sechs weiteren Städten gegeben: Basel, Bern, Genf, Lausanne, Luzern und Lugano.

Mit einem Gemeinschaftsbudget von 600000 Fr. werben diese Schweizer Städte zurzeit in Frankreich, Spanien und Grossbritannien um Gäste. Diese und weitere Nahmärkte wie Deutschland, Italien, Benelux sowie die Schweiz selbst stehen auch für die Bergdestinationen Wallis, Graubünden oder Berner Oberland bei den ausserordentlichen Marketingbemühungen im Vordergrund. Luzern/Zentralschweiz ist beispielsweise neuer «Key Partner» von Schweiz Tourismus in Norditalien und gibt dafür namhafte Werbegelder aus.

Neben den zum Teil um bis zu 40% erhöhten Werbebudgets sollen auch zusätzliche Subventionen durch die kantonalen Behörden bei der Krisenbewältigung helfen. In Bern wurde den touristischen Destinationen soeben ein höherer Anteil an den Beherbergungsabgaben zugesichert, was für die Jahre 2009 und 2010 weitere Marketingmittel von 700000 Fr. freisetzt.

Kantonale Zuschüsse beantragt

In Luzern hofft Tourismusdirektor Marcel Perren im Mai derweil auf die Annahme des neuen Tourismusgesetzes, das die kantonalen Stützungsgelder für die Reisebranche ab dem nächsten Jahr von jährlich 880000 auf satte 2 Mio Fr. anheben würde. In Zürich sind indessen keine Fördergelder von Stadt oder Kanton vorgesehen.

Ebenso in den vom Fremdenverkehr stark abhängigen Ferienkantonen Wallis und Graubünden tut sich punkto Zuschüsse noch wenig. «Wir haben beim Kanton Zusatzmittel von 600000 Fr. beantragt», sagt der Walliser Tourismusdirektor Urs Zenhäusern; bisher ohne konkrete Zusage. Auch der Graubündner Tourismusdirektor Gaudenz Thoma vertröstet auf laufende Verhandlungen mit dem kantonalen Amt für Wirtschaft und Tourismus: «In drei bis vier Wochen wissen wir mehr.»


Nachgefragt

«Langfristige Positionierung nicht gefährden»
Jürg Schmid ist Direktor von Schweiz Tourismus, Zürich.

Im Januar und Februar ging die Zahl der Logiernächte im Vorjahresvergleich um 7,3% auf 6,1 Mio zurück. Ist das krisengeschüttelte Reisejahr noch zu retten?

Jürg Schmid: Es stehen turbulente Zeiten bevor. Für die kommenden zwei Jahre ist mit einem Rückgang auf breiter Front zu rechnen. Der Schweizer Tourismus darf dennoch zuversichtlich sein, da in den vergangenen Jahren kräftig in Qualität und Infrastruktur investiert wurde. Eine Krise birgt aber auch Chancen. In solchen Zeiten reist man näher, weniger oft und günstiger. Daraus ergeben sich Möglichkeiten in Nahmärkten und der Schweiz. Von Verlagerungseffekten dürften die Mittelklasshotellerie und andere günstige Unterkunftsanbieter, aber auch der Tagestourismus am ehesten profitieren. Der Binnenmarkt wird immer wichtiger.

Wie sehen die jüngsten Indikatoren bei den Logiernächten aus?

Schmid: Im März muss mit einem deutlichen Rückgang gerechnet werden; nicht nur wegen der Effekte der Wirtschaftskrise, sondern vor allem aufgrund von Ostern, das 2008 in den März fiel.

Die neue Vorgabe von Schweiz Tourismus lautet «Ideen rauf statt Preise runter». Ist diese Parole mehr Wunsch als Realität, weil Leistungsträger wie Hotels einfach zu Aktionen gezwungen sind, um neue Kunden anzulocken?

Schmid: Obwohl wir uns in einer Krise befinden, dürfen wir nicht die langfristige Positionierung aus den Augen verlieren. Die Schweiz ist international gesehen konkurrenzfähig, kann sich aber nur über die Qualität und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis positionieren. Vor diesem Hintergrund ist Dumping zu vermeiden, denn es würde der Marke Schweiz schaden. Die Absage an den Dauertiefpreis schliesst starke Aktionen jedoch nicht aus. Davon wird man diesen Sommer im Schweizer Tourismus mehr sehen. Unser Ferienland ist auch preislich äusserst attraktiv.


Schweiz Tourismus fordert eine zweite Finanzspritze vom Bund - sofern es ein drittes Konjunkturpaket gibt

Vorausgesetzt, der Bundesrat beschliesst im Juni tatsächlich ein drittes Konjunkturpaket zur Stabilisierung der nationalen Wirtschaft, dann pocht auch Schweiz Tourismus auf eine zweite Finanzspritze. Letztlich stehen in der hiesigen Reisebranche, nicht nur in den Hotels, tausende von Arbeitsplätzen auf dem Spiel.

Auf Anfrage der «Handelszeitung» erklärt Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus: «Der Tourismus ist einer der bedeutendsten Arbeitgeber unseres Landes und sollte in einem dritten Konjunkturpaket umfassend berücksichtigt werden.» Weitere Anti-Krisen-Massnahmen müssten sofort und direkt wirken. Dies könne jedoch nur die Nachfrageförderung.

Bis es soweit ist, konzentriert sich die Marketingorganisation auf das erste Impulsprogramm (siehe Tabelle), das nach dem zweiten Konjunkturpaket möglich wird. «Die Massnahmen sollen die Effekte der Krise abdämpfen und der Branche ein vertrauensbildendes Signal geben», sagt Schmid, «wir müssen alles tun, um mehr Gäste in unser Ferienland zu bringen.»

Neben den gesprochenen 12 Mio Fr. des Bundes haben diverse Partner von Schweiz Tourismus nochmals 3 Mio Fr. beigesteuert, darunter alle Ferienregionen, die nationalen Leitverbände (Hotelleriesuisse, Gastrosuisse, Seilbahnen Schweiz oder Verband öffentlicher Verkehr) und die SBB. Ursprünglich lag das Budget von Schweiz Tourismus für 2009 bei 78,99 Mio Fr. (2008: 87,8 Mio Fr.).

Die ausserordentlichen 15 Mio Fr. investiert Schweiz Tourismus in zwei Wellen für den Sommer 2009 bzw. den Winter 2009/10, wobei man sich bewusst auf vier Länder beschränkt. «Die Mittel müssen gebündelt werden, damit die Kampagne wirkt», ergänzt Schmid, «die Schweiz sowie Deutschland, Frankreich und Italien haben im aktuellen Umfeld das grösste Potenzial. In diesen Märkten wird die Präsenz erhöht, um kurzfristig Umsätze erzielen zu können.»

Es wäre aber verfehlt, zu glauben, dass aus dem Rest der Welt nichts mehr zu holen sei. Der Direktor von Schweiz Tourismus gibt zu bedenken: «Das Gewinnen von neuen Gästen in einer rezessiven Wirtschaftsphase und mit währungsbedingten Preisnachteilen ist sehr schwer. Jetzt ist es wichtig, bestehende Kunden in ihrer Kauf- absicht zu bestärken und ehemaligen Kunden die Produktvorteile in Erinnerung zu führen.»(ncb)