Das Jahr 2008 brachte für die Schweizer Textilindustrie ein durchzogenes Resultat. Insgesamt sank der Branchenumsatz um 3,2 %, das Exportvolumen gar um 5,1%. Während die ersten drei Quartale noch einigermassen zufriedenstellend waren, traf die Wirtschaftskrise die Branche im 4. Quartal 2008 mit voller Wucht.

Stärke beim Anspruchsvollen

Die Schweizer Textilindustrie ist primär in drei Bereichen tätig. Da sind einmal die Hochinnovativen auf dem Gebiet der technischen Textilien, die immer wieder neue Produkte entwickeln. Bedeutend ist zudem die Produktion von Gewebe und Stickereien für das oberste Segment. Schliesslich finden sich in der Schweiz auch noch Teile der vertikalen Wertschöpfungskette. Dazu gehören etwa Garnproduzenten, Webereien oder Ausrüstereien. Diese vorgelagerten Betrie- be bekommen den kalten Wind in der Flaute besonders rasch zu spüren.

«Wir wollen die Situation nicht beschönigen», sagt Thomas Schweizer, Direktor des Textilverbandes Schweiz (TVS). Aber er erinnert wie alle Befragten daran, dass die derzeitige Situation nicht mit dem Auf und Ab früherer Zeiten vergleichbar ist. In der Schweizer Textilindustrie hat die Strukturbereinigung mittlerweile stattgefunden, viele Unternehmen wurden geschlossen oder sind übernommen worden.«Eigentlich wäre die Branche gut aufgestellt gewesen», bekräftigt auch TVS-Präsident Max R. Hungerbühler. Doch dann kam die Finanzkrise, die nun das Gros der Textiler trifft (siehe «Nachgefragt»). «Die Kunden sind verunsichert und zögern beim Disponieren», sagt Peter Anderegg, CEO von Filtex. Das Unternehmen ist in vielen Stufen der textilen Wertschöpfungskette tätig, etwa der Zwirnerei, Stickerei oder Weberei. Für Anderegg ist klar, dass technische Textilien am wenigsten unter der Baisse leiden. «Für Sport und Freizeit lässt der Kunde immer noch gerne etwas springen.»

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Grössten Erfolg in der Textilbranche hat, wer anders tickt - so etwa Hans-Jürgen Hübner, CEO von Schoeller Textil AG. Das Unternehmen stellt anspruchsvolles Funktionsgewebe für Kunden aus der ganzen Welt her.

Jüngster Schrei sind wind- und wasserdichte Hightech-Membrane. Sie regulieren den Feuchtigkeitshaushalt noch optimaler als herkömmliche Gewebe dieser Art. «Das muss man sich wie Tannzapfen vorstellen, die sich je nach Witterung öffnen oder schliessen», sagt Hübner - und spricht bereits vom nächsten Clou: Diese Gewebe können dank einer Oberflächenstruktur, die auf der Nanotechnologie basiert, heilende Stoffe abgeben, ohne den Magen zu belasten. Nicht zu reden von Oberbekleidungen, an denen Schmutz - oder Ketchup - einfach abperlt. Zu den Schoeller-Kunden gehören etwa Armani, Bogner, Bugatti, Hechter, Escada, Boss, Mammut oder Nike.

Bei der Textilfirma Spoerry & Co AG hat man sich auf Produkte konzentriert, die einen Schutz vor elektromagnetischer Strahlung bieten. «Ähnlich wie bei einem faradayschen Käfig kann man sich mit einem Material umgeben, das die Strahlenbelastung auf ein ungefährliches Mass reduziert», sagt Marketing-Manager Henrik Tvenge. Die Einflüsse dieser Störquellen würden immer noch unterschätzt.

Segelstars lieben Meyer-Mayor

Die Firma Meyer-Mayor, die einst nur Tisch- und Küchenwäsche hergestellt hat, ist heute Weltmarktführerin auf dem Gebiet der feinsten Garne - etwa für Spinnakergewebe. Dass internationale Segelstars auf ihre Produkte fliegen, will Geschäftsführer André Meyer nicht allzu hoch hängen. Ihm steht der Sinn bereits nach neuen Anwendungen - etwa für Heissluftballone. Meyers Erkenntnis: «Die Schlacht um die Masse ist geschlagen. Man muss erfinderisch sein.» Genauso wie Christoph Tobler von der Firma Sefar, weltweit führende Herstellerin von feinsten Geweben für die Medizinaltechnik (Blutfilter, Dialysefilter, Infusions- und Transfusionssets) oder für die Technik von Müllereien, wo etwa Seidenbeutel für Mehlsiebe zur Anwendung kommen. «Dieses Segment blieb von der Rezession unberührt», betont Tobler. Soeben hat er Nexis Fibers übernommen. Damit rettete er die Firma vor dem Untergang - und sicherte sich seine Quelle für hochkomplexe Garne. Die Übernahme ist ein Beispiel dafür, dass in der Textilbranche die Strukturbereinigungen zumindest im Kleinen noch im Gang sind.

Szenenwechsel: Michelle Obama, Gattin des US-Präsidenten Barack Obama, trug an der Inaugurationsfeier ein Kleid aus Guipure-Spitze der Firma Forster Rohner, bei der sich auch Prada eindeckt; Angelina Jolie oder die französische First Lady erscheinen auf dem roten Teppich immer wieder in Kreationen des Schweizer Labels Ak-ris. Wer die Showräume von Bischoff Textil betritt, wo betörend schöne Unterwäsche mit Stickereien präsentiert wird, dem wird bewusst, dass es für textile Fantasien keine Grenzen gibt

Aber was hält CEO Max R. Hungerbühler von den neuesten Zahlen, nach denen sogar die Oberschicht das Portemonnaie nicht mehr so rasch für Luxus öffnet, was Verkaufseinbrüche etwa bei Gucci, Yves-Saint Laurent oder Prada belegen? Hungerbühler gibt sich gelassen: «Erstens gibt es immer wieder neue Oberschichten und zweitens gönnen sich auch weniger Begüterte trotz der Krise schöne Unterwäsche» - gemäss Hungerbühler nach dem Motto «Gerade jetzt gönne ich mir etwas». Allerdings fragt sich, wie lange diese Haltung noch anzutreffen sein wird. Christian Fischbacher, Verwaltungsratspräsident des - bisher glimpflich davongekommenen - Anbieters von Premium-Heimtextilien, räumt ein, dass «das Geschäft zu lahmen beginnt».

Schmalere Auftragsbücher

Auch die TVS-Presse-Verantwortliche Judith Niederberger spricht von einer Situation, die derzeit immer schwieriger wird. «Wir sind von der allgemeinen Wirtschaftskrise zunehmend betroffen. Die Auftragsbücher werden schmaler, zuerst leert man die Lager. Viele Firmen haben Kurzarbeit eingeführt, um Entlassungen zu verhindern.» Sollte es schlimmer werden, müsste wohl auch dies in Erwägung gezogen werden.

Noch aber ist es nicht so weit. 2008 wurden sogar 1,8% mehr Arbeitsplätze geschaffen, die Zahl der Beschäftigten beträgt jetzt 16700. Für ein noch höheres Wachstum sorgte die Textilbranche im Ausland, wo derzeit 117000 Arbeitnehmer für Schweizer Textilfirmen tätig sind. Dort resultierte ein Plus von 7,3%.


NACHGEFRAGT
Max R. Hungerbühler, Präsident Schweizer Textilverband

«Krise wird 2009 voll durchschlagen»

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise haben fast alle Textiler zu spüren bekommen. Max R. Hungerbühler, der Präsident des Textilverbandes Schweiz, ist aber zuversichtlich, denn ab 2010 soll es bereits wieder aufwärts gehen.Wie schätzen Sie angesichts der jüngsten Zahlen die Situation Ihrer Branche ein?

Max R. Hungerbühler: Luxuserzeugnisse wie etwa St. Galler Stickereien, Zürcher Seide oder feine Baumwollgewebe, die weltweit verarbeitet werden, sind nach wie vor stark gefragt. Aber auch auf dem Gebiet der technischen Textilien sind wir an der Spitze.

2008 war das Textilgeschäft ab dem 4. Quartal rückläufig. Wie sieht es für 2009 aus?

Hungerbühler: Die Krise wird dieses Jahr voll durchschlagen. Diverse Firmen sehen sich derzeit mit Auftragsrückgängen konfrontiert. Unser wichtigster Absatzmarkt ist die EU. Deren wirtschaftlicher Gesundheitszustand entzieht sich unserem Einfluss. Ich setze meine Hoffnung auf 2010, dann dürften die Weltwirtschaft und unsere Branche wieder Fuss fassen.

Wo sehen Sie Ihre Branche mittelfristig?

Hungerbühler: Ich kann nur so viel sagen: Es wird trotz der Krise weiter Unternehmen mit verschiedenen Stärken geben. Etwa jene, die preisgünstig oder innovativ sind, oder jene, die sich in Nischen erfolgreich behaupten.

Wo kann die Schweizer Textilindustrie besonders Unterstützung gebrauchen?

Hungerbühler: Unsere Textilwirtschaft ist exportorientiert und damit auf den freien Zugang zu den Märkten angewiesen. Deshalb engagiert sich unser Verband für bilaterale Freihandelsabkommen mit den wichtigen Abnehmerländern. Zudem sollen Geschäftsmöglichkeiten in Ländern wie China, Indien oder Russland verbessert werden. Der Verband möchte aber auch dafür sorgen, dass sich die Zusammenarbeit auf verschiedenen Stufen der Industrie verbessert.

Wie wollen Sie eine Verbesserung der Chancen in Wachstumsmärkten erreichen?

Hungerbühler: Mit Vermittlungsbüros vor Ort, die der Schweizer Textilverband zusammen mit anderen europäischen Landesverbänden eingerichtet hat.