Sie stehen an der Spitze der sechs ETH-Institutionen und überblicken sämtliche Forschungsaktivitäten. Welche Innovationen werden schon bald unser Leben verändern?

Fritz Schiesser: Wenn man das nur wüssteMan kann jedoch Gebiete benennen, in denen wahrscheinlich grosse Innovationen stattfinden werden. Es sind dies die Life Sciences, das Thema Nachhaltigkeit, das auch die Materialwissenschaft umfasst, sowie die Nahrungsmittelproduktion. Ganz zentral ist natürlich auch die Energiefrage.

Sind die ETH-Schulen auf diesen Gebieten gut positioniert?

Schiesser: Die beiden Hochschulen in Zürich und in Lausanne sind in all diesen Domänen aktiv. Diese sind auch wichtige Pfeiler unserer Zukunftsplanung. Was das Wasser betrifft, ist die Eawag - die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz - eine grosse Spezialistin. Sie verfügt über ein Know-how, das man anderen Staaten noch mehr zur Verfügung stellen könnte.

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Geschieht das noch nicht?

Schiesser: Zum Teil schon, sogar sehr ausgeprägt. In Vietnam hat die Eawag eine Auszeichnung erhalten. Wir möchten die Institution global aber noch bekannter machen, damit andere Länder vom Wissen profitieren. Dasselbe gilt für die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. Mit den Folgen der Klimaveränderung werden wir dieses Wissen national wie international vermehrt nötig haben. Die Empa und das Paul-Scherrer-Institut gehören in der Materialien- und der Energieforschung weltweit zur Spitze. Deshalb bin ich auch so zuversichtlich für die Schweiz, wenn ich das Potenzial der über 20000 Studierenden aller Stufen, der wissenschaftlichen Angestellten sowie rund 600 Professorinnen und Professoren sehe, die an unseren Schulen forschen und lehren.

Wie ist es möglich, eine fruchtbare Innovationsumgebung zu schaffen?

Schiesser: Wir haben den klaren Auftrag des Bundes, die Innovation zu fördern. Darum haben wir verschiedene Instrumente, die eine Umgebung für innovative Prozesse schafft. Ich denke an die Kompetenzzentren innerhalb des ETH-Bereichs, die der ETH-Rat in seiner früheren Amtsperiode und Zusammensetzung ins Leben gerufen hat.

Zum Beispiel?

Schiesser: Im Gebiet Energie und Mobilität wird das Know-how der verschiedenen Disziplinen gebündelt. Das führt dazu, dass vollkommen unterschiedliche Leute zusammenarbeiten und so eine gute Voraussetzung dafür schaffen, dass neue innovative Ideen entstehen. Dasselbe geschieht in den Kompetenzzentren Umwelt und Nachhaltigkeit, Materialwissenschaften und Technologie, Biomedical Imaging, aber auch in SystemsX.ch, einem schweizweiten Verbund in der Systembiologie.

Die ETH Lausanne profitiert enorm von Alinghi, Solar Impulse oder Blue Brain. Braucht die ETH mehr solche publikumswirksamen Projekte?

Schiesser: Wenn man Gutes macht, muss man es auch gut verkaufen können. Vielleicht gehört es zu den schweizerischen Eigenschaften, dass wir die eigenen Erfolge nicht allzu sehr an die grosse Glocke hängen. Doch das ändert sich. Sie haben Alinghi erwähnt - ich weise auf den kürzlich gestarteten Picosatelliten Swiss Cube und die neue Monte-Rosa-Hütte hin, bei denen es sich um hervorragende Projekte, ja um eigentliche Flaggschiffe der beiden ETH handelt. Sie wurden nicht so sehr zum Ruhme der ETH ins Licht gerückt, sondern zur Motivation der Jungen.

Der Ruhm ist aber zentral, vor allem wenn es um Gelder geht und den globalen Wettbewerb unter den Hochschulen.

Schiesser: Schon auch, aber die Motivation der Jungen steht für mich im Vordergrund, indem wir junge Frauen und Männer für die Ausbildung an den ETH begeistern.

Wie stark können Sie solche Projekte fördern?

Schiesser: Für mich ist Swiss Cube ein Musterbeispiel, wie Innovation funktionieren sollte. Eine Gruppe von Studierenden hat sich zum Ziel gesetzt, den kleinsten Satelliten zu bauen, und nun ist er im Weltall. Das ist wirklich fantastisch! Der Effekt wäre doch ganz anders, wenn der ETH-Rat der Hochschule in Zürich oder in Lausanne gesagt hätte, jetzt baut mal einen kleinen Satelliten. Der Reiz wäre weg gewesen, die technische Leistung allenfalls identisch. Grossartig am Projekt ist, dass Studierende die Idee hatten und diese auch umgesetzt haben.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft?

Schiesser: Wir haben einen klaren Leistungsauftrag von Bundesrat und Parlament, den Technologie- und Wissenstransfer zu stärken. Das führt dazu, dass wir die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft verstärken sollen und wollen, aber immer unter der Voraussetzung, dass die Forschung unabhängig bleibt.

Braucht es dazu Ihrerseits einen Mentalitätswandel, sich verstärkt auf die Anliegen der Wirtschaft einzulassen?

Schiesser: Es braucht die Anerkennung, dass die Grundlage für die Sicherung des Wohlstandes ein Zusammenwirken von Wissenschaft und Wirtschaft voraussetzt, und es braucht intensive Verbindungen zwischen beiden Bereichen. In einigen Ländern, ich denke insbesondere an Japan, ist diese Einsicht stärker im Bewusstsein verankert.

Unterstützt die Politik Ihre Vision?

Schiesser: Ja, sofern, wie gesagt, die Unabhängigkeit der ETH und der Forschungsanstalten gewährleistet bleibt. Allerdings spüre ich in der Politik auch eine gewisse kritische Haltung gegenüber einer allzu intensiven Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Wie nehmen Sie die Innovationslandschaft Schweiz wahr?

Schiesser: Ich stelle zwei Sachen fest. Zum einen wird gefordert, die Schweiz müsse mehr in die Innovation investieren, es gebe viel Nachholbedarf und Verbesserungspotenzial. Zum anderen erreicht die Schweiz in den verschiedenen internationalen Rankings jeweils Top-Platzierungen. Das heisst für mich, dass die Innovationskraft in der Schweiz hoch ist. Doch auch der Klassenbeste, sofern wir dies sind, kann immer noch besser werden. Vor allem dürfen wir die Augen nicht davor verschliessen, dass viele Länder massiv in die Innovation investieren, um ihren Rückstand aufzuholen. Das heisst, wir müssen uns enorm anstrengen, um unsere Position aufrechtzuerhalten oder gar zu verbessern. Das Bekenntnis der Politik ist klar: Die Schweiz soll in Wissenschaft und der Innovation zur Weltspitze gehören. Doch dem Bekenntnis folgt irgendwann einmal die Frage nach den eingesetzten Mitteln.

Ist die Politik auch bereit zu investieren?

Schiesser: Ich hoffe, dass den Bekenntnissen auch wirklich Taten folgen, denn ohne Geld und ohne starkes Engagement des Staates ist es schwierig, mit jenen Staaten mitzuhalten, die in ihre Wissensgesellschaft investieren. Wir müssen uns stets die Frage stellen: Dürfen wir es uns leisten, ins Hintertreffen zu geraten, oder sind wir bereits im Hintertreffen?