Griechenland verfügt über eine relativ geschlossene Wirtschaft und wurde deswegen von der wirtschaftlichen Abkühlung weltweit weniger betroffen. Sie sprechen sich jedoch für eine stärkere Öffnung aus. Ist das ein Widerspruch?

Yannis Stournaras: Vom griechischen Bruttosozialprodukt entfallen lediglich rund 20% auf die Exporte. Dies im Vergleich zu den EU-Mitgliedern Irland oder Belgien, die etwa 80% exportieren, ebenso wie die Schweiz mit ihrem hohen Exportanteil. Auch wenn uns das in diesen Krisenzeiten gewisse Vorteile gebracht hat, ist die Abschottung langfristig ein wirtschaftlicher Nachteil. Mit der Inlandnachfrage allein kann das Land nicht auf einen nachhaltigen Wachstumskurs kommen. Notwendig ist eine Ausweitung der Exportaktivitäten.

Wie beurteilen Sie die griechische Wirtschaft?

Stournaras: Es ist ein gemischtes Bild. Griechenland wächst stärker als andere Mitglieder der Eurozone. Während das Wachstum im 3. Quartal 2008 bei uns rund 3% ereichte, lag es im Euroraum durchschnittlich nur noch knapp über null. Dafür hat sich das Zahlungsbilanzdefizit massiv verschlechtert, und auch das Haushaltdefizit liegt gemessen am Bruttoinlandprodukt nahe bei der erlaubten EU-Höchstmarke von 3%. Wir brauchen einen besseren Ausgleich im fiskalischen Bereich, auch wenn im Moment die wirtschaftlichen Bedingungen, mit einer drohenden Rezession, für solche Schritte nicht ideal sind.

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Das Wachstum muss in Griechenland doppelt so hoch sein, damit es sich dem durchschnittlichen Lebensstandard in der EU annähern kann. Ist man auf Kurs?

Stournaras: Ja, das Wachstum lag jüngst deutlich über demjenigen der EU. Griechenland kann sich beim Lebensstandard auf die gleiche Höhe schwingen, wenn es in den nächsten sechs Jahren ein um 2% höheres Wachstum erzielt als die EU-Mitglieder.

Die griechische Schifffahrtsindustrie als einer der wichtigsten Devisenbringer wurde vom Wirtschaftsabschwung massiv getroffen.

Stournaras: Das ist ein Problem. Kommen die wichtigsten Zweige, Tourismus und Schifffahrt, unter Druck, hat dies erhebliche Auswirkungen. Umso wichtiger ist es, dass sich Griechenland mit dem vermehrten Export von Gütern und Dienstleistungen breiter abstützen kann.

Dafür sind höhere Produktionskapazitäten nötig.

Stournaras: Es braucht eine bessere institutionelle Struktur insbesondere für die ausländischen Investitionen. Dazu gehört der Grundsatz des «One-Stop-Shops», damit Interessenten möglichst wenig durch bürokratische Hindernisse von einem Engagement abgehalten werden.

Die Regierung Karamanlis hat die Unternehmensbesteuerung gesenkt, um damit vermehrt ausländische Investoren anzuziehen. Reicht das aus?

Stournaras: Nein, das allein genügt nicht. Griechenland wird in Vergleichsstudien bezüglich Wettbewerbsfähigkeit und Unternehmertum tief eingestuft. Bei den Investitionsanreizen und der Lizenzerteilung besteht Nachholbedarf.

Einzelne Industriefirmen und Banken haben in der Balkanregion bereits stark expandiert. Ist dies ein erster Schritt zur Stärkung der griechischen Wirtschaft?

Stournaras: Dieser Vorstoss in die Nachbarländer hilft, die Position zu verbessern. Aber es ist nicht genug. Wir müssen die Produktionskapazitäten vor allem im eigenen Land ausbauen.

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In welchen Branchen verfügt Griechenland über die besten Chancen für den Export?

Stournaras: Das sind Sektoren, bei denen sich traditionelle Stärken mit moderner Technologie verbinden. Im Agrarsektor gehört der Export von meditteranen Diätprodukten dazu, ebenso wie etwa biologische Spezialitäten und das Fisch-Farming. Im Tourismusbereich müssen wir das reichhaltige kulturelle Erbe mit einfliessen lassen. Der Gesundheitssektor hat zusätzliche Chancen, wenn er das Angebot vermehrt auf die Babyboomer-Generation in Europa ausrichtet, die im Ruhestand nach Kuraufenthalten sucht.

Ist der Drang in die unternehmerische Selbstständigkeit genügend ausgeprägt?

Stournaras: Ja, wir haben gute Ansätze für ein verstärktes Unternehmertum. Wichtig ist, dass der Staat alle Behinderungen für angehende Jungunternehmer aus dem Wege räumt.

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Wie innovativ ist die griechische Industrie?

Stournaras: Die Innovationskraft ist nicht übermässig gross. Es wird aber auch zu wenig Geld für die Innovationsförderung ausgegeben. Bei den jetzigen Exportgütern ist das Technologieniveau im unteren Drittel angesiedelt. Griechenland muss sich in diesem Bereich zumindest ins technologische Mittelfeld verbessern. Ein typisches Beispiel ist die Stahlindustrie, wo der Technologieanteil immer noch niedrig ist, obwohl er in den letzten 15 Jahren stetig gesteigert wurde.

Gibt es auch vorbildliche Sektoren?

Stournaras: Durchaus. Etwa die Maschinenbetriebe für medizinische Ausrüstungen oder Produzenten von hochwertigen Komponenten für die Telekommunikationsbranche. Auch im Fisch-Farming und in der Biotechnologie sind wir äusserst innovativ.

Wie präsentiert sich die Lage in der Textilindustrie?

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Stournaras: Das ist ein Wirtschaftszweig, dem die Konkurrenz aus Billiglohnländern, wie etwa Bulgarien, sehr zu schaffen macht. Der Marktanteil sinkt in der Textilindustrie laufend. Da macht es keinen Sinn, dieser Branche bei der Innovationsförderung Priorität einzuräumen.

Welchen Einfluss hat die Bürokratie im unternehmerischen Alltag?

Stournaras: Die Effizienz der staatlichen Behörden wurde in den letzten Jahren gesteigert. Es braucht aber nochmals ein Up-Grading in der Administration. Der Staat sollte sich auf seine Aufgaben im Bereich der Bildung und sozialen Vorsorge konzentrieren. Unternehmerische Funktionen muss er keine ausüben, dafür aber das Unternehmertum unterstützen, wo immer es geht.

Erwarten Sie mehr Privatisierungen von Staatsunternehmen?

Stournaras: Ein grosser Teil der Staatsbetriebe wurde bereits privatisiert. Jetzt muss der öffentliche Sektor vor allem effizienter werden.

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Welche Rolle spielen die Public-Private-Partnerships?

Stournaras: Das ist ein guter Weg, um öffentliche Aufgaben besser abzuwickeln. Obwohl diese Public-Private-Partnerships gross angekündigt wurden, sind leider erst wenige auch wirklich realisiert worden. In der jetzigen Krise mit einer Kreditverknappung ist kaum mit raschen Fortschritten zu rechnen.

In der Pisa-Studie liegt Griechenland am Ende der Rangliste. Was ist zu unternehmen, um diese schlechte Position in der Bildung zu verbessern?

Stournaras: Das ist ein Mangel im Volksschulsystem. In den öffentlichen Schulen muss der Wettbewerb verschärft werden. Die Fächerkombination muss neu gewichtet werden. Der Unterricht erfolgt in zu vielen Disziplinen, damit entsprechend nur oberflächlich und zu wenig in die Tiefe gehend. Bei einer Bildungsreform müssen in Griechenland Mathematik, ausländische Sprachen, Geschichte und Naturwissenschaften im Vordergrund stehen.

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