Am 1. Januar 2009 wird der Schweizer Strommarkt für Grosskunden liberalisiert. Wer nun aber denkt, die ausländischen Firmen ständen Schlange, um sich ein Stück vom lukrativen Kuchen zu sichern, der irrt. Im Gegenteil sind es seit einigen Jahren Schweizer Energiefirmen, die ihr Glück im Ausland suchen. Sie können es sich leisten, denn im abgeschotteten Schweizer Markt füllten sie ihre Kassen bis zum Bersten.

Knapp 50 Projekte

Eine Zusammenstellung der Schweizer Allianz Stopp Atom zeigt knapp 50 Standorte auf, an denen sich die grossen Schweizer Stromfirmen engagieren. Die Karte gibt einen Überblick zu Projekten und bestehenden Anlagen. Zum grossen Teil handelt es sich um fossile Kraftwerke, also um Anlagen, die Gas oder Kohle in Strom umwandeln. Mit der Aufstellung soll auf zwei Punkte aufmerksam gemacht werden, wie Jürg Buri, Geschäftsleiter der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES), erklärt. Zum einen baue die Strombranche mit ihrer Monopolrente einen stark klimabelastenden Service public im Ausland auf, während sie im Inland mit Klimaschutz-Argumenten Kernkraftwerke fordere. «Wir fragen uns, ob das von den Eigentümerkantonen politisch gewollt ist», sagt Buri.

Zum anderen verfüge die Schweiz über enorme Importkapazitäten. Mit diesen wäre eigentlich sichergestellt, dass genug Grundlast-Strom aus schweizerischen Auslandkraftwerken importiert werden könnte, wenn die drei alten Schweizer Atomkraftwerke dereinst abgestellt werden. Die Variante, Strom zu importieren, sei gemäss Bund zudem die günstigste, fügt Buri an. Vermehrte Importe könnten laut Buri den hiesigen Energiefirmen Zeit geben, neue, umweltfreundlichere Technologien im Markt zu etablieren.

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Zugespitzt lautet die Frage zum Auslandengagement, ob sich die Geschichte von Kaiseraugst unter anderen Vorzeichen wiederholen kann. Die Pläne für das Atomkraftwerk waren Ende 1988 definitiv fallen gelassen worden. Doch in der Strombranche wird heute gerne gefrotzelt, dass Kaiseraugst trotzdem gebaut wurde – nämlich in Frankreich, von wo die Schweiz seit Jahren dank langfristigen Lieferverträgen Atomstrom bezieht.

Schweizer Atomkraftgegner hoffen nun, dass der Strom der Auslandkraftwerke in die Schweiz geleitet werden könnte, falls nach dem Abschalten der hiesigen Reaktoren ein Engpass entsteht.

Nicht für die Schweiz gedacht

Allerdings stellen sich hierbei zwei Probleme: Die Schweizer Stromfirmen wollen ihren Strom gar nicht in die Schweiz liefern – und wenn sie es wollten, dann könnten sie es nicht. Die EGL, die insbesondere in Italien engagiert ist, konzentriert ihr Geschäft fast zu 100% auf das Ausland, wie Mediensprecherin Lilly Frei sagt. Weil die Firma im Zuge der Liberalisierung ihre privilegierten Leitungskapazitäten verloren hatte, beschloss sie, in Italien eine eigene Produktion aufzubauen.

Ähnlich präsentiert sich die Situation bei der Atel. Seit zehn Jahren ist es Strategie der Firma, in jedem Land, in dem sie am Stromhandel beteiligt ist, Kraftwerke zu bauen. «Mit eigenen Kraftwerken sichern wir die Strombeschaffung, was die Risiken senkt», erklärt Atel-Sprecher Andreas Meier.

Laut Meier ist es unmöglich, über längere Perioden grössere Strommengen zu importieren. Weshalb das so ist, erläutert der Energie- und Stromnetzexperte Rainer Bacher, der lange Jahre für das Bundesamt für Energie (BFE) arbeitete. Wegen der Netzkapazitäten sind die Liefermengen beschränkt. Auf dem Netz müssen aber alle Partner gleich behandelt werden. Es ist darum möglich, dass ein deutsches Kraftwerk mehr bietet für das Recht, Strom in die Schweiz zu exportieren, als das Auslandkraftwerk einer Schweizer Stromfirma. Weil es bis auf wenige Ausnahmen keinen privilegierten Leitungszugang gibt, ist es laut Bacher nicht garantiert, dass Schweizer Auslandkraftwerke die Schweiz beliefern können.

Noch heikler ist ein zweiter Punkt. Es ist für die Schweiz gar nicht so einfach, zu einem Strom-Grossimporteur zu werden. Denn Italien ist davon abhängig, dass es durch Schweizer Leitungen Strom erhält, wie Bacher erklärt. Würde die Schweiz viel mehr Importstrom verbrauchen, könnte Italien nur noch aus Slowenien, Frankreich und Österreich Strom beziehen – theoretisch, denn die Leitungskapazitäten sind äusserst knapp. Weil das Stromnetz zusammenhängt, würden grossflächige Blackouts drohen – eine Situation, welche die Schweiz und Europa politisch kaum in Kauf nehmen könnten.

Schwieriger Leitungsbau

Eine Alternative gäbe es laut Bacher. Würden europaweit koordiniert die grenzüberschreitenden und inländischen Stromnetze ausgebaut, könnten Italien und die Schweiz gleichzeitig Strom importieren. Doch zu diesem Thema kursiert in der Energiebranche ebenfalls ein Spruch: Es ist einfacher, ein Atomkraftwerk zu bauen als 50 km Stromleitungen.