In Zürich künden Tramführer mit deutschem Akzent Haltestellen an, und in Forschungsabteilungen arbeiten oft gar keine Schweizer mehr. Der Grund für den steigenden Anteil ausländischer Angestellter sei der Mangel an heimischen Fachkräften, lautet die Standarderklärung der Unternehmen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der jahrzehntelange Wohlstand scheint so manche Schweizer Arbeitnehmer träge gemacht zu haben. Viele ausländische Bewerber sind schlicht einsatzfreudiger, kompromissbereiter – und nicht selten besser ausgebildet.

«Die Ausländer wissen, dass sie sich gegen lokale Mitbewerber durchsetzen müssen. Sie sind deshalb tendenziell leistungsbereiter und setzen diesen Vorteil auch erfolgreich um», bestätigt Eric Waltert, Chef von Cisco Schweiz. «Sie haben einen hohen Anreiz, in der Schweiz eine Stelle zu bekommen, und sind daher oft flexibler und erfolgsorientierter.»
 

Sie strengen sich mehr an

Andreas Oertli, Partner beim Führungsberatungsbüro Heidrick & Struggles, stimmt zu: «Viele ausländische Arbeitnehmer sind eher bereit, Kompromisse einzugehen. Einerseits wegen der Standortattraktivität der Schweiz, andererseits auch in Unkenntnis der lokalen Gegebenheiten.» Ähnlich argumentiert Norbert Thom, Professor für Organisation und Personal an der Uni Bern: «Qualifizierte Auswanderer sind risikobereiter. Sie haben sich auf besondere Herausforderungen eingestellt. Dies ist karriereförderlich.»

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Sind ausländische Super-Arbeitnehmer den Schweizern also grundsätzlich überlegen? «Ausländer sind nicht per se belastbarer», sagt Matthias Mölleney, Präsident der Zürcher Gesellschaft für Personal-Management. Aber sie seien sich «bewusst, dass sie hier zu einem Auswärtsspiel antreten und dass sie sich mehr anstrengen müssen». UBS-Sprecherin Eveline Müller sagt zwar, die Grossbank stelle zwischen Schweizern und Ausländern «keine wesentlichen Unterschiede fest – weder in der Ausbildung noch in Flexibilität und Motivation». Doch auch sie bestätigt im Nachsatz: «Wir beobachten vermehrt, dass sich ausländische Bewerber gezielter mit ihrer Bewerbung und ihrer beruflichen Zukunft auseinandersetzen als Schweizer.»
 

Ehrgeizig und motiviert

Die Vorzüge der Migranten besingen selbst Unternehmer aus den Reihen der SVP – obwohl die Partei die Einwanderung besonders scharf bekämpft und die Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union aufkünden will. Das Baugeschäft von SVP-Ständerat This Jenny hat einen Ausländeranteil von 60 Prozent. Deutsche und Portugiesen seien «ehrgeizig und motiviert und bereit, für ihren sozialen Status Überdurchschnittliches zu leisten», lobt er. Der Konzern des Berner SVP-Nationalrates Hansruedi Wandfluh findet seine Hydraulik-Entwicklungsingenieure vor allem in Deutschland.