An der expansiven Geldpolitik in den USA wird vorerst nicht gerüttelt. Hingegen hat sich die Rhetorik von Ben Bernanke gewandelt. Der Fed-Chairman verweist auf Verbesserungen an den Finanzmärkten und bei den Konjunkturindikatoren. Dem stimmt Alex Hinder, CEO von Hinder Asset Management, zu: «Eine gewisse Stabilisierung zeichnet sich ab, zumindest verschlechtert sich die Wirtschaft nicht mehr.» Der Anlagefachmann ergänzt, dass die Fed nun aber erst die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft wirken lassen müsse.

«Die Fallgeschwindigkeit der US-Wirtschaft hat sich verlangsamt. Der Wendepunkt wird gegen Ende Jahr erreicht sein. Wie immer wird man ihn aber erst Monate später bestimmen können», pflichtet Marco Huwiler, Anlagestratege bei Clariden Leu, bei.

Drei Instrumente gegen Baisse

Die US-Notenbank bekämpft den Abschwung mit drei Instrumenten: Einmal senkte sie den Leitzins auf 0 bis 0,25%. «Die Nullzinspolitik ist ein sehr aggressives Mittel der Geldpolitik - und sie hat gegriffen», so Hinder. Zum Zweiten hat die Fed die Banken über zahlreiche Liquiditätsfenster mit Krediten versorgt. Drittens kaufte die Notenbank im Rahmen von unkonventionellen Massnahmen für 300 Mrd Dollar US-Staatsanleihen und für Hunderte Milliarden Obligationen von Hypothekarinstituten. Das Vorgehen nennen die Fachleute Quantitative Easing.

Beide befragten Experten sind überzeugt, die Fed hätte mit Quantitative Easing durchaus noch die Möglichkeiten, die Geldpolitik weiter zu lockern. «Die Volumen der Programme zum Anleihenrückkauf sind nicht ausgeschöpft», erklärt Huwiler. Für den Rückkauf von hypothekargesicherten Anleihen seien 1250 Mrd Dollar bewilligt worden - bis Ende Mai seien davon 428 Mrd Dollar ausgegeben worden. Der Aufkauf von Obligationen steht aber von verschiedenen Seiten unter Beschuss. Statt auf tiefem Niveau stabilisiert zu werden, kletterten jüngst die Zinsen der Staatsanleihen. Marco Huwiler wirft ein: «Die Wirkung verpuffte zwar schnell, das ursprüngliche Ziel wurde aber erreicht: Die Risikoprämien für Kredite sanken und die Liquidität an den Kreditmärkten wurde verbessert.»

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Alex Hinder sieht noch ein weiteres Mittel, die Wirtschaft zu stützen: «Ein tiefer Dollar würde helfen. Eine Schwächung sollte eigentlich durch die bereits ergriffenen Massnahmen erreicht werden.» Bisher sei der Dollar aber gestützt worden. Ansonsten würde dieser zum Franken nicht auf 1.10, sondern eher auf 1.06 notieren. Angesichts der tiefen Wirtschaftskrise in den USA sei der Greenback erstaunlich stark. Im 12-Monats- Vergleich notiert die US-Valuta handelsgewichtet 10% höher. Doch es gibt auch Gefahren: «Das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten wird zwar angekurbelt, aber die Finanzierung des dann wieder steigenden Handelsbilanzdefizites wird schwieriger. Dafür braucht es Vertrauen in den Dollar», so Hinder. Bereits belaufe sich das Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten wieder auf 400 Mrd Dollar.

Keine Zinserhöhung zu erwarten

Die jüngste Entwicklung am Anleihenmarkt lässt vermuten, dass über die nächsten sechs bis neun Monate keine Zinserhöhungen anstehen werden. Gemäss Hinder haben die tiefen Zahlen zur Kapazitätsauslastung gezeigt, dass Inflationsängste unbegründet oder zumindest verfrüht sind. Das Schlimmste liege bereits hinter uns. Marco Huwiler erklärt, dass die Vereinigten Staaten und Grossbritannien die Krise vor der Eurozone hinter sich lassen werden.

«Das Fed wird die Zinsen als erste der massgebenden Notenbanken anheben.» Der Anlagestratege von Clariden Leu räumt ein, dass die Exit-Strategie aus der Tiefzinsstrategie ein grosses Kunststück sei - «das gilt auch für andere Zentralbanken». Die Zinsen können erst angehoben werden, wenn der konjunkturelle Wendepunkt überschritten ist.

Huwiler führt aus: «Zinserhöhungen müssen nicht der erste Schritt sein. Die Zentralbank kann auch die unkonventionellen Massnahmen rückgängig machen, also die erworbenen Papiere, namentlich sehr liquide Staatsanleihen, am Markt verkaufen. Der Verkauf von Bonds muss dosiert erfolgen, sonst werden die Zinsen gedrückt, statt angehoben.» In Sachen Liquiditätsreduzierung könnte die SNB den Amerikanern als Vorbild dienen: Die Schweizer haben, um flüssige Mittel abzuschöpfen, eigene Schuldverschreibungen mit Laufzeiten bis zu einem Jahr, sogenannte SNB Bills, eingeführt. Es sei nicht vorgeschrieben, dass die Liquidität mit den gleichen Instrumenten abgeschöpft werde, mit denen sie kreiert wurde.

Wenn die realen Tagesgeldzinsen lange im negativen Bereich verharren, riskiert die Fed eine Überhitzung der Rohstoffpreise. Erdöl hat sich mit rund 70 Dollar je Fass seit Februar bereits verdoppelt. Die aus einem Ölpreis um die 100 Dollar entstehenden deflationären Auswirkungen könnten die zerbrechliche US-Kaufkraft markant schädigen. Es besteht die Gefahr, dass die Geldpolitik zu lange expansiv bleibt und eine erneute Preisblase in Vermögenswerten kreiert wird.