Die internationale Möbelmesse in Mailand ist ein Dorado für Designfans, aber auch Möbel-Marathon mit mindestens 350 Veranstaltungen in und ausserhalb der Messe. Eindeutiger Trend: Das Exklusive ist gefragt, auch nummerierte und signierte Einzelstücke im dreistelligen Euro-Bereich.

Es hat sich zögernd angedeutet und kommt mit Macht: Das Material Bambus. Der schnell wachsende, flexible Bambus lässt sich gut verarbeiten. Bisher kannte man ihn in Asien als Baugerüste bis in schwindelerregende Höhen, etwa im Küchenbau, für Küchengeräte oder asiatische Billigmöbel. Hersteller von Edelküchen wie Baginor setzen im Küchenbau voll auf das Trendmaterial Massiv-Bambus. Bambus spielt längst nicht mehr nur in asiatischen Ländern eine tragende Rolle. Auch die westliche Welt ist auf den Geschmack des Alleskönners gekommen. Bambus ist biegsam und doch stahlhart, leicht, aber sehr belastbar und von Natur aus wasserfest und wasserdicht. Schlicht ein ideales Baumaterial.
Dank seines enormen Wachstums ist er zudem ein ökologisch bestens verträglicher Baustoff. Im Laufe eines Bambuslebens liefert der Superrohstoff bis zu 15 km verwertbare Stämme. Gepaart mit gebürstetem Edelstahl, Glas oder Naturstein ergibt sich dadurch eine völlig neuartige Materialmischung für moderne Küchen. Demnächst wird Bambus auch in gemahlener Form als Fasern zu Textilien verarbeitet, denn dank der rasant gestiegenen Nachfrage nach Öko-Baumwolle wird dieser Rohstoff knapp. Artek, der finnische Möbelproduzent der Aalto-Möbel, verwendet Bambus für einen neuen Stuhl, einen Tisch sowie die «Bambu»-Bank und den «Bambu»-Hocker.

Zieh mich an!

Sessel, Sofas und Stühle erhalten Kleider. Mehrere, für alle Gelegenheiten. Mit Volants oder in eigentümlich anmutenden altmodischen Motiven. Patricia Urquiola bringt für Sessel und Sofa «Volant» neuartige Polsterungen. Marcel Wanders offeriert sogar 15 verschiedene Bezüge für sein Sofa. Macht es aber auch nicht interessanter. Seis drum, auch Designern gestehen wir eine Durststrecke zu. Ansonsten laden die neuen Sofas zum Loungen ein: Extrem tief und sehr niedrig, fordern sie Gelenkigkeit und sind eher nicht geeignet, Eltern und Grosseltern einzuladen.

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Weitere Arbeitsplätze schaffen

Archaisch wirken die aus übereinander gelegten Lederstücken genähten Stühle und Sessel «Leatherworks» der Brüder Campana. Unverkennbar ihre Handschrift, unverkennbar Design aus Brasilien. Überzeugend auch, wenn die beiden erklären, dass bei der Gestaltung ihrer Designs immer im Vordergrund steht, weitere Arbeitsplätze in Brasilien zu schaffen, dann begreift man, weshalb ihre Möbel mit viel Handarbeit verbunden sind. Das Marketing allerdings überlässt man klugerweise dem anerkannten Trendsetter und Global Player: Edra. Von einer 20er-Sessel-Serie «Leatherworks», nummeriert und signiert, kommen einzelne Exemplare auch in die Schweiz. Als Gegensatz dazu bringt Edra das runde, gefältelte, weiche Sofa von Inga Sempé: «Crème Chantilly». Ein anmutiges, sinnliches, an die Salons der Colette erinnerndes weiches, kreisrundes Sofa, mit schillerndem oder sündig rotem Stoffbezug.
Die Schweizer Designer dürfen sich sehen lassen! Alias hat mit dem Stuhl «Plein Air» von Alfredo Häberli ein ebenfalls in technischer Hinsicht interessantes Produkt. Auch Hannes Wettstein ist in Mailand gut vertreten. Etwa bei Molteni mit dem Polsterbett «Wave» oder bei Fiam mit einer völlig neuartigen, im Regal eingebauten Vitrine.

60 Jahre Designgeschichte

Bei Cappellini ist die bunte «zerknautschte» Sitzlandschaft «Mr. Bugatti» von François Azambourg ergänzt worden. Ausserdem stellt Ineke Hans hier ihre bandagierten Möbel in Gips und Kunstharz vor. Und Gufram legt seine bereits als Antiquitäten gehandelten Schaumstoffobjekte wie den grünen Kaktus, jetzt auch schneeweiss, wieder auf. Bei Driade zeigt Ron Arad «Clover», die Sesselskulptur aus weissem Kunststoff in Form eines vierblätterigen Kleeblatts, organisch und sinnlich. «Miss Lacy» von Philippe Starck ist trotz ihres blumigen Aussehens nur für Innenräume gedacht. Zanotta gibt sich fröhlich bunt und wagte Neues. Vom unbekümmerten französischen Tausendsassa Ora Ito liess man sich einen erstaunlich erwachsen aussehenden Lounge Chair entwerfen. 60 Jahre Designgeschichte verkörpert Arflex, und nicht wenige verbinden die Erinnerung an diese Firma mit ihren ersten Aha-Erlebnissen mit italienischen Möbeln. Jetzt prägt Carlo Colombo die neue Kollektion. Mit den Beistelltischen «Octopus» und «Everywhere». Gleichzeitig werden als Reedition bewährte Klassiker aus den Zeiten von Cini Boeri und Marco Zanuso wieder aufgelegt.

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NACHGEFRAGT: «Wir brauchen mehr Sinnlichkeit»

Massimo Morozzi, Architekt, Designer und AD der Edra-Kollektion, Pisa (Italien).

Ihre Kollektionen feiern grosse Erfolge, weltweit. Wie wählen Sie die neuen Modelle aus?

Massimo Morozzi: Wesentlich bei der Auswahl von neuen Projekte sind deren Sinnlichkeit, das Gefühl für Material, die Haptik, ihre Ausstrahlung.

Also nicht technischer Fortschritt, neue Materialien usw.?

Morozzi: Den von Computerarbeit, GPS und sonstigen elektronischen Geräten des täglichen Lebens geprägten Menschen muss man wieder ein Gefühl für das Echte, Lebendige vermitteln, etwas zum «Anfassen» geben. Eine «Orientierung».

Wie meinen Sie das?

Morozzi: Ein Beispiel: Früher habe ich mich auf dem Weg von A nach B an der Landschaft orientiert, an Gebäuden, Hügeln. Heute schaue ich auf mein GPS, ich blicke starr vor mich hin, aufs Desktop meines Autos. Ich komme an, sicher, aber ich habe nichts gesehen, nichts erlebt. Das ist grundsätzlich unmenschlich. Deshalb brauchen wir mehr denn je die Sinnlichkeit in unserem Leben, die Möglichkeit, Gefühle zu entwickeln und zu leben. Auch durch unsere Möbel.

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www.arflex.it
www.artek.fi
www.baginor.ch
www.cappellini.it
www.driade.com
www.edra.com
www.fiamitalia.ti
www.gufram.com
www.inekehans.com
www.molteni.it
www.ronarad.com
www.zanotta.it