Man kommt ins Staunen und ins Schwitzen, absolviert Kilometer, nach rechts und links Ausschau haltend. Zaghaft angedeutete neue Tendenzen für den Wohnbereich wurden ein paar erspäht und seien erwähnt. «Komplementär mit modernem Nenner» lautet eine Tendenz. Also Vergangenes in einer zeitgemässen Übersetzung. Man kombiniert so Komplementäres wie Natur und Hightech, Luxus und Reduktion. Die neuen Stilwelten leben von einer intensiven oder monochromen Farbigkeit ? auch ganz in Weiss. Qualität und Echtheit sind gefragt: Man hat Lust an Kostbarem, an Individuellem, an Einzelstücken und Sonderanfertigungen.

Wer zu einer hochwertigen Ästhetik tendiert, entscheidet sich für die Kombination dekorativ und reduziert, luxuriös und avantgardistisch, eigensinnig und exklusiv. Das können Anklänge an Barock oder Art déco sein, ein Verschmelzen von üppiger Ornamentik und grafischen Elementen in warmen Farben, von dunklem Violett über Moccabraun, Grau, Elfenbein und Rosa.

Rückbesinnung auf die Natur

Gold ist in dieser Farbpalette wichtig, edle Lacke und hochwertige Materialien wie Samt und Leder. Liebhaber eines ungezwungenen Lebensstils experimentieren und lassen ihrem Humor freie Bahn. «Mix und Match» heisst die Devise, die Farben demonstrieren Lebensfreude; plakative Muster, Op Art und Ethno-Einflüsse sind erlaubt. Für die Philosophen unter uns empfiehlt sich die Rückbesinnung auf die Natur, kombiniert mit dem Glauben an moderne Technologie: Intelligent und vegetativ, emotional und anspruchsvoll, Ökologie mit Hightech. Für die Farben bedeutet dies viel Grün, Braun und alle Erdfarben in Kombination mit edlem Beige. Naturbelassenes Holz kommt hier zum Einsatz, nebst Bambus, Leder, Filz. Multikulti-Accessoires aus Afrika oder Japan verleihen diesem Ambiente einen exotischen Touch.

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Wohnmoden kommen und gehen, aber manche Dinge entwickeln sich dennoch zu unverzichtbaren Dauerbrennern. So wird die klassische Schrankwand abgelöst durch leichte und flexible Wohnwände und Sideboards. Polstermöbel müssen mehrfach benützbar und untereinander kombinierbar sein, mit Multifunktionscharakter. Weiss wird erneut den Wohnbereich dominieren. Die zukünftigen Wohnungen haben ausser Wohn-, Schlaf- und Arbeitszonen auch einen Medienbereich, wenn nicht gar einen Medienraum. Da wird die Technik immer wichtiger: Flatscreens, Boxen usw. werden in die Möbel integriert. Die technische Entwicklung der LED-Leuchtelemente erlaubt es, Vitrinen, Kleiderschränke, Küchenschubladen und Leseleuchten am Bett damit auszustatten. «Nachhaltigkeit» und die «grüne Linie» sind in aller Munde. Möbel aus Naturmaterialien, die umweltfreundlich produziert und später genauso wieder entsorgt werden können. Dazu gehören auch ökologisch korrekt verarbeitete (sprich gegerbte und gefärbte) Lederbezüge.

Sessel, Sofas und Stühle erhalten Kleider. Gleich mehrere, für alle Gelegenheiten. Mit Volants oder in eigentümlich anmutenden altmodischen Motiven. Ansonsten laden die neuen Sofas zum Loungen ein. Extrem tief und sehr niedrig, fordern sie Gelenkigkeit und sind eher nicht dazu da, Eltern und Grosseltern einzuladen.

Bei Cappellini stellt die junge Senkrechtstarterin aus Holland, Ineke Hans, ihre bandagierten Möbel in Gips und Kunstharz vor. Gufram legt seine bereits als Antiquitäten gehandelten Schaumstoffobjekte wie den grossen grünen Kaktus, jetzt auch schneeweiss, wieder auf. Wer hats erfunden? Unverkennbar sind jeweils die Entwürfe von Ron Arad wie das kurvige Wesen mit dem nicht sehr sympathischen Namen «Misfits». Das Enfant terrible des Designs, Arno Quinze, wendet sich vom Kunststoff dem Holz zu und entwirft den Stuhl «Quartz». Pierre Paulins wiederentdeckte Sessel zählen wie zur Zeit ihres Entstehens in den 70er Jahren zu den Bequemsten. Dies gilt für die Sessel der Kollektion von Artifort wie für diejenigen von Ligne Roset. Classicon wirkt wieder jünger, dank Arbeiten wie dem Hocker «Triton» von Clemens Weisshaar. Endlich ein Hocker, der gut aussieht und bequem ist, sogar mit Griff für die Handtasche. In vielen Oberflächen und Farben zu haben.

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Frische Ideen

Und die Schweizer? Mox ist mit Charles Job gut bedient, aus dieser Ideenküche kommen regelmässig junge, frische Ideen und Produkte. Unverkennbar auch Alfredo Häberli ? innovativ, überraschend, frisch, was er u.a. für Alias gestaltet, überzeugt. Bett, Sideboards und Kleiderschrank als modulares System. Bei Röthlisberger ausserdem eines der Highlights der aktuellen Kollektionen. Eine wunderbar leicht wirkende, stabile, filigrane Konstruktion für Tisch und Stuhl, einmal mehr ein Entwurf des Ateliers Oï.

 

 

NACHGEFRAGT


«Der Zeit anpassen»

Tom Dixon, Designer, Tom Dixon Design, London.

Sie treten seit 2004 sowohl für ihre Firma wie für Artek auf: Was genau machen Sie da?

Tom Dixon: Proventus, die schwedischen Eigentümer von Artek, haben mich zum Creative Director ernannt.

Sie erhielten gerade eben noch eine wichtige Auszeichnung?

Dixon: Ja, die renommierte deutsche Zeitschrift «Architektur + Wohnen» verlieh mir in Köln die Auszeichnung «Designer des Jahres 2008».

Wie gehen sie mit dem Erbe der 1935 von Alvar Aalto gegründeten Artek um?

Dixon: Indem ich mit genauso innovativen jungen Designern wie Henrik Tjaerby Aaltos Formensprache der heutigen Zeit anpasse und die Kollektion so sinnvoll ergänze.