Charles Vögele wird als Übernahmekandidat gehandelt. Wer könnte Appetit auf das Vögele haben?

André Maeder: Wir sind für mehrere Leute interessant, strategisch und finanziell. Denn unsere Firma ist attraktiv. Wir besitzen ein grosses Filialnetz, sind international tätig und haben eine gute Beschaffung.

Sind denn Käufer auf Sie zugekommen?

Maeder: Nein, aber ich bin ja erst acht Monate hier als CEO tätig.

Die Migros-Spitze hat betont, dass sie Vögele weder übernehmen wolle, noch in der Beschaffung zusammenarbeiten will.

Maeder: Das stimmt, aber gerade Letzteres kann sich ja in der Zukunft ändern.

Die Grossinvestoren von Vögele wollten den Konzern aufteilen, zum Beispiel geografisch. Wäre das sinnvoll?

Maeder: Nur das Schweizer Geschäft zu behalten, macht für mich keinen Sinn. Allerdings überlegen wir uns, welche Regionen in Zukunft für uns wichtig bleiben.

Man hört, dass Sie sich aus Norddeutschland zurückziehen wollen?

Maeder: Es ist noch nichts entschieden, wir überprüfen generell alle Länder.

Halten Sie am Heimmarkt Schweiz fest?

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Maeder: Sicher, die Schweiz ist gesetzt.

Die Pläne von der grossen Expansion nach Osteuropa sind aber auf der Strecke geblieben.

Maeder: Es gibt Märkte wie Polen und Slowenien, die sehr gut laufen. Tschechien und Ungarn sind schwieriger zu bearbeiten. Im Raum Budapest entwickeln sich aber unsere Geschäfte sehr gut. Früher hatte Charles Vögele eine Länderpolitik, neu verfolgen wir eine Regionalpolitik. Der Fokus liegt dabei auf den Hauptmärkten.

Ihre Investoren Laxey und Cheyne haben genug vom lahmen Vogel und ihre Anteile reduziert. Diese Woche wurde gemeldet, dass Laxey noch 2,98% der Aktien besitzt.

Maeder: Es ist eine neue Situation. Für uns hat sich aber nichts verändert. Wir wissen nicht, wer die Anteile gekauft hat. Wir haben keine neuen Grossinvestoren. Nach wie vor sind Migros, Bestinver, Von Wyss und Sterling dabei.

Haben Sie selber Aktien gekauft?

Maeder: Nein.

Also haben Sie kein Vertrauen in Ihr Unternehmen?

Maeder: Ich besitze keine Aktien, von keinem Unternehmen. Ich konzentriere mich auf die Leitung dieses Unternehmens und auf die Steigerung des Shareholder Value.

Weshalb ist der Aktienkurs in den letzten Wochen so gestiegen?

Maeder: Bei einem Kurs von 27 Fr. habe ich meinen Job begonnen. Jetzt ist er auf 47 Fr. hochgeklettert. Ich glaube, es steckt auch Fantasie im Titel.

Viel Fantasie. Denn manche Indikatoren sprechen dagegen. Nicht nur die steigende Arbeitslosigkeit, sondern auch das Wetter sendet negative Signale. Seit August ist es viel zu heiss, um Herbst- und Winterkleider zu kaufen, Ihre Umsätze müssen zusammenbrechen.

Maeder: Wir haben einen mittelmässigen August gehabt, leiden aber wie die ganze Branche unter einem schwierigen September. Der Oktober hat gleich begonnen wie der September, aber in den letzten Tagen haben wir eine positive Tendenz festgestellt.

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Für das 1. Semester haben Sie rote Zahlen präsentiert. Müssen Sie Ende Jahr eine Gewinnwarnung aussprechen?

Maeder: Die Bereinigung unseres Altwarenlagers kostet Geld und belastet das Resultat mit 30 bis 40 Mio Fr. Wir hätten im Sommer schwarze Zahlen geschrieben, wenn wir die Bereinigung nicht gemacht hätten. Es ist durchaus möglich, dass wir auch Ende Jahr rot bleiben.

Weshalb?

Maeder: Wir bereinigen nun die überfälligen Altwaren. Wir besitzen heute noch Kleider, die teils sieben bis acht Jahre alt sind. Derartige Ware ist das Todesurteil für einen Retailer. Nach der Bereinigung unseres Altwarenlagers wird es in unseren Geschäften nichts mehr geben, das älter als 18 Monate ist. Die Sommeraltware haben wir bereits verkauft. Jetzt bereinigen wir die Winterware.

Wann haben Sie das Altwarenlager ganz beseitigt?

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Maeder: Definitiv im nächsten März.

Bis dann bieten Sie also praktisch die ganze Zeit Aktionen an?

Maeder: Ja, da müssen wir durch. Das sieht halt nicht so ästhetisch aus, aber wir müssen die Altware loswerden.

Werden Sie nächstes Jahr schwarze Zahlen präsentieren können?

Maeder: Nächstes Jahr können wir beginnen, unsere neue Strategie mit mehr Kollektionen und einer neuen Ladengestaltung umzusetzen. Wir haben aber bereits eine neue Werbung. 2010 wird jedoch wegen der Konjunktur schwierig bleiben.

Wann also sehen Sie endlich wieder Morgenröte?

Maeder: Wir brauchen drei Jahre Zeit, um unsere neue Strategie umzusetzen.

Das erinnert mich an Ihren Vorgänger, der auch immer auf später vertröstete.

Maeder: Ich muss zuerst die Altlasten bereinigen und die neue Strategie umsetzen. Mit dem neuen Ladenbau, der neuen Werbung und der Bereinigung des Altwarenlagers haben wir die ersten Schritte in der neuen Strategie gemacht, das Profil von Charles Vögele zu schärfen.

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Weshalb dauert die Umsetzung der neuen Strategie so lange?

Maeder: Nächsten Herbst werden wir unsere Kollektionen von vier auf acht pro Jahr verdoppeln.

Erst in einem Jahr?

Maeder: Das ist wahnsinnig schnell.

Wie bauen Sie Ihre Läden um?

Maeder: Im deutschen Metzingen haben wir unsere erste Testfiliale eröffnet, am 28. Oktober folgt die zweite in Weinfelden TG. Diese Filialen sind viel heller und haben einen grossen Anteil Legeware. Die Filialen erinnern an Esprit oder PKZ. Dabei spielt auch unsere Unternehmensfarbe violett eine grosse Rolle.

Violett ist auch die Farbe der Frauen.

Maeder: Genau. Wir sind eine Frauenfirma. 80% unserer Kunden und Mitarbeitenden sind Frauen.

In Ihrem Verwaltungsrat und in Ihrer Geschäftsleitung fehlt aber das weibliche Geschlecht.Maeder: Das ist leider so. Bisher mangelte es an valablen Kandidatinnen.

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Weshalb soll ich bei Vögele einkaufen? Doch wohl kaum wegen der Mode.

Maeder: 1,5 Mrd Fr. Umsatz und über 40 Mio Kunden im Jahr zeigen, dass wir richtig liegen. Wir sind einer der grössten Mode-Retailer in Europa. Wenn wir unsere Kunden fragen, weshalb sie zu uns kommen, steht an erster Stelle der Preis. Aber auch unsere Qualität und die Beratung sind ihnen wichtig. Und vor allem: Günstig muss nicht hässlich sein. Es ist uncool zu sagen, wir sind in der Mitte positioniert. Aber 90% der Leute gehören zur Mitte.

Aber Charles Vögele ist doch untere Mitte.

Maeder: Wir bieten aktuelle Mode zu einem guten Preis-Leistungs-Verhält- nis an.

Angesichts der Überkapazität auf dem Schweizer Modemarkt muss die Mitte doch der ungemütlichste Ort sein?

Maeder: Nein, in der Schweiz sind wir sehr erfolgreich. Unsere Zielgruppe der über 40-Jährigen wächst und unsere Kundschaft ist sehr loyal.

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In der Schweiz sank der Umsatz von Charles Vögele um 1% im 1. Semester. Nun gibt es aber Wachstumspotenzial. Denn Migros als wichtiger Konkurrent von Vögele will sich aus der modischen Oberbekleidung zurückziehen. Wollen Sie in diese Lücke springen und allenfalls Geschäfte übernehmen?

Maeder: In der Schweiz sind wir mit unseren 166 Filialen praktisch überall präsent, sodass wir an Migros-Standorten nicht interessiert sind.

Sie wollen auch in den Wäschebereich einsteigen. Gibt es da nicht schon genug Anbieter?

Maeder: Sie können kein Modehaus führen ohne Wäsche und Accessoires. Das ist ein Sortiment, das sie dringend in allen Filialen anbieten müssen. Aber ich denke dabei nicht an extravagante Lingerie, sondern an Alltagswäsche.

Sie wollen auch kleinere Läden eröffnen.

Maeder: Dieses Projekt ist noch nicht spruchreif. Ich kann mir aber kleinere reine Damenfilialen mit Accessoires in Innenstädten und Shopping-Malls vorstellen. Ich kann mir auch vorstellen, mit unserer Marke Casablanca eigene Shops einzurichten.

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Sie bauen die Läden um und gleichzeitig wollen Sie einen Online-Shop aufbauen. Ist das kein Widerspruch?

Maeder: Multichannel ist die Zukunft. Wir wollen Online-Shops anbieten. Dafür brauchen Sie aber stationäre Läden.

Und wird es in Zukunft auch noch eine eigenständige Charles Vögele geben?

Maeder: Ich glaube schon.