Die Finanzkrise fordert immer neue Opfer. «Es ist eine ganz heikle Situation», sagt Niklaus Blattner, ehemaliger Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB). «Die Banken vertrauen einander nicht, weil das Eigenkapital nicht genügt. Und Eigenkapital ist knapp, weil viele Bankbilanzen noch zu viele Risiken enthalten.» Die Krise werde keinen Boden finden, solange nicht mehr Kapital ins System fliesse.

Im Vergleich zu früheren Krisen gebe es aber heute eine einmalige Bereitschaft der Behörden, Regierungen und internationalen Organisationen, das Problem nicht laufen zu lassen. Die Krisenbekämpfung habe rasch und mutig eingesetzt. Für grossflächige Sanierungen fehle im Moment aber offenbar noch die nötige politische Einsicht.

Dabei ist die Bedrohung gross. «Im Finanzsektor sind nicht alle Risiken transparent. Probleme gibt es zum Beispiel bei den Konsumkrediten oder im Derivatebereich», so Blattner. Dazu kämen die weltweit schlechte konjunkturelle Lage und die weiter wachsende Verschuldung der USA.

Bereitschaft signalisiert

Dies lässt selbst erfahrene Banker nicht kalt. «Den Managern ist die Krise derart in die Knochen gefahren, dass sie sich künftig aus eigenem Antrieb zurückhalten und Bereitschaft für schärfere Regeln signalisieren», sagt Nikolaus Senn, ehemaliger Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG). Die neuen Regeln sollten schnell festgelegt werden, solange den Bankvertretern der Schrecken noch in den Knochen sitzt.

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«Die Regulatoren werden die Schraube anziehen, sobald man wieder Licht am Ende des Tunnels sieht», erwartet Senn. Die Aufsicht über die Banken müsse strenger werden. «Das Kind darf aber nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden.»

Denn es besteht die Gefahr, dass die Regulierungsschraube zu stark angezogen wird. «Neue Regeln werden immer durch Unglücksfälle vorangetrieben», sagt auch Blattner. Man habe das Bedürfnis, die Fehler überzukompensieren. Dies bewirke, dass immer mehr Bankaktivitäten in unregulierte Bereiche verlagert werden, was kontraproduktiv sei.

Sinnvollere Regulierung

«Deshalb sollten wir kühlen Kopf bewahren und die Möglichkeiten der bestehenden Regulierung besser nutzen», ist Blattner überzeugt. Im Vordergrund stehe dabei das Regelwerk Basel II. Diese risikobasierte Eigenkapitalregulierung sollte aus seiner Sicht angepasst werden. Heute wirke sie prozyklisch, das heisst, im Aufschwung würden die Risiken unterschätzt, und die Eigenkapitalvorsorge würde vernachlässigt. Wenn im Abschwung die Risiken dann sichtbar würden, sei es für das Aufbauen eines Eigenmittelpuffers zu spät. Dabei sollte es gerade umgekehrt sein.Die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) hat zusammen mit der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ebenfalls ihre Schlüsse aus der Krise gezogen und will für die beiden Grossbanken noch in diesem Jahr eine maximale Verschuldungsgrenze einführen. Diese sogenannte Leverage Ratio kennen die US-amerikanischen Geschäftsbanken bereits. Besonders die Credit Suisse hat sich gegen diese Massnahme ausgesprochen, unter anderem, weil sie Wettbewerbsnachteile befürchtete. Dieses Argument sticht jetzt aber nicht mehr.

Zusätzliches Sicherheitsnetz

Denn die verbliebenen eigenständigen Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley haben inzwischen den Status von Geschäftsbanken annehmen müssen und sind damit der strengeren Regulierung in Zukunft ebenfalls unterworfen.Eine Leverage Ratio findet auch Blattners Zustimmung. Die risikogewichtete Eigenmittelanforderung sei wie eine Lenkungsabgabe, doch nicht immer würden die Risiken richtig eingeschätzt. Dies habe sich vor allem in dieser Krise gezeigt. Die Leverage Ratio funktioniere deshalb wie ein zusätzliches Sicherheitsnetz. Auch für Senn ist eine maximale Verschuldungsgrenze für die Grossbanken erforderlich: «Die Vertreter der Aufsichtsbehörden müssen sich mit den Praktikern zusammensetzen.»

 

 

NACHGEFRAGT


«Niemand verdirbt gerne eine Party»

Niklaus Blattner, von 2003 bis 2007 Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank.

Warum haben die Regulatoren die Finanzkrise unterschätzt?

Niklaus Blattner: Es ist extrem unpopulär, in guten Zeiten einzugreifen. Niemand verdirbt gerne eine Party. Zudem hat die makroökonomische Situation dazu beigetragen, dass das Finanzsystem stabiler schien, als es war. In letzter Zeit gab es ein paar Teilkrisen, die leicht bekämpft werden konnten. In der Folge hat man das Risiko, dass etwas Grösseres kommen könnte, zunehmend unterschätzt.

Sollten die Regeln jetzt universell gesetzt werden?

Blattner: Die Diskussionen auf internationaler Ebene sind notwendig. Die Verantwortung für seine Banken sollte aber jedes Land selber wahrnehmen. Nur der eigene Steuerzahler ist im Notfall bereit, für die Rettung von Banken zu bezahlen.

Werden Banken als Folge der strengeren Regulierung in andere Länder abwandern?

Blattner: Es wird sicher Fälle geben. Die Schweizer Grossbanken haben aber das schweizerische Private Banking im Rucksack, das sie an das Domizil Schweiz bindet. Sie könnten sich aber überlegen, Teile abzuspalten und diese in andere Länder zu verlagern. Das Investment Banking könnte etwa in London als von der UBS unabhängige, separate Aktie gehandelt werden.

Würden Sie dies begrüssen?

Blattner: Begrüssen ist das falsche Wort. Ich würde mir als Manager einer Grossbank überlegen, was für ein kleines Land die zumutbare Grösse ist. Die beiden Grossbanken wären wohl «too big to be rescued». Es passt auch nicht zusammen, dass eine Bank, deren wesentliche Stärke das Private Banking ist, der US-Konkurrenz im Investment Banking die Stirne bietet. Dieser Denkprozess ist noch nicht abgeschlossen. Es ist jedenfalls nicht Aufgabe der Top-Manager, globale Finanzkonglomerate aufzubauen.

Sondern?

Blattner: Der Aktionär soll selber entscheiden, ob er ins Private Banking oder ins Investment Banking investieren will. Und das kann er dann am besten, wenn er zwischen voneinander unabhängigen, spezialisierten Gesellschaften wählen kann. Natürlich passt dies nicht jedem Management. Die Konzernchefs sind dann keine «Herrscher eines Weltreichs» mehr.