Die Deals in der Biotechszene häufen sich. Übernahmespekulationen sorgen auch bei den Aktien der Biotechfirmen an der Schweizer Börse für Nervosität. Diese Stimmungslage misst die sogenannte Volatilität, welche die Kurssprünge in Abweichung von der durchschnittlichen Preisentwicklung einer Aktie misst. Bei den Biotechaktien zeigen sich für die letzten 60 Tage annualisierte Werte von 31 bis 142% (siehe Tabelle). Der hohe Wert bei Speedel geht allerdings auf die Kursexplosion nach der Übernahmevereinbarung mit Novartis zurück.

Die Spekulationen haben gute Gründe. Sowohl die Lage der grossen Pharmakonzerne wie jene der kleinen Biotechfirmen lassen auch in der Schweiz weitere Deals wahrscheinlich erscheinen. Die Pharmakonzerne sitzen auf hohen Geldbeständen oder können Mittel günstig beschaffen, während die Biotechunternehmen für ihre Forschung viel Geld verbrauchen und kaum welches verdienen. Zudem sind sie meistens auf Gedeih und Verderb vom rechtzeitigen Erfolg eines oder weniger Produkte abhängig. Die tief bewerteten Biotechfirmen könnten den Pharmamultis umgekehrt zu den Produkten verhelfen, die jene wegen ihrer auslaufenden Patentrechte dringend brauchen.

Knappe Mittel als Auslöser

Gross ist die Wahrscheinlichkeit einer Übernahme bei Arpida und Addex. Arpida verfügt im Quervergleich zu anderen Biotechfirmen über eine dünne Pipeline. Die Hoffnungen liegen auf der baldigen Zulassung von Iclaprim, einem Antibiotika für spezielle Spitalanwendungen. Eine solche erwartet das Unternehmen im nächsten Jahr. Verzögerung kann man sich angesichts einer relativ dünnen Finanzdecke kaum mehr leisten. Pro Monat verbrennt Arpida Cash im Umfang von etwa 4,5 Mio Fr. Ende 2007 beliefen sich die flüssigen Mittel noch auf knapp 66 Mio Fr. Seither hat das Unternehmen noch 20 Mio über neu emittierte Aktien aufgenommen. Ende Jahr soll sich der Cash-Bestand laut CFO Harry Welten auf etwa 38 Mio Fr. belaufen. Der Finanzchef ist zuversichtlich, dass Iclaprim bald die nötigen Cashflows generieren wird.

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Sollte allerdings ein Kaufinteressent auftreten, der eine genügend hohe Prämie auf den Aktienkurs bezahlt – im laufenden Jahr ist dieser schon um 56% abgestürzt –, «dann hätten wir einen schweren Stand, wenn wir auf unserer Selbstständigkeit beharren wollten», sagt Harry Welten. Über Kooperationen verfügt Arpida bisher nicht. Als möglicher Käufer käme der US-Pharmakonzern Eli Lilly in Frage. Erst im April hat Jürgen Raths den Wissenschafter Khalid Islam als CEO von Arpida abgelöst. Zuvor amtete Raths als Europaleiter exakt jenes Bereichs bei Eli Lilly, für den Arpida sein wichtigstes Produkt entwickelt hat: Das Geschäft mit Spitälern.

Beim Westschweizer Unternehmen Addex erklärt man zwar, selbstständig bleiben zu wollen, doch CFO und Addex-Mitgründer Tim Dyer sagt auch: «Eine Übernahme ist immer eine Möglichkeit.» Den mit 2,6 Mio Fr. ersten Reingewinn seiner Geschichte für das 1. Semester 2008 verdankt Addex nur einer Zahlung von 22 Mio Dollar von Merck.

Der US-Multi hat damit eine erste Zahlung im Rahmen eines im Januar 2008 vereinbarten Lizenzvertrags zur Entwicklung eines Schizophreniemittels geleistet. Wird das Produkt ein Erfolg, bezahlt Merck dafür bis zu 680 Mio Dollar. Dies ist bereits das zweite Abkommen mit Merck. Laut einem früheren Deal muss der Pharmamulti bei Erfolg 167,5 Mio Dollar an Addex bezahlen. Eine weitere Kooperationsvereinbarung mit Johnson & Johnson hat ein weit geringeres Gewicht. Damit ist Merck gleichzeitig auch der wahrscheinlichste Käufer von Addex.

Auch die im italienischen Lainate beheimatete und an der Schweizer Börse kotierte Cosmo könnte zum Kaufobjekt werden. Die Spezialität dieses Unternehmens ist die sogenannte MMX Technologie. Damit ist es möglich, Medikamente am Magen vorbei in den Darm zu führen, die sonst zu früh aufgelöst würden. Bereits auf dem Markt ist das Produkt Lialda. Cosmo hat es an den britischen Pharmakonzern Shire auslizensiert – mit Ausnahme von Italien, wo Giuliani die Rechte besitzt – und kassiert dafür insgesamt 6,5% vom Erlös. Das Potenzial des Medikaments schätzt CFO Chris Tanner auf 600 bis 700 Mio Fr. Shire ist daher auch der wahrscheinlichste Käufer von Cosmo. Mit Rolf Stahel hat das Unternehmen zudem einen einstigen CEO von Shire als Verwaltungsratspräsidenten. Dass CEO Mauro Ajani 63% des Aktienkapitals kontrolliert, würde Verkaufsverhandlungen ausserdem vereinfachen.

Die Partner als Käufer

Weitere mögliche Übernahmekandidaten sind Cytos, Santhera und Newron. Bei Cytos würde als Käufer Novartis in Frage kommen, von der das einst aus einem ETH-Spin-off entstandene Unternehmen all seine Einkünfte bezieht. Gegenüber der «Handelszeitung» hat CEO Wolfgang Renner schon früher einen Verkauf nicht ausgeschlossen.

Santhera hat eben die Zulassung für ihr erstes Produkt Catena gegen eine spezielle Form von genetisch bedingter Muskelkrankheit in Kanada erhalten. In Europa wurde ihr diese aber vorläufig überraschend verweigert. Hier wurde Santhera um etwa zwei Jahre zurückgeworfen. Auch in den USA ist die Markteinführung noch hängig. Wahrscheinlichster Käufer ist auch hier der engste Partner des Unternehmens: Die japanische Takeda.

Die italienische Newron ist bisher vor allem mit Merck-Serono verbandelt, die zum deutschen Merck KGaA Konzern gehört. Ihr Schmerzmittel Rafinamide in Phase II könnte ein Marktpotenzial von einigen Milliarden erreichen. Dennoch ist das Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 144 Mio Fr. äusserst günstig bewertet. Als Käufer kommt Merck KGA in Frage, aber auch ein anderer Multi.