H underttausende von Mexikanern und Touristen erklimmen jährlich die Pyramiden in der antiken Stadt Teotihuacan. Vor allem die Pyramide des Mondes und jene der Sonne, die sich bezüglich Grösse mit den ägyptischen Pyramiden messen können, üben eine magische Anziehungskraft aus. Rund 45 km von Mexiko-City, auf einer Höhe von 2275 m über Meer gelegen, bietet die Stadt, zwischen 200 und 650 n. Chr. die bedeutendste Kultstätte für ganz Mittelamerika und heute zum Weltkulturerbe der Unesco gehörend, einmalige Einblicke in eine Hochkultur, die noch weitgehend unerschlossen ist. Erst 1000 Jahre später sollten die Azteken eine ähnliche Hochkultur entwickeln. Die Deutung der spektakulären Funde hat bereits Generationen von Archäologen beschäftigt und wird es weiterhin tun.

Dank Unterstützung namhafter Sponsoren, wie Thomas Schmid-heiny und die Vontobel-Stiftung, konnte das Museum Rietberg eine Schau der Superlative von Paris nach Zürich holen, die Ende Mai 2010 nach Berlin weiterreist.

Neu entdeckte Kostbarkeiten

Schachbrettähnlich angelegt, entwickelte sich Teotihuacan mit seinen 100000 Einwohnern in den drei Jahrhunderten seiner Existenz zu einer kosmopolitischen Stadt, die eine beachtliche Zahl Fremder beherbergte. Die Menschen aus dem Maya-, Oaxaca- und Golfküsten-Gebiet wohnten in separaten Stadtvierteln und behielten auch fern ihrer Ursprungsländer ihre eigene Kultur bei. Dieser Umstand prägt auch im Wesentlichen die Thematik der Ausstellung. Dem leider verstorbenen Kurator Felipe Solis ging es nicht nur darum, über Götter und Rituale zu berichten, sondern vielmehr ein ganzheitliches Bild der Lebensumstände der immer noch weitgehend unbekannten Bevölkerung von Teotihuacan zu zeigen. Die in sieben Themenkreise gegliederte Schau beginnt deshalb auch mit «Architektur und Stadtplanung» und belegt an einem mit Kreisen geschmückten architektonischen Element aus matt glänzendem Grünstein, wie wichtig die Symbolik war: Die überall vorhandenen Kreise oder «Chalchihuites» galten als Zeichen für Reichtum und Wohlergehen. Tatsächlich gab es in der Stadt, die von einer Klassengesellschaft geprägt war, eine beachtliche Zahl von Wohn- und Residenzkomplexen. Letztere wurden noch bis 1959 als «Paläste» bezeichnet.

Die schönsten der 450 im Museum Rietberg gezeigten Objekte wurden aber doch in den Pyramiden gefunden: Um «Götter und Rituale» kommt man also nicht herum! Masken, Kultmesser, Schmuck aus Perlen, aber auch aus Menschenzähnen und Muscheln zeugen von einem Kult, welcher Geburt und Tod eng miteinander verknüpfte. Menschenopfer waren ein selbstverständlicher Teil dieser Erneuerungsrituale. Solche Geopferte, reich geschmückt mit Pektoralen aus Muscheln und Grünstein, wurden im Tempel des Quetzalcóatl, der gefiederten Schlange, gefunden.

Anzeige

Einzigartige Perfektion

Viele dieser erst kürzlich entdeckten Funde wurden zuerst auf die Reise nach Europa geschickt und waren in Mexiko noch nicht zu sehen.

Andere Gegenstände zeugen von einer ausserordentlichen Kreativität der Handwerker in der «Stadt, wo die Götter zu Menschen werden», wie Teotihuacan auch genannt wird. In der 800-jährigen Geschichte der Stadt - die Gründe für den Niedergang sind noch immer nicht bekannt - kam die Töpferkunst zu grosser Blüte. Keramik besass für die Kulturen des alten Mexiko einen hohen Stellenwert, da dieses Material nicht nur im Alltag wichtig war, sondern auch bei den Ritualen eine grosse Rolle spielte. Einfache Behälter von glänzend poliertem Ton finden sich nebst ausgefallenen Formen wie dem Gefäss in Form eines schlafenden Hundes.

Die Ausstellung zeigt aber nicht nur wunderschöne, sondern auch merkwürdige Beispiele der Töpferkunst. Ein einmaliges Stück, ein zoomorphes Gefäss in Form eines Huhns, haben die Archäologen sofort als «Verrücktes Huhn» bezeichnet, weil es mit seinen Muscheln, Farben und dem Ausdruck unglaublich humorvoll daherkommt und sich auch auf einem heutigen Ostertisch gut machen würde. Es wird vermutet, dass der Töpfer im Drogenrausch arbeitete.

Funde über Funde

Die Ausstellung lässt die Grösse des kulturellen Reichtums der mesoamerikanischen Völker nur erahnen. In und bei den Pyramiden sind die Ausgrabungsarbeiten immer noch in vollem Gange. Eduardo Moctezuma vom Staatlichen Institut für Anthropologie und Geschichte Mexikos deutet im umfangreichen Begleitkatalog aber auch eine Befürchtung an, wenn er schreibt: «Es bleibt zu hoffen, dass in den kommenden Jahren weitere Forschungen neue Erkenntnisse über die Ausgrabungsstätte liefern. Oberste Priorität ist dabei der Erhalt der Bauwerke ohne Fremdeingriffe in den Originalzustand.» Der hervorragende Aufbau der Schau weckt starkes Interesse, mehr über diese exotischen Kulturen zu erfahren. Sie zieht in einen Bann, welcher der Trance eines exotischen Rituals nahekommt.