So hatte sich 1853 der Tourismuspionier Alexander Spengler wohl «sein» Davos nicht vorgestellt: Mit 12 000 Einwohnern mittlerweile die grösste Stadt in den Alpen, hat sich Davos zu einem Tourismus-, Event- und Tagungsort mit europäischen Dimensionen entwickelt. In den beiden zusammenarbeitenden Gemeinden Davos/Klosters gibt es 24 000 Gästebetten, auch wenn wohl fast die Hälfte davon im Privatbesitz sind und relativ limitiert ausgelastet werden. Die für das Kongresswesen relevante Zimmeranzahl der mittleren und oberen Klassen liegt bei knapp 5000 Einheiten.

Zum einen gibt es im Landwassertal den hauptsaisonalen Tourismus, also Winter und Sommer, und zum anderen das sogenannte MICE-Geschäfte. Dieses Business spielt vornehmlich in den Zwischensaisons, sprich April bis Juni bzw. September und Oktober. Für dieses Segment hat Davos schon vor 40 Jahren ein erstes Kongresshaus gebaut, das nun mit der Eröffnung des Ausbaus am 12. November 2010 zu einem grossen, flexiblen Tagungszentrum mutiert.

Zwei Grosskunden reichen nicht

Mittlerweile liegt die regionale Wertschöpfung aus dem Davoser MICE-Bereich bereits weit über 50 Mio Fr. jährlich, so hat es 2008 eine Studie des Instituts für öffentliche Dienstleistungen und Tourismus in St. Gallen errechnet. Aber, und das muss im gleichen Atemzug erwähnt werden, fast die Hälfte davon stammt jeweils vom Weltwirtschaftsforum (WEF) Ende Januar. Entsprechend stark dürfte der Druck des WEF auf die Region gewesen sein, das seit Jahren zu kleine sowie zu enge Kongressangebot massiv zu vergrössern. Und ausgebaut wird es: Von 27 auf 34 Tagungsräume bzw. von 5400 auf 12 000 m² Tagungsfläche, neu in drei Komplexe aufgeteilt, die allesamt autonom betrieben werden können. Der Plenarsaal kann nun, zusammen mit dem Foyer, mehr als 2100 Besuchern Platz bieten.

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Mit dieser gewaltigen Expansion kann Davos nun die Bedürfnisse des WEF befriedigen und auf eine langfristige Durchführung hoffen. So sagt denn auch WEF-Gründer Klaus Schwab, «dass die bauliche Entwicklung Ausdruck des Vertrauens der Davoser Bevölkerung in das Weltwirtschaftsforum ist und Davos deshalb der beste Veranstaltungsort».

Trotzdem gibt es in Davos nur zwei regelmässige bzw. gewichtige Grosskunden: Das WEF und die vor Ort ansässige AO-Stiftung, eine medizinische Forschungs- und Ausbildungsorganisation. AO führt ihre Seminare schon seit 50 Jahren in Davos durch und trägt somit einiges zum MICE-Ertrag bei. Beide Kunden reichen aber nicht, um die Gesamtinvestitionen von 100 Mio Fr. in den Kongressausbau vergessen zu machen. Die Verantwortlichen bei der Tourismusorganisation Davos/Klosters werden sich enorm sputen müssen, um substanzielle Neukunden zu finden.

Denn die wirklich lukrativen internationalen Grosskongresse, deren Teilnehmer mit 450 Fr. pro Nacht rund dreimal so viel ausgeben wie Feriengäste, werden auch in Zukunft kaum ins Landwassertal reisen. Da fehlt nämlich einiges, vergleichbar mit Luzern und Interlaken. Wenngleich es Einzelerfolge geben wird: Im Grunde ist schon die Anfahrtszeit ab dem Flughafen Zürich für dieses Segment zu lang. Was im nationalen und nahe liegenden ausländischen Incentive- und Motivations-Bereich tragbar ist, kostet im globalen Business einfach zu viel - die Zeit, die Reisezeit. Zudem braucht es eine für den Kongress genügend hohe Anzahl von identischen Hotelzimmern, was ja auch gesamt-schweizerisch selten der Fall ist, eine lebendige Kongressstadt (das ist für Davos in der Zwischenzeit schwierig) sowie ein aktives Nachtleben, auch unter der Woche.

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Im nahe liegenden Markt wachsen

Auch wenn das WEF selbst eine Erfolgsgeschichte ist, das wahre Potenzial für Davos liegt nicht im internationalen Kongressbereich, sondern im zentraleuropäischen und vor allem nationalen Tagungsgeschäft; dazu kommt auch das Firmenveranstaltungssegment.

Hier haben Bergdestinationen Chancen gegenüber den Kongressstädten. Aber der Kuchen, der aus der Schweiz kommt, ist meistens gebacken und wird von den Destinationen einfach regelmässig umverteilt. Hierzulande wird es auf die Dauer kein grosses Wachstum im MICE-Bereich geben; wenn überhaupt, kommt es eher aus den nahen Schlüsselmärkten Deutschland und England.

Hier setzt das Team um Reto Branschi, CEO der Destination Davos/Klosters, auch an, selbst wenn die deklarierte Zielsetzung von 5% MICE-Wachstum bis 2013 eher bescheiden wirkt. Immerhin wollen sie bis 2015 «globaler Trendsetter im MICE-Bereich in den Bergen» sein; das ist dann schon ein markantes Ziel - eben abgesehen davon, dass der Begriff «global» in diesem Falle kaum zutrifft.

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Es wartet also viel Arbeit auf die Verantwortlichen. Vielleicht hilft ja der von Klaus Schwab kreierte «Spirit of Davos» mit, indem man das Label mit Informationen über das ausgebaute Kongresszentrum sowie mit neuen Ideen - etwa aus den Bereichen Sport, Gesundheit und Ausbildung - mischt und dann in die potenziellen Märkte trägt.