Die Athens Exchange ist wie alle Börsen weltweit in den Strudel der Finanzmarktkrise geraten. Im letzten Jahr hat der griechische Aktienmarkt rund zwei Drittel seines Wertes eingebüsst. Am stärksten wurden die Finanztitel betroffen. Sie verkörpern auf der Kursliste das grösste Segment und sorgten dafür, dass der Gesamtindex auf weniger als 2000 Punkte fiel. Dabei waren die griechischen Banken von der Subprime-Krise ursprünglich kaum betroffen, weil sie kaum Toxic Papers in ihren Büchern hatten. Der Deleverage-Effekt zwang jedoch viele Hedge-Fonds, sich von den griechischen Titeln zu trennen, um zusätzliche Liquidität für die eigenen Aktivitäten zu schaffen. «Es gab massive Übertreibungen nach oben und unten», bringt Börsen-Chef Spyros Kapralos die hohe Volatilität auf den Punkt.

Auf dem Höhepunkt der Internetblase im Jahr 2000 erreichte die Börsenkapitalisierung im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt 177%; jetzt sind es noch 30%. Für Kapralos gibt es derzeit keine klaren Zeichen, wohin der Aktienmarkt tendiert, aber er sieht bei dieser tiefen Bewertung interessante Einstiegsmöglichkeiten. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse der Unternehmen sind in den einstelligen Bereich getaucht und die Dividendenrenditen erreichen mehr als 5%.

Ausländer ziehen ab

Ausländische Investoren waren an der Athens Exchange noch vor Jahresfrist in der Mehrheit. In der Zwischenzeit wurden mehr als 3 Mrd Euro abgezogen, und der Anteil von Investments aus dem Ausland hat sich von 53% auf 48% vermindert. Über eine längere Periode betrachtet, ist das Interesse am griechischen Aktienmarkt bei der internationalen Anlegerschaft aber nicht erloschen. In der Boomphase 2004 bis 2007 erreichte der Nettozufluss an ausländischem Geld knapp 17 Mrd Euro. Während sich das Handelsvolumen wegen des Preisrückgangs stark verminderte, sind die Umsätze bei den Derivaten wegen der volatilen Märkte um 15% gestiegen.Anfang 2008 wurde eine neue Handelsplattform für Exchange Traded Funds (ETF) eröffnet. «Die Startphase war schwierig, weil sämtliche Märkte südwärts ausgerichtet waren», blickt Spyros Kapralos zurück. Trotzdem sieht er ein gutes Entwicklungspotenzial für dieses Börsensegment. Man plane neue Produkte, darunter einen ETF für Griechenland und die Türkei, der die wichtigsten 15 Titel beider Länder enthält. Dazu kommen sollen ein ETF für den griechischen General-Index, ein Instrument mit den am besten handelbaren Mid-Cap-Aktien sowie ein Indexfonds mit Risikopapieren aus den Nachbarländern, wie Zypern und Bulgarien.

Anzeige

Fortschreitende Konzentration

Die Konzentration auf den europäischen Aktienmärkten ist im Gefolge der Finanzmarktkrise ins Stocken geraten. Die Athens Exchange hat sich vergeblich um den Einstieg bei der slowenischen und der Prager Börse bemüht. In beiden Fällen kam die Österreichische Stock Exchange zum Zug. Viele kleinere Handelsplätze sind wegen der eingebrochenen Volumen in einen Liquiditätsengpass geraten. Aber trotzdem beobachtet Spyros Kapralos nur eine geringe Bereitschaft für eine weitere Konsolidierung, weil einzelne Börsen noch gar nicht als gewinnorientierte Unternehmen funktionieren oder politischer Widerstand eine Fusion über die Landesgrenzen hinweg verhindert. Die grossen Handelsorganisationen sind noch stark mit der Einverleibung von übernommenen Börsen beschäftigt, wie etwa die New York Stock Exchange nach dem Kauf der Euronext oder die London Stock Exchange mit der zugekauften italienischen Börse. Zudem sind die Notierungen dieser Grossbörsen mit einem Minus von 60% und mehr ebenfalls massiv abgesackt.Die Hellenic Exchanges, unter deren Dach nebst der Athens Exchange sämtliche Abwicklungsgesellschaften bis zum Clearing und Settlement vereinigt sind, hegt derzeit kein grosses Interesse an einer Expansion ins Ausland. Im Vordergrund steht die Stärkung der Heimbasis. Immer mehr griechische Unternehmen werden von ausländischen Investmentsfonds oder gewichtigen Multis geschluckt und die Aktien verschwinden schrittweise von der einheimischen Börse. Um diese Dekotierungen auszugleichen, sucht Spyros Kapralos neue Firmen, die sich für ein Listing eignen: «Nach dem Abwärtstrend der Schifffahrtsgesellschaften an den internationalen Börsen sind wir bereit für eine Kotierung.» Es bleibt abzuwarten, ob dieses Angebot von den griechischen Reedern auch angenommen wird (siehe Kasten). Dank der integrierten Auftragsabwicklung hofft er, auch zunehmend Aktien von benachbarten Ländern und später aus dem gesamten Euroraum auf der eigenen Plattform effizient abzuwickeln. Es gibt bereits ein Projekt, diese Dienstleistung auch für den Handel ausserhalb der Eurozone anzubieten. «Wir sind offen für Kooperationen», sagt Spyros Kapralos.

Keinen Dark Pool

Einen Dark Pool, wie ihn die Schweizer Börse und andere Handelsplätze in den vergangenen Monaten installiert haben, plant der griechische Börsenchef nicht. Athen ist von den alternativen Börsen, wie etwa Turquoise, nicht betroffen, weil auf diesen Plattformen keine griechischen Aktien gehandelt werden. Positiv sollte sich auswirken, dass die griechische Regierung eine Sales-Tax von 0,15% auf jede Transaktion seit Anfang Jahr eliminiert hat. Davon verspricht man sich mehr Umsatz von Day-Taders und die Rückkehr von Marktteilnehmern, die den griechischen Aktienmarkt wegen dieser Abgabe gemieden haben.