Welches ist für Sie die wichtigste Entwicklung in der aktuellen Kunst der letzten Jahre?

Annemarie Verna: Wir meinen, dass die letzte gewichtige Veränderung in der Gegenwartskunst zwischen 1965 und 1972 stattgefunden hat. Direkt und indirekt fusst das künstlerische Schaffen der nachfolgenden Generationen auf diesen Fundamenten und zehrt von diesen immensen Impulsen. Diese Tatsache prägt auch die Arbeit unserer Galerie, die ja während dieser aufregenden Jahre entstanden ist. An die jüngeren Künstler, die in unserem Programm durchaus wichtig sind, stellen wir gleiche Relevanzanforderungen.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Was lieben und was hassen Sie an Ihrem Beruf?

Verna: Wir mögen die Selbstüberschätzung von Zürich als Kunstszene-Ort nicht. Wir wünschten uns mehr eigenständige und differenzierte Aufmerksamkeit.

Wie sehen Sie den Kunstmarkt heute und seine weitere Entwicklung?

Verna: Die Funktion der aktuellen Kunst hat sich verändert. Kunsthallen, Museen und Galerien werden vorwiegend wie Kinotheater bespielt: Kurzzeitig, mit den neusten Produktionen. Unterstützt durch Marketing und Public Relations. Dementsprechend ist die Langzeitwirkung der Werke beeinträchtigt. Durch den Unterhaltungscharakter wird ein grösseres und jüngeres Publikum angesprochen, was nicht zu unterschätzen ist. Der Künstlerberuf ist attraktiv wie nie zuvor. Erfolgreiche Künstler besitzen den Status von Popstars. Für den Kunstmarkt sind aber engagierte, interessierte und gebildete Sammler und Museumsleute wichtig. Diese müssen gewillt sein, eine Sammlung über eine lange Zeitspanne aufzubauen, ihre Entscheidungen zu fundieren und ihre eigene Kreativität einzubringen. Dazu sind die Rahmenbedingungen nicht optimal und seriöse Arbeit und Vermittlung ist notwendig.

Was zeigen Sie in Ihrer aktuellen Ausstellung?

Verna: Momentan zeigen wir zwei Retrospektiven von Sylvia Plimach Mangold, Jahrgang 1938, und James Bishop, Jahrgang 1927. Beide Künstler sind unserer Galerie seit über 25 Jahren verbunden (Neptunstrasse 42, bis 28. Februar 2003). Interview: Katrin Bachofen

Galerie Mai 36

Zürich Neue Arbeiten des 1948 in Sempach bei Luzern geborenen Ian Anüll präsentiert derzeit die Galerie Mai 36, die den Künstler regelmässig seit 1988 zeigt. Ian Anüll lebt und arbeitet in Zürich und Paris; im kommenden Frühjahr wird ihm das Kunstmuseum Solothurn eine umfassende Einzelausstellung widmen.

Mit seinen Arbeiten führt uns Anüll gleichsam mit augenzwinkerndem Ernst die Funktionsweise eines alchemistischen Labors vor. Der Künstler arbeitet mit Fundstücken. Sie stammen aus der Welt des Konsums, der Massenmedien, der Welt der Zeichen und Signete, aber auch der Natur. Durch ihre Überführung in den Ausstellungsraum werden sie zu Relikten unserer menschlichen Zivilisation, wobei ihnen die Basis der neuen Bewertungsschemata denen all diese Dinge vor ihrem künstlerischen Gebrauch unterlagen im neuen Kontext entzogen wird. Doch geschieht dies keineswegs so, dass ihr ursprünglicher Sinn dabei in Vergessenheit geriete. Im Unterschied zur Pop-Art, die sich erstmals im grossen Stil der Konsumwelt und des Alltags bemächtigte, wird das Gezeigte hier nicht affirmativ gefeiert, sondern durch sparsame, gezielte Eingriffe subtil unterwandert. Dabei bewegt sich der Künstler am Rand unserer wohlgeordneten Welt, wo das Reale immer wieder ins Imaginäre umschlägt, wo sich Imaginationen aber auch unvermittelt als wahr herausstellen können. Unter der Hand des Künstlers verwandeln sich die Dinge: Ein Stein aus der Rhone wird durch das Registered-Trademark-Signet ¨ zum Produkt deklariert; das Zeichen selbst wird durch eine einfache spiegelbildliche Umkehrung in ein kyrillisches verwandelt, was so viel wie «ich» bedeutet.

Die Preise für Anülls Werke (Gemälde, Aquarelle, Installationen, Objekte und Fotografien) reichen von 1800 Fr. für die 34 x 50 cm grossen C-Prints auf Aluminium aus dem Jahr 2002 bis hin zu 14000 Fr. für das 9-teilige Werk «Sechs Richtige», Acryl auf diversen Materialien von 1993/94 (Rämistrasse 37, bis 21. Dezember 2002).

Galerie Bruno Bischofberger

Zürich Miquel Barceló, 1957 auf Mallorca geboren, zählt zu den wichtigsten Malern und Bildhauern unserer Zeit. Zahlreiche Museen haben ihm bereits Einzelausstellungen gewidmet. So fasste die Fondation Maeght diesen Sommer in Saint-Paul-de-Vence über 130 Exponate in einer Ausstellung zusammen, gegenwärtig zeigt die Galleria Nazionale d'Arte Moderna in Rom 58 Bilder und Skulpturen Barcelós, und vom 29.8. bis zum 26.11.2003 wird die Kestner Gesellschaft in Hannover das Werk des Künstlers vorstellen.

Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Bischofberger präsentiert acht Werke auf Leinwand und zwei neue Bronze-Skulpturen. Die Ikonographie der Bilder bezieht sich auf das Meer auf das Äussere des Meeres, die Oberfläche und die Wellen, aber auch auf den Meeresgrund. Ähnlich wie der Künstler die Wüstenbilder der Jahre 198889 und die kurz darauf entstandenen Gletscherbilder zu erfundenen «Landschaften» (die sich zugleich auf Wüste, Schnee und Eis bezogen) zusammenfasste, wird hier bei den Meeresgründen scheinbar Unvereinbares wie Gemüse oder Früchtestilleben mit den Unterwasserlandschaften kombiniert.

Sämtliche Bilder der Ausstellung sind dreidimensional gearbeitet: Eine latexartige Masse, hergestellt unter anderem aus Puderpigmenten, flüssigem Bindemittel und Zeitungen, wird von Barceló auf der an der Decke befestigten Leinwand aufgetragen. So entstehen Oberflächen mit stalaktitartigen Gebilden.

Die beiden neuen Bronzeskulpturen, welche Tierschädel mit «Vasen» darstellen, wurden nach Keramiken des Künstlers gegossen. Barcelós Keramiken wurden schon in mehreren Museumsausstellungen gezeigt. Momentan arbeitet er an einem 200 m2 grossen Keramikrelief für die Kathedrale in Palma de Mallorca. Die Keramiken lassen erkennen, dass die Tierschädel vom Künstler aus Formen der traditionellen Vasen gestaltet wurden.

Miquel Barceló wird seit 1984 von der Galerie Bischofberger weltweit exklusiv vertreten. Seine Werke sind gesucht und dementsprechend hoch bezahlt. Kürzlich wurde ein Werk aus der berühmten «Torros»-Serie bei Christie's in New York für 1 Mio Dollar versteigert, aber auch weniger berühmte Werke kosten immerhin noch einige 100000 Dollar (Utoquai 29, bis 4. Januar 2003).

Galerie Lelong

Zürich In der Regel widmet die Galerie Lelong Zürich einmal pro Jahr eine Ausstellung der Druckgrafik; schliesslich hat die Galerie diesem Medium seit dem Beginn ihrer Tätigkeit als Verleger stets eine grosse Bedeutung zugemessen.

Mit der Ausstellung «editions: prints & multiples» hat man sich zum Ziel gesetzt, Arbeiten von Künstlern aus dem eigenen Programm, die auf Grund ihrer räumlichen Dimensionen sonst nur an Messen gezeigt werden können, zu präsentieren. Dabei handelt es sich vor allem um Radierungen, Lithografien oder Holzschnitte von Antoni Tàpies, Georg Baselitz, Eduardo Chillida und Louise Bourgeois.

Mit der Ausweitung in den Bereich des Multiple wird die Vielfalt von Editionen hervorgehoben; Akzente wurden im Bereich der materiellen, formalen und technischen Variation gesetzt, ohne dabei jedoch gezielt auf einen gemeinsamen Nenner hinzuarbeiten. So findet sich ein Multiple von Jeff Koons neben einer Suite von Brice Marden, eine Bodenarbeit von Mayo Bucher führt den Blick zu einem Portfolio von 10 Lithographien von Raymond Pettibon. Strenge Formen und Linien paaren sich mit unerwarteten Materialien und Farben.

Bei der Realisierung bemühte man sich, den Kreis der eigenen Künstler zu ergänzen einerseits mit international anerkannten Künstlern, die sich seit langem im Bereich der Editionen einen Namen gemacht haben (Richard Serra, Olivier Mosset, Markus Raetz, Sylvie Fleury u.a.), andererseits suchte man auch den Kontakt zu «jüngeren» Schweizer Künstlern, die sich ebenfalls mit diesen unterschiedlichen Medien auseinandersetzen (Mayo Bucher, Franz Wanner, Hanni Roeckle u.a.).

Die Auswahl bietet dem Besucher Neues wie Andreas Horlitz, Franz West , Unerwartetes wie Imi Knoebel, Günther Förg und Bekanntes wie Jannis Kounellis, Raymond Pettibon. Die Preise der Editionen liegen zwischen 1000 und 60000 Fr. (Utoquai 31, bis 15. Januar 2003).

Galerie Meile

Luzern Sport bringt Menschen zusammen oder trennt sie. Sport wirkt wie eine Wunderdroge, die für einen Moment alles vergessen macht und die einen in die höchsten Höhen der Spiellust, aber auch in die tiefsten Niederungen des Verlierens versetzen kann. Die Intensität und Wirkungskraft von Sport wird in der Kunstszene mit neidvollen Augen beobachtet. Trotz vermehrter Forderung nach Lebensnähe, Publikumswirksamkeit und Alltagsbezug erreicht die Kunst diese Wirkungskraft und Faszination beim Publikum nur ausnahmsweise.

Der Versuch, die Nähe zu einem breiteren, dem Visuellen gegenüber aufgeschlossenen Publikum herzustellen, mag ein Grund für die Verbindung von Kunst, Sport und Design sein, wie sie das Künstlerpaar «L/B» (Sabina Lang, geb. 1972 in Bern, Daniel Baumann, geb. 1967 in San Francisco) anstrebt. Sport dient ihnen als Modell, als Lebensmodell, als Kunstmodell. Regeln und Wettbewerb oder die Bedeutung von Geld und Kollektivität, wie sie im Sport gehandhabt werden, haben auch in vielen anderen Lebensbereichen ihre Gültigkeit. Um das Spiel mit individuellen und kollektiven Befindlichkeiten allgemein verständlich zu vermitteln, bedienen sich L/B einer Formensprache, die dem Design der 60er und 70er Jahre entliehen ist. Der allumfassende Charakter der Wand- und Deckenmalereien, des Teppich- und Sitzbankdesigns lässt den Betrachter in eine vereinheitlichte Umgebung eintauchen, in der er sich gleichzeitig als anonymer Teil einer Publikumsmasse, aber auch als Individuum unter anderen Individuen fühlen kann.

In der Ausstellung «Duell» wird die neue Installation «Beautiful Corner # 3» gezeigt: «Kicker», Teil der Installation im Galerieraum, ist ein Tischfussballkasten deluxe, vollständig aus Messing gebaut, der in seiner Form eher ungewöhnlich ist, sich jedoch vorzüglich zum Spielen eignet (und selbstverständlich während der Ausstellung benutzt werden kann). Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit den Lehrwerkstätten Bern realisiert und von der Stadt Bern unterstützt. Die Preise für die Arbeiten von L/B reichen von 4500 Fr. für die Fotografien «Wankdorf» und «Dynamo Kiew» bis hin zu 45000 Fr. für den «Kickerkasten» (Rosenberghöhe 4 A, bis 21. Dezember 2002).

Galerie Kulli

St. Gallen Noch bis Ende dieses Jahres zeigt Susanna Kulli Werke des 1959 geborenen Schweizer Künstlers Adrian Schiess, der heute in Südfrankreich lebt und arbeitet. Seit 1988 vertritt die Galeristin den Künstler, der 1992 auch an der Documenta in Kassel vertreten war und vor drei Jahren eine grosse Einzelausstellung im Kunsthaus Bregenz bestritt. International bekannt wurde Schiess in den frühen 90er Jahren mit auf dem Boden liegenden Platten Malereien, die er mit Autolackfarben gleichmässig lackierte. In diesem scheinbar unendlichen «work in progress» wird die Farbe in der Beziehung zwischen Licht und Schatten sowie in ihrer hierarchischen Dimension erforscht. Die zwei mal drei Meter grossen Arbeiten mit Autolack auf Verbundplatten kosten je 220000 Fr. Sie sind in der Ausstellung an die Wände gelehnt und verändern ihr Aussehen mit jedem Hinschauen, mit jeder Bewegung des Betrachters.

Neben diesen gedehnten Farbflächen hängen kleinformatige Tafelbilder, deren Formensprache auf das Informel verweist. Diese ursprünglich von der späten Ecole de Paris entwickelte Kunstrichtung lehnt jeden geordneten Bildaufbau strikte ab und lässt sich bis in die Zeit um 1945 zurückverfolgen. Diese kleinformatigen Acrylbilder von Adrian Schiess kosten zwischen 8000 und 13000 Fr.

Im Projektraum werden die zwischen 1989 und 1999 entstandenen digitalen Farbverläufe des Künstlers gezeigt ab DVD und mittels einem Beamer an die Wand projiziert. Die DVD-Diskette mit sämtlichen digitalen Farbverläufen (7 Stück à je 30 Minuten Dauer) kostet 15000 Fr., die Auflage beträgt 6 Exemplare (Davidstrasse 40, St. Gallen, bis 31. Dezember 2002).