Von Pfeffermühlen aus Arvenholz bis zu mexikanischen Hängematten und von handgewobenen Seidenschals bis zu Sandelholzseife aus Thailand: Das kunterbunte Angebot im virtuellen Warenhaus von Fair- customer umfasst mehr als 1100 Artikel von über 70 Händlern.

Gestartet wurde der Online-Marktplatz im November 2008. Inzwischen zählt er bereits einige 1000 Besucher pro Woche. Gekauft wird eigentlich alles, was dank gutem Design optisch anspricht. Ein Renner sind zum Beispiel Ohrringe aus Nepal zum Preis von 40 Fr. Gefragt ist auch handgeschöpf-tes Papier aus der Schweiz, ein Produkt also, das im normalen Fachhandel kaum mehr erhältlich ist.

«Wir haben bei Händlern und Konsumenten offene Türen eingerannt», sagt Initiantin und Geschäftsführerin Amei Poensgen (47). Am Anfang habe die Idee gestanden, die Geschwindigkeit und Macht des Internets für soziale sowie nachhaltige Zwecke nutzbar zu machen, erklärt die Juristin und Mutter von fünf Kindern.

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Vom Discounter zum Fairtrader

Genau im richtigen Augenblick, als sie nämlich ihren beruflichen Wiedereinstieg plante, traf sie zufällig - vor einer Schwimmhalle beim Warten auf die Kinder - den Detailhandelsspezialisten Ulrich Born (41). Der ist als ehemaliger Schweiz-Chef von Aldi eine bekannte Grösse. Er war, als er mit Amei Poensgen ins Gespräch kam und den innovativen Ansatz zu diskutieren begann, gerade als Berater für eine Biolebensmittel- und eine Textilfirma tätig. Der Mann, der sein Handwerk im Harddiscount gelernt hatte, konnte immer wieder beobachten, dass es in der Fairtrade-Szene zwar viele hervorragende Produkte gibt. «Aber für viele Hersteller und Händler sind professionelles Marketing und Internetverkauf grosse Hürden.»Aus dem Gespräch vor der Schwimmhalle entstanden konkretere Pläne. Amei Poensgen konnte auch ihren Ehemann, einen Unternehmensberater, für die Idee begeistern. Schliesslich gründete das Dreierteam im Dezember 2007 die Faircustomer AG. «Wir agieren eigentlich als Makler, die den Verkäufern diverse Aufgaben abnehmen», definiert Ulrich Born seine neue Rolle als Fairtrader.

Im virtuellen Marktplatz finden sich Produkte aus fairem Handel, aus Behinderten- und Arbeitslosenwerkstätten sowie aus konsequent nachhaltiger Fertigung. Ob «bio», «eco», «social» und/oder «fair» - jeder Artikel ist entsprechend gekennzeichnet, und der Konsument kann dies mit einem Klick schnell erkennen. Über das Internet kann die Ware ohne Zwischenhandel direkt in den Wohnstuben der potenziellen Käufer präsentiert und verkauft werden. Faircustomer bietet für 10% Umsatzbeteiligung den Produzenten beste interaktive Passantenlage.

Am Auftritt des «Ladens» wirkt nichts handgestrickt. Er ist hochprofessionell und von der Web-agentur Insign gestaltet worden. Sie schöpft die Möglichkeiten des Mediums aus. Die Produktion der Artikel sowie die daran Beteiligten werden in Bildern, Texten und Videos vorgestellt. Auch das Navi-gieren durch die Regale erweist sich als denkbar einfach: Es gibt einen Warenkorb, einen Bezahlvorgang und eine Rechnung, auch wenn bei verschiedenen Händlern bestellt wird. «Dieses System einer einzigen Kasse für alle vertretenen Händler ist neu für die Schweiz», unterstreicht Amei Poensgen. Vom innovativen Konzept musste sie allerdings erst mal die Kreditkarteninstitute überzeugen und ihnen erklären, dass dies technisch möglich und auch rechtens ist.

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Die Händler, die ihre Ware weiter direkt aus ihrem Lager verschicken, profitieren unter dem Dach von Faircustomer von günstigeren Lieferbedingungen bei der Post. Poensgen und Born bieten so ein ganzes Paket von Dienstleistungen für Dritte, die dies im Alleingang kaum bewerkstelligen könnten. Darüber hinaus gestalten die Faircustomer-Betreiber das Angebot im Online-Warenhaus aktiv mit.

Längst nicht jeder Bewerber stösst bei ihnen auf offene Türen. Aufgenommen wird nur, wer zum definierten Leitbild passt. «Zudem behalten wir uns das Recht vor, zu entscheiden, ob ein Artikel auf die Liste kommt oder nicht», sagt Amei Poensgen weiter. Faircustomer vermittelt den Herstellern auch Anregungen, bestehende Produkte zu verbessern und neue zu entwickeln. «Qualität ist uns wichtig», ergänzt Ulrich Born, «aus Mitleid wird kein Artikel gelistet.»

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In drei Jahren schwarze Zahlen

Der Mann, der sich im Massengeschäft des Detailhandels bestens auskennt, hat grossen Spass daran gefunden, einen typischen Nischenmarkt über den Internet- kanal aufzubauen. «Noch bewegen wir uns bezüglich Umsatz auf einem bescheidenen Niveau», räumt Amei Poensgen ein. Doch die Wachstumszahlen zeigen stolz nach oben. Spätestens in zwei bis drei Jahren möchte das vollständig mit Eigenmitteln finanzierte sowie Gewinn orientierte KMU schwarze Zahlen schreiben.

In der aktuellen Phase geht es vor allem darum, das Online-Warenhaus für fairen Handel weiter bekannt zu machen. Die Betreiber setzen auf die Medien, Newsletter sowie Blogs. Und sie versuchen, mit den richtigen Schlagwörtern im Suchmaschinenranking möglichst Spitzenplätze zu ergattern. Nicht zuletzt soll das Angebot laufend ausgebaut werden.

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Bis Ende dieses Jahres dürften auf dem Marktplatz gut 120 Händler vertreten sein; doppelt so viele wie im Berner «Westside», dem modernsten Einkaufszentrum der Schweiz. Den Betreibern schweben auch Dienstleistungen vor. «Firmen könnten über unsere Hersteller etwa Kundengeschenke fertigen lassen», denkt Ulrich Born laut nach. Zudem existieren Pläne, mit Faircustomer ins Ausland - nach Deutschland und in die Niederlande - zu expandieren.