Der internationale Regulierungswettlauf zur Stabilisierung der Finanzmärkte ging mit dem jüngsten G20-Treffen in eine weitere Runde. Ideen zur Zügelung des Finanzsystems wie eine internationale Finanzmarkttransaktionssteuer oder eine Bankenabgabe wurden erneut diskutiert. Langfristig wirken die Vorschläge kaum systemstabilisierend. Ein Weg zur Reduktion von Systemrisiken wäre die strikte Umsetzung einer Risk Governance mit einer Neuverteilung von Chancen und Risiken.

Die Finanzkrise hat uns das systemische Risiko einer global vernetzten Finanzindustrie vor Augen geführt. Der volkswirtschaftliche Schaden einer unkontrollierten Entladung dieser Risiken ist enorm. Eine Stabilisierung des heute krisenanfälligen Finanzsystems ist dringend notwendig und sollte auf vier Schwerpunkte setzen: International abgestimmte Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften, Transparenz im OTC-Derivate-Markt durch die Einführung zentraler Gegenparteien, neues Insolvenzrecht für Banken und eine effektive und wirksame Risk Governance.

Asymmetrische Risikoverteilung

Heute verteilt die globale Finanzindustrie die Chancen und Risiken asymmetrisch. Während die Renditen zwischen Management, Eigentümer und Gläubiger aufgeteilt werden, sind die Risiken zu einem wesentlichen Teil der Allgemeinheit aufgebürdet. Diese unausgewogene Chancenverteilung gehört korrigiert ebenso wie die Risikostrukturen. Die Politik und die regulierenden Behörden irren, wenn sie meinen, dass die «Too big to fail»-Problematik allein auf der Übergrösse der Banken beruhe. Banken werden zum Systemrisiko, wenn ihre Risikostruktur aus dem Gleichgewicht fällt. Risikokompetenz und Risk Governance müssen deshalb in der Firmenführung zu zentralen Pfeilern werden. Zu lange hat man diese Elemente als leere Begriffe herumgereicht. Systemrisiken können nur effizient bekämpft werden, wenn Wahrnehmung und Umgang mit Risiken in der Firmenführung fundamental verändert werden.

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Was können Unternehmen konkret tun? Eine nachhaltige Risk Governance nimmt Eigentümer, Gläubiger und Management in die Pflicht. Bisher konnten Banken aufgrund der faktischen Staatsgarantie zu attraktiven Konditionen ihre Bilanzen hebeln. Risk Governance integriert auch die Gläubiger von Banken: Droht mit ihrer Insolvenz ein Systemkollaps, könnten Teile der Forderungen in Eigenkapital umgewandelt werden - wenn nötig unter Zwang. Auch die Eigentümer würden Verantwortung mittragen: Ihre Eigenkapitalanteile werden verwässert.

Weitere Stakeholder einbeziehen

Die rein Shareholder-geprägte Firmenführung ist nicht mehr zeitgemäss. Der Verwaltungsrat ist dafür verantwortlich, dass die Interessen anderer Stakeholder in Form eines Werte- und Risikoprofils berücksichtigt und Entscheidungen wie Verantwortung breiter verteilt werden. So verändert sich die Risikokultur von einer Modellgläubigkeit und Scheingenauigkeit von Risikomessungen hin zu einem bewussten Umgang mit unterschiedlichsten Risiken. Eine nachhaltige Risk Governance führt zu einer Stärkung des Aktionärs, indem er in die Entscheidungsfindung einbezogen wird und Verantwortung übernimmt. Die gestärkte Aktionärsdemokratie fördert den Interessenausgleich mit den Stakeholdern und ist von einer klaren Risikokommunikation zu begleiten. Das Aufsetzen von Aktionärsausschüssen sollte daher ernsthafter geprüft werden. Eine Neuverteilung von Verantwortung und Risiko, ein bindendes Werte- und Risikoprofil sowie eine transparente Risikokommunikation sind die Pfeiler einer nachhaltigen und wirksamen Risk Governance. Sie verändern die eingegangenen systemischen Risiken grundlegend - und entfalten ihre Wirkung rascher als politische Vorstösse.