Viele Kinderwagen, die in den Coop-Filialen herumkurven freuen Daniel Gerber, je mehr desto besser. Gerber ist beim Basler Detaillisten für den Bereich Babynahrungsmittel zuständig und fährt einen ehrgeizigen Expansionskurs. Seit November 2004 stehen in den Coop-Verkaufsregalen Frucht- und Gemüsegläschen der deutschen Herstellerin Hipp. Vor wenigen Monaten ist Gerber auch mit Hero einig geworden und hat das Babyfood-Sortiment der Marke Galactina übernommen. Das grössere Angebot erzeugt eine wachsende Nachfrage. Die Coop-Umsätze mit Babynahrung steigen seit Jahren. 2004 betrug die Steigerungsrate 2%, im laufenden Jahr erreichte sie per Ende August sogar zwischen 3 und 4%.
Mütter gehen mit ihren Babys nicht nur bei Coop immer öfter ein und aus. Gewachsen sind die Verkaufszahlen auch bei der Konkurrentin Migros, die ihre Regale ebenfalls mit etlichen neuen Leckereien für die Kleinsten aufgestockt hat. Die beiden Marktführer decken mittlerweile rund die Hälfte des Schweizer Babynahrungsmarktes ab, der in Fachkreisen auf rund 85 Mio Fr. geschätzt wird (siehe Grafik). Rund 60 Mio Fr. davon werden nach Schätzungen über den Detailhandel abgesetzt, der Rest in Apotheken und Drogerien. Diese verkaufen in erster Linie Milchpräparate für Säuglinge bis sechs Monate, die den Müttern von Ärzten empfohlen werden und eine intensivere Beratung erfordern. Die Umsätze mit solchen Anfangs- und Folgemilchprodukten sind allerdings seit über zehn Jahren konstant geblieben. Will heissen, dass die meisten Mütter auch heute ihre Kleinen nach Möglichkeit stillen.
*Convenience für Kleine*
Das Marktwachstum ist vielmehr auf die zahlreichen Ergänzungsprodukte zurückzuführen, die von den wichtigsten Anbietern Nestlé, Galactina und Milupa in den letzten Jahren für ältere Babys entwickelt wurden. Im Trend liegen Convenience-Angebote wie Desserts, Biscuits, Brei, Snacks oder ganze Fertigmahlzeiten.
Sie sind als Folgenahrung für die Zeit nach dem Abstillen gedacht. Laut Beat Hodler, Geschäftsführer des Branchenverbandes «Vereinigung Diät», sind die Umsätze mit diesen Produkten in den letzten fünf Jahren um 20% gewachsen. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Geburtenrate im gleichen Zeitraum um rund 10% zurückgegangen ist. Immer weniger Babys verzehren also immer mehr künstlich hergestellte Nahrung.
Um diesen Trend fortzusetzen, muss der Detailhandel die Offensive der Hersteller weiter mittragen und die neuen Produkte übernehmen. Genau das tun Coop und die Migros. Auch dank der neuen Kooperation mit Hipp haben etwa die Basler das Produktportfolio bei der Gläschennahrung in den letzten Jahren verdoppelt.
*Hoch dank Berufstätigen*
Bereits 130 Babynahrungsprodukte bietet die Migros an, die ihre Zielgruppe neben Säuglingen neu auf die Altersklassen von 12 bis 36 Monate erweitert hat. Die Begründung von Migros-Sprecherin Nicole Bänninger ist einfach: «Da nicht mehr Kinder zur Welt kommen, müssen wir versuchen, sie mit geeigneten Nahrungsmitteln länger als Kunden zu halten.» Nicht wenige Produkte werden heute sogar an 4-Jährige verkauft. Migros möchte die Offensive aber auch als Beitrag zur Prävention gegen Übergewicht bei Kleinkindern verstanden wissen und hat dafür spezielle Fertigmahlzeiten mit geringen Mengen an Schadstoffen und Nitraten ins Sortiment genommen.
Die grössere Angebotsvielfalt allein ist für Beat Hodler aber noch nicht Grund genug für das gut laufende Geschäft. Als wesentlichen Punkt erachtet er die in den letzten Jahren massiv verbesserte Qualität der Produkte, was mit sehr strengen Vorschriften zusammenhänge. «Nichts wird so strikt kontrolliert wie die Zutaten und Verarbeitung von Babynahrung.» Als wichtigsten Treiber für das Verkaufshoch bei der Babynahrung nennt Hodler den zunehmenden Drang der Frauen, sich auch nach der Geburt im Beruf zu verwirklichen. Wo weniger Zeit vorhanden ist, wird seltener selbst gekocht.
Für Daniel Gerber von Coop schlummert diesbezüglich noch ein grosses Potenzial bei Schweizer Müttern. «In Ländern wie Frankreich und Deutschland, wo die Kinder im Durchschnitt öfter und früher fremdbetreut werden, sind die Umsätze mit Gläschennahrung rund achtmal so hoch wie bei uns.»
*Fremdbetreuung fehlt*
Von den Zahlen aus den Nachbarländern wird die hiesige Babynahrungs-Industrie trotz gutem Geschäftsverlauf aber auch in absehbarer Zeit nur träumen können. Anders als in Frankreich und Deutschland stehen nämlich Schweizer Müttern bis heute zu wenige attraktive Möglichkeiten für Fremdbetreuung der Kinder zur Verfügung. Deshalb dürften sich viele berufstätige Frauen hierzulande auch künftig gegen Kinder entscheiden, damit für eine anhaltend tiefe Geburtenrate sorgen und dem Markt so die wichtigste Grundlage für noch mehr Wachstum entziehen.

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