Wenn der Chef etwa von Cashflow spricht, verstehen nicht nur Lehrlinge Bahnhof. «Keine Ahnung» sagen auch viele Führungskräfte, wenn es um Deckungsbeiträge oder Liquiditätsengpässe geht, stellen Untersuchungen immer wieder fest. Die EBC*L-Prüfung, die als europäischer Wirtschaftsführerschein gilt, besteht eine Minderheit auf Anhieb blamabel. Normalbürgern fällt die Interpretation von Wirtschaftsinformationen in der Regel schwer. Inflation? Deflation? Was passiert, wenn in Asien die Preise für Nahrungsmittel explodieren?

Ein Sack Reis

«Mehr Wirtschaftskompetenz» fordert auch alle Welt von jungen Menschen. Die Nationalbank fordert nicht nur, sondern stellt mit «iconomix» ein spannendes Lehrmittel zur Verfügung, eines, das die anvisierte Zielgruppe wirklich erreichen dürfte.

Die «Entdeckungsreise in die Welt der Ökonomie» entpuppt sich nicht nur als informativ, sondern sogar als sehr unterhaltsam. Besucher der Webseite seien gewarnt: Fragen wie «Schadet der 1. August dem Bruttosozialprodukt?» oder «Warum sterben Wale aus, Kühe aber nicht?» wird sich der aufgeweckte User nicht entziehen können – und höchstwahrscheinlich mehr Zeit auf der Plattform verbringen als geplant.

«iconomix» ist modulartig aufgebaut und richtet sich primär an Lehrpersonen der Sekundarstufe II (Mittelschulen und Berufsfachschulen), dürfte aber auch die betriebliche Ausbildung bereichern. Informationsmaterial steht reichlich zur Verfügung, daneben gibt es auch fertige Arbeits- und Testblätter oder Vertiefungsfragen mit Antworten. Hauptattraktion dürften aber die spielerischen Elemente und Online-Games sein.

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Dies zeigte sich deutlich an einem Einführungs-Workshop für Lehrpersonen, der im Frühling von der LerNetz AG, die für die (Medien-)Didaktik verantwortlich zeichnet, organisiert wurde. Wenn «real» – wenn auch nur auf Papier – mit Tee, Kaffee oder Reis gehandelt wird, verwandelt sich ein Klassenzimmer schlagartig und ohne langwierige theoretische Einführung in eine hektische Warenbörse. Wer am Ende alleine auf seinem Sack Reis sitzt, begreift plötzlich, wie delikat die Balance zwischen Angebot und Nachfrage sein kann.

Bereits hohe Nutzerzahlen

Etwas aufwendiger in der Vorbereitung, aber kein bisschen weniger spannend ist «Railgame», ein Online-Game zum Thema «Arbeitsteilung und Handel». Das Spiel wird mit wenigen Klicks vom Spielführer eingerichtet, die Teilnehmer werden zwei Ländern zugeteilt, spielen aber für sich am Terminal. Die Aufgabe lautet: Schienen oder Holzbalken produzieren – oder beides. Nach und nach wird klar, dass die Produktionsbedingungen unterschiedlich sind und sich eine Spezialisierung empfiehlt. Dank gutem Design ist der Lerneffekt gross und der Spassfaktor hoch. Und wenn der eigene Holzstapel auf dem Markt weggeht, stellt sich ein Glücksgefühl ein.

Dass eine altehrwürdige Lady wie die Schweizer Nationalbank sich – unterstützt von einer breiten Trägerschaft aus Fachpersonen, Institutionen und Privatfirmen – ein so frisches Projekt zum 100. Geburtstag spendiert, ist erfreulich.

Die Nutzung bewege sich ein halbes Jahr nach dem Start auf einem «ansprechenden Niveau», heisst es bei den Verantwortlichen. «Wir zählen durchschnittlich 300 Besucher pro Tag. Bei einer Zielgruppengrösse von 3500 bis 4000 (Lehr-)Personen ist das ein guter Wert», sagt Manuel Wälti, Co-Leiter von «iconomix». Zwei Kategorienpreise von Best of Swiss Web, ein Worlddidac-Award und «Die goldene Schiefertafel 2008» stellen dem Programm ebenfalls ein gutes Zeugnis aus. Als Gegenmittel gegen den grassierenden finanziellen Analphabetismus zu empfehlen.