Das Instrumentarium der Notenbanken reicht unter Umständen nicht mehr aus, um der Krise wirksam entgegentreten zu können», hat Philipp Hildebrandt, Direktoriumsmitglied der Schweizerischen Nationalbank (SNB), bei einem Mediengespräch bereits im Dezember letzten Jahres angedeutet. Seither hat die SNB einiges getan, was sie noch nie zuvor getan hat, wie zuletzt Liquidität in Dollar zur Verfügung gestellt.

Ungewöhnliche Situationen verlangen eben ungewöhnliche Massnahmen. Fragt sich, wie weit die Währungshüter in der Not gehen würden. Denn diese scheint gross. So spricht SNB-Direktoriumsmitglied Thomas J. Jordan jetzt von einer «schweren Krise der weltweiten Finanzmärkte» und davon, dass «viele Indikatoren darauf hinweisen, dass diese auch ihre Spuren in der Realwirtschaft hinterlassen wird». Er fürchtet einen weiteren starken Rückgang der Häuserpreise in den USA, was dazu führen könnte, dass bei den Banken «neben den bisher schon weitgehend offengelegten Verlusten im drittklassigen (Subprime-)Bereich zusätzliche Verluste in den Segmenten der zweitklassigen (Alt-A) und erstklassigen (Prime-)Hypotheken anfallen und so das Bankensystem zusätzlich belasten würden». In den Bereichen Alt-A und Prime haben UBS und CS noch beachtliche Positionen gebunden. Wenn auch hier grösserer Abschreibungsbedarf entsteht, droht den beiden Schweizer Banken am Aktienmarkt ein weiteres Blutbad und vielleicht sogar der Ausverkauf. UBS hat zugleich mit der jüngsten Gewinnwarnung auch gleich den Antrag auf eine ordentliche Kapitalerhöhung mit Wahrung der Bezugsrechte für bestehende Aktionäre beantragt.

Interbankenhandel ist tot

Da verlangt die Grossbank von ihren Aktionären mehr Vertrauen als von der Konkurrenz. Der Handel zwischen den Banken ist praktisch zum Erliegen gekommen, noch immer traut man sich gegenseitig nicht. Die SNB hat schon mehrfach Geld in den Interbankenhandel eingeschossen. Dass man sich nicht traut, ist Ausdruck der eigenen Risiken und des Nichtabschätzenkönnens, was die anderen Banken noch in den Büchern haben. «Der Vertrauensverlust zwischen den Finanzmarktteilnehmern und die Unsicherheit über die eigene Liquiditätssituation haben dazu geführt, dass die ungesicherten Geldmärkte weltweit sehr illiquid geworden sind», sagt Thomas J. Jordan von der SNB. Im Fall Bear Stearns hat dies zum Kollaps der gesamten Bank geführt, die durch den Aufkauf von Konkurrentin Lehman Brothers – mit Garantie der Fed – gerettet werden konnte.

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Vertrauen schaffen

Auf die Frage, ob die SNB für ein solches Worst-Case-Szenario einen Plan B oder am besten einen Plan B und C parat hätte, hat SNB-Direktoriumsmitglied Thomas J. Jordan am jährlich stattfinden Geldmarktapéro erwartungsgemäss nicht geantwortet. Die SNB ist nicht das Institut für spekulative, prospektive Äusserungen und die öffentliche Beantwortung von «Was-wäre-wenn-Fra-gen». Jordan hat lediglich versichert, dass permanent intensive Gespräche mit den Geschäftsbanken und zwischen den führenden Nationalbanken stattfinden würden.

Dennoch räumte das SNB-Direktoriumsmitglied ein, dass die Geldpolitik nicht alle Probleme lösen könne. Für die Wiederherstellung des dringend notwendigen Vertrauens müssten die Banken selber Sorge tragen. «Die Banken und die anderen Finanzmarktteilnehmer müssen durch vertrauensfördernde Massnahmen versuchen, dass Funktionieren der Märkte wieder herzustellen», so Jordan.

Doch damit alleine ist es nicht getan. Denn die Finanzmarktkrise ist nicht die einzige Front, an der die Geldpolitik gerade zu kämpfen hat. Die anderen zwei Schauplätze heissen Inflation und Wirtschaftswachstum. Letzteres sinkt, erstere steigt, was zusammen einen giftigen Coktail ergibt.

Die SNB rechnet damit, dass die Finanzmarktkrise auch Spuren in der Realwirtschaft hinterlassen wird. Konkret erwartet die SNB, dass sich das Wachstum des Bruttoinlandproduktes nach rund 3% im Vorjahr heuer nur noch zwischen 1,5 und 2% bewegen wird. Insgesamt stuft die SNB die Konjunktur aber als robust ein – Grund sind vor allem die Industrie und der Konsum. Allerdings könnten von Seiten des Exports unerfreuliche Entwicklungen drohen. Da die Schweizer Wirtschaft immer noch mehrheitlich in den Euroraum exportiert (63%), kann sie nicht im grossen Masse von der Abkoppelung der Schwellenländer von der Weltkonjunktur profitieren. Zudem wurde der Export in den letzten Jahren durch den schwachen Franken begünstigt. Eine rasche Wiedererstarkung des gemeinhin als Fluchtwährung in unsicheren Zeiten beliebten Frankens könnte die Exporte belasten.

Und schliesslich das primäre Ziel der SNB: Die Wahrung der Preisstabilität. Die Inflation ist von 0% im Jahr 2007 auf aktuell 2,4% gestiegen. Preistreibend wirken neben den Rohstoffen und Agrarprodukten auch und vor allem die Preise für Energie. Es besteht die Gefahr, dass die höheren Produktionskosten auf die Konsumenten überwälzt werden könnten und damit der Konsum gedämpft und die Konjunktur gebremst werden könnte. Allerdings rechnet die SNB hier nicht mit einer negativen Kettenreaktion, sondern geht davon aus, dass die Inflation im Laufe des Jahres wieder unter die magische 2%-Hürde fallen wird, denn «der Inflationsdruck dürfte sich bei stabilen Energiepreisen und auch aufgrund des festeren Frankens wieder abschwächen».