Wenn über Schweizer Versicherer diskutiert wird, wird die Nationale Suisse meist nur am Rande erwähnt. Mit einem Marktanteil von 4% im Nichtleben- und 1,5% im Lebenbereich belegt das Unternehmen den neunten Platz unter den hiesigen Versicherern. Ein Schattendasein kann aber durchaus Vorteile haben. Besonders dann, wenn sich die Anzeichen häufen, dass das Geschäft harzt.

Gemäss Versicherungsinsidern macht die Nationale Suisse derzeit mit Tiefstpreisen von sich reden. «Wenn Offerten eingeholt werden, fällt auf, dass die Nationale Suisse meistens Preise unter dem Durchschnitt offeriert», monieren verschiedene Insider. Dies sei vielfach ein Indiz darauf, dass auf Biegen und Brechen Prämienvolumen generiert werden soll.

Verkauf Kollektivversicherung?

Dieses Verhalten wirft Fragen auf. Denn die Preisstrategie widerspricht dem Kurs, den Nationale-Suisse-CEO Hans Künzle nach aussen vertritt. So kritisiert er immer wieder, dass die Konkurrenz teils mit sogenannten Dumping-Preisen um sich werfe. «Wir verzichten konsequent auf nichtprofitables Geschäft», sagte Künzle noch im Januar gegenüber der «Schweizer Versicherung». So sei Prämienvolumen allein keine erstrebenswerte Zielgrösse. «Ertrag kommt für uns ganz klar vor Wachstum.» Klar ist: Die Folgen von tiefen Preisen können in der Versicherungsbranche verheerend sein. Mit Dumping-Preisen werden oftmals, wie es im Versicherungsjargon heisst, schlechte Risiken angezogen. Die Folgen: Schlechte Risiken verursachen in der Regel mehr Schäden, was wiederum zu einer erhöhten Schadenbelastung und Schadenkostenquote (Combined Ratio) beim Versicherer führt. Und aufgrund der günstigen Prämien und der daraus resultierenden tieferen Margen schreibt ein Versicherer unter Umständen rote Zahlen. Zudem kann es zu einer zu tiefen Quote führen, wenn die Reserven ins Verhältnis zu den Prämien gesetzt werden.

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Obwohl Künzle betont, auf Ertrag zu setzen, deutet doch einiges darauf hin, dass das Unternehmen Wachstum generieren muss. Denn Fakt ist, dass seit Ausbruch der Finanzkrise die Nationale Suisse deutliche Umsatzeinbussen hinnehmen musste. Im Kollektivversicherungsgeschäft haben sich die Einnahmen um 8,8% auf 223,1 Mio Fr. reduziert. Im Vergleich dazu gingen laut dem Schweizer Versicherungsverband (SVV) die Prämieneinnahmen im Gesamtmarkt um «nur» 3,5% zurück. Und trotz dem schwierigen Wirtschaftsumfeld konnten einige Konkurrenten gar für eine Überraschung in der beruflichen Vorsorge sorgen. So erzielten beispielsweise Allianz Suisse und Bâloise ein Plus von über 8% und Helvetia gar ein zweistelliges Wachstum von 15%. Aufgrund des trüben Geschäftsganges macht sich die Nationale Suisse Insidern zufolge Gedanken über den Verkauf des Kollektivversicherungsgeschäftes

Ziele verfehlt

Aber auch die von Künzle lancierten «Specialty Lines» zei- gen ein düsteres Bild. Im Herbst 2007 präsentierte der CEO die Zielsetzungen 2012. Für die von der Nationale Suisse betriebenen Spezialversicherungssparten, wie Engineering, Marine, Kunst/HNWI (High Net Worth Individual), Direct, Travel und Credit Life setzte er sich ambitiöse Ziele, die er allerdings bis heute noch nicht erreicht hat.

2009 erzielten die Specialty Lines ein Prämienvolumen von 386 Mio Fr. Ziel für 2012 waren rund 800 Mio Fr. Im Segment Marine lag das Volumen im Vorjahr unter dem Niveau von 2007. Gemäss der durchschnittlichen Wachstumsrate pro Jahr müsste in der Sparte Kunst/HNWI bis 2012 ein jährliches Wachstum von mindestens 90% generiert werden. Und in der Direct-Linie bräuchte Nationale Suisse gar ein jährliches Wachstum von 110%, um die für 2012 gesetzten Ziele zu erreichen.

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Entsprechend wurde der Ausblick für 2012 an der Präsentation der Resultate 2009 Ende April nach unten korrigiert. Neu sollen die gesamten Bruttoprämieneinnahmen in zwei Jahren rund 1,8 Mrd Fr. betragen. Das sind über 450 Mio Fr. weniger als 2007 geplant. Wie viel die jeweiligen Specialty Lines zum Gesamtvolumen beitragen sollen, lässt das Unternehmen offen.

Nebst den verfehlten Zielsetzungen fällt auf, dass die Combined Ratio (Schadenkostenquote) der Nationale Suisse im Vergleich zu anderen Versicherern mit 97,4% über dem Durchschnitt liegt. So weist beispielsweise Bâloise für 2009 eine Schadenkostenquote von 94,4% und Helvetia gar eine von 91,3% aus. Umso mehr stellt sich die Frage, wie rentabel das Geschäft mit den Specialty Lines tatsächlich ist.

Reges Sesselrücken

Nebst den Zahlen sorgt auch das aktive Sesselrücken innerhalb der Nationale Suisse für Stirnrunzeln. Seit dem Amtsantritt von Hans Künzle 2005 haben jährlich mehr als zehn Mitglieder der Direktion das Unternehmen verlassen. Und auch in der rund achtköpfigen Geschäftsleitung kommt es jedes Jahr zu personellen Veränderungen. Ob die Wechsel aus eigenem Willen erfolgten oder von oben verordnet wurden, ist unklar. Aus gut unterrichteten Quellen ist zu hören, dass Entlassungen jeweils äusserst unzimperlich vonstatten gingen. Entsprechend stellt sich die Frage, wie stark die Nationale-Suisse-Mitarbeiter noch motiviert sind.

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So flattern derzeit verstärkt anonyme Leserbriefe von Angestellten des Versicherers in die Redaktionen. Alle weisen auf eine schlechte Unternehmensstimmung hin und äussern ihren Unmut über die von der Nationale Suisse gefahrene Strategie. Grosse Hoffnung habe man in den neuen Verwaltungsratspräsidenten Andreas von Planta gesetzt. Doch geändert habe sich bislang nichts.

Von Planta folgte auf René Theler, der seit 1985 im Verwaltungsrat der Nationale Suisse agierte und seit 1995 das Amt des Präsidenten bekleidete. Theler fiel insbesondere durch sein hohes Salär in der Branche auf. 2008 überrundete er mit einer Vergütung von 1,8 Mio Fr. gar den damaligen Verwaltungsratspräsidenten der Grossbank UBS, Peter Kurer. Dieser kam auf rund 1,6 Mio Fr. 2009 fiel das Gehalt von Theler mit einer Summe von 1,1 Mio Fr. zwar etwas geringer aus, es ist aber immer noch viel Geld für eine Nationale Suisse, die im vergangenen Geschäftsjahr in bestimmten Versicherungsbereichen hohe Umsatzeinbussen einstecken musste.

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Wie sich das 1. Halbjahr 2010 für Nationale Suisse entwickelt hat, wurde erst nach Redaktionsschluss bekannt. Bislang haben die meisten Konkurrenten solide Ergebnisse präsentieren können.

NACHGEFRAGT

«Die vielen Mitarbeiter-Wechsel waren gewollt»

Hans Künzle ist CEO der Nationale Suisse mit Sitz in Basel.

Einige Versicherungsakteure monieren, dass die Nationale Suisse Preise offeriert, die unter dem Markt liegen. Versuchen Sie damit Umsatz zu generieren?

Hans Künzle: Natürlich wollen wir wachsen, aber das nur selektiv und profitabel. Wir haben ein sehr differenziertes Pricing, welches gute Risiken begünstigt und bei diesen auch zu tieferen Prämien führt.

Im Vergleich zu Ihren Mitbewerbern weisen Sie eine relativ hohe Combined Ratio (Schadenkostenquote) aus. Verkaufen Sie doch unter dem Durchschnitt?

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Künzle: Nationale Suisse ist ein Qualitätsversicherer mit einem vorbildlichen Pricing. Die Combined Ratio hat sich in den letzen Jahren stärker verbessert als bei allen anderen Mitbewerbern und erreichte Ende 2009 für die Gruppe 97,4%. Das ist ein gutes Niveau, das zudem Verbesserungspotenzial hat.

Weisen die Spezialversicherungssparten eine höhere Schadenbelastung aus als andere Bereiche?

Künzle: Im Gegenteil, die Specialty Lines haben einen bedeutend tieferen Schadensatz als undifferenziertes Retail- und KMU-Geschäft. Allerdings sind die Kosten für Beratung und Betreuung höher.

In der beruflichen Vorsorge büssten Sie wesentlich mehr Prämieneinnahmen ein als der Marktdurchschnitt. Steht das Geschäft zum Verkauf?

Künzle: Das Kollektivlebengeschäft ist ein Beispiel für unser solides Pricing. Wir machen den Preiskrieg nicht mit und zeichnen Geschäfte nur, wenn sie profitabel sind. Darum ist dieses auch sehr kapitalintensive Geschäftssegment 2009 leicht zurückgegangen.

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Sowohl in der Geschäftsleitung als auch im Direktorium haben Sie seit Amtsantritt eine relativ hohe Fluktuationsrate zu verbuchen. Warum kehrt keine Stabilität im Management ein?

Künzle: 2005 bis 2007 gingen wird durch einen tiefgreifenden Turnaround. Ohne diese harten Massnahmen gäbe es Nationale Suisse nicht mehr. Zwei Drittel der Direktionsmitglieder mussten ausgewechselt werden. Die hohe Fluktuationsrate war also gewollt, ist aber mittlerweile im normalen Bereich. Die starken operativen Verbesserungen sind für mich ein Beweis dafür, dass diese personellen Veränderungen richtig und notwendig waren.