Hand aufs Herz, Ski oder Snowboard?
Reto Gurtner*: Ich bin ein besserer Skifahrer.

Welche Gäste sind Ihnen lieber? Skifahrer oder Snowboarder?
Da habe ich keine Präferenzen, zumal sich die Kundengruppen gar nicht so scharf segmentieren lassen. Oft läuft die Trennlinie sogar durch die Familie. Der Vater fährt Ski, die Mutter Snowbard – und die Kinder toben sich in unserer Indoor-Freestyle-Halle aus. Der entscheidende Punkt ist der Spass am Wintersport. Solange die Leute Freude am Berg haben, gewinnen wir alle.

Sie haben eine Super-Pipe, die fast 5 Millionen Franken gekostet hat – trauen Sie sich da selber auch rein?
Nein, dafür bin ich zu alt und zu wenig geübt. Die Pipe ist 200 Meter lang und 7 Meter hoch, dort ist das Durchschnittsalter der Nutzer 20 Jahre. Da liege ich um mehr als 40 Jahre drüber.

Lässt sich eine solche Anlage überhaupt monetarisieren? Oder ist es ein Image-Tool, damit Sie die grösste Röhre haben?
Einen Eintritt nur für die Super-Pipe können wir nicht erheben. Der Europapark in Rust verlangt ja auch nicht Eintritte pro Event oder Bahn. Wir decken das mit dem Gästeeintritt ab. Etwa ein Drittel unserer Gäste sind Freestyler. Für den Unterhalt unseres Freestyle-Parks geben wir – in Vollkostenrechnung betrachtet – pro Tag 25'000 Franken aus. Mit einer hübschen neuen Bergbahn allein sorgt man nicht mehr für Furore. Während viele am Berg kaum mehr investieren können, tun wir etwas für unsere Hauptkundengruppe. Das rechnet sich. So wie Hawaii führend ist für Wellenreiter, sind wir weltweit das Mekka der Freestyler. Das Wichtigste ist, in Hawaii wie in Laax: Ein ergreifendes Gesamterlebnis schaffen.

Wie sehen Sie Ihre Rolle in Laax?
Wir bieten hier einen One-Stop-Shop im Wintersport. Bergbahnen, Hotels, Restaurants, Skischule – alles aus einer Hand. Ein Konzept, das wir erfolgreich aus den USA übernommen haben.

An Ihnen kommt keiner vorbei, Sie sind Präsident und CEO der Weissen Arena, der Monopolist am Berg.
Ja, das sagen manche.

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Was sagen Sie?
Schneesport soll so einfach zu buchen sein wie eine All-inclusive-Woche in der Karibik. Und das kann man bei uns.

Haben Sie schon Angebote, Ihr System auf andere Schweizer Berge überzustülpen?
Es gab solche Anfragen. Das könnte reizvoll sein, hat aber auch ein Problem: Wenn wir uns engagieren, möchten wir etwas bewegen können. Wir müssten die Power haben, eine Destination zu entwickeln. Die meisten Orte der Schweiz funktionieren aber sehr kleinzellig. Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, alle Interessenvertreter für eine Vision hinzukriegen.

Und wenn plötzlich ein ganzer Berg mit Bahnen, Skischule, Hotels zu haben wäre, im Wallis oder im Berner Oberland?
Ich lasse das lieber bleiben, zumal ich schon anderswo investiert bin. Zusammen mit einem Freund in Sun Peaks, im westkanadischen British Columbia. Eine erträgliche Sache, in zwei Jahren war das investierte Geld wieder drin.

Welches ist Ihre harte Erfolgswährung am Berg? Rechnen Sie in Hotel-Logiernächten, in Bergbeiz-Schnitzeln oder in Downloads der Laax-App?
Das Mass aller Dinge ist, wie viele Menschen am Berg oben sind. Also die Anzahl Portemonnaies, die mit der Bahn hochfahren und Ersteintritte oder Skier-Days generieren. Nur wer hochfährt, wird dort oben auch konsumieren. Dabei sind wir weniger abhängig von Hotelübernachtungen als vom Wetter. Ein schönes Wochenende kann 5000 bis 10'000 Eintritte mehr bringen als ein schlechtes.

Wenn Sie SNB-Präsident Thomas Jordan an der Talstation begegneten, was würden Sie ihm sagen? Dürfte er überhaupt hochfahren an Ihrem Berg?
Thomas Jordan war 2014 mit seinem gesamten Direktorium bei uns in Laax ...

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... das war aber bevor er den Mindestkurs aufgehoben hatte ...
... natürlich darf er hier weiter Ski fahren. Was den Mindestkurs-Entscheid angeht: Er hat wohl seine Begründung. Ich teile seine Meinung nicht, aber ich bin ja auch kein Experte.

Aber Sie müssen das Erstarken des Franken seitdem ausbaden. Die Gäste aus Euro-Ländern bleiben fern.
Natürlich spüren wir das, es sind harte Zeiten für die Tourismusbranche, zumal manche Anbieter in der Schweiz ein veraltetes Angebot haben.

Wie sind Sie vom Frankenschock getroffen?
Ferien in der Schweiz zu machen, ist für viele fast schon zu teuer geworden. Skipisten und schöne Bahnen gibt es auch in Österreich, dort sind die Anbieter 20 Prozent preiswerter als hierzulande. Wenn eine vierköpfige Familie in Österreich für den Skiurlaub 1000 bis 2000 Franken weniger bezahlt als in der Schweiz, dann habe ich Verständnis, wenn sie dorthin fährt. Laut Tourismus-Ranking des WEF rangiert die Schweiz bei den Preisen auf Rang 141. Skifahren wird immer mehr zu einem Luxuserlebnis, das ist kein Volkssport mehr.

Wie hoch sind Ihre Einbussen?
Ich sehe das nicht in einem kurz-, sondern in einem mittelfristigen Verhältnis. Denn das Wetter, also ein früher Winterbeginn mit sonnigen Wochenenden, ist fast noch wichtiger als die Währung. Und da stelle ich fest, dass wir in den letzten sechs Jahren 15 Prozent Skier-Days verloren haben, also Ersteintritte an unseren Bahnen. Besonders hart war das dieses Jahr, als wenig Schnee fiel vor Weihnachten. Zwar waren viele unserer Pisten offen, doch statt der üblichen 20 000 Menschen am Berg waren es täglich nur 12 000. Das kann man bis Saisonende nicht mehr einholen.

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Kommen die Deutschen je wieder zurück?
Im grossen Stil wohl nicht. Bei all jenen, die auf den Preis schauen müssen, haben wir keine Chance gegen Österreich und das Südtirol.

Welches sind Ihre wichtigsten Quellmärkte im Winter?
Schweizer machen immer noch rund die Hälfte aus, ein Drittel stammt aus Deutschland. Der Rest verteilt sich auf 39 Länder der Welt.

Was hat Thomas Jordan angerichtet? Die gesamte Branche zerstört oder nur eine Fitnessübung angestossen?
Wir machen schon seit sieben, acht Jahren eine harte Fitnessübung. Die SNB-Keule muss man als Weckruf sehen: Wir müssen neue Werte schaffen oder nun alle daran gehen, neue Märkte zu erschliessen. Die Chinesen stehen da im Mittelpunkt. Auch wenn sie nicht gleich massiv schon im nächsten Jahr kommen werden. Es sind zudem nicht typische Wintersport-Gäste, sondern sie kommen zunächst als Ausflugstouristen. Momentan profitieren vor allem Trophäenberge wie Jungfrau und Titlis, die Spitzenpreise für eine Berg- und Talfahrt verlangen können. Und anschliessend kauft sich jeder noch eine Uhr. Das ist nicht unser Geschäft – aber dort wird der Boden gelegt für eine neue Generation von Feriengästen.

Wie wichtig werden chinesische Gäste in zehn Jahren sein?
Bis im Jahr 2022, wenn die Olympischen Spiele in Peking stattfinden, soll es gemäss Prognosen 150 Millionen chinesische Skifahrer geben. Also mehr als heute auf der ganzen Welt aktiv sind. Selber hüte ich mich vor Prognosen. Heute machen Asiaten noch kein Prozent unserer Gäste aus. Mein Glaube sagt mir, dass Schweizer und Deutsche auch in zehn Jahren noch die wichtigsten Märkte sein werden. Doch an dritter Stelle kommen dann mit einem Anteil von 20 Prozent Asiaten aus China, Hongkong und Singapur.

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Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit der Weissen Arena mit dem chinesischen Wintersport-Gebiet Genting Resort Secret Garden bei Peking?
Dort entsteht eine chinesische Interpretation von Laax, einfach drei- bis zehnmal grösser als bei uns. Heute stehen erst vier Anlagen, aber in dieser Gegend werden 2022 alle Freestyle-Wettbewerbe der Olympischen Spiele stattfinden. Geld investieren wir nicht in die Partnerschaft, sondern es ist eine Art Know-how-Transfer. Laax zeigt den Chinesen, wie man eine Halfpipe baut und Events organisiert, sie geben uns im Gegenzug Zugang zum chinesischen Markt. Wir lernen, wie die Chinesen ticken.

Befürchten Sie, dass die Chinesen Laax kopieren und die dortigen Schneesportler nicht mehr in die Schweiz kommen?
Nein, das glaube ich nicht. Indem wir eine persönliche Beziehung aufbauen, schaffen wir ein tragfähiges Fundament. Und damit auch den Wunsch bei den Chinesen, das Original zu besuchen. Man darf nie vergessen, welch starke Marke die Schweiz in Asien ist. Diesbezüglich haben zum Beispiel die Österreicher nichts Gleichwertiges zu bieten. Zero.

 

Zum Rekordwinter 2002/2003 fehlen Ihnen rund 200 000 Gäste. Kommen mit den neuen Märkten die alten Zeiten zurück?
Der europäische Markt wird weiter schrumpfen, das ergibt sich aus der demographischen Entwicklung und der Zunahme günstiger Freizeitangebote. Es kommen ein paar extraharte Jahre auf uns zu. Aber wenn sich der Franken etwas abschwächt, wenn wir die digitale Transformation schaffen und wenn sich die asiatischen Herkunftsländer wirklich so stark entwickeln, dann sage ich: Ja, die guten Zeiten kommen zurück.

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Nicht alle Schweizer Destinationen können im chinesischen Teich fischen. Wie sehen Sie die Grosswetterlage für die Schweizer Tourismusbranche?
Weniger optimistisch. Viele Marktteilnehmer werden ausscheiden müssen. Weil sie nicht mehr die Refinanzierungskraft haben, ihre Hotels, Bahnen oder Destinationen zu entwickeln.

Fordern Sie mehr Geld vom Staat, etwa für Schweiz Tourismus?
Nein, das bringt es nicht. Was wir haben müssten, sind bessere Rahmenbedingungen. Schweizer Unternehmer haben im Vergleich zu allen anderen Ländern mit höheren Kosten, längeren Verfahrensfristen, uralten Gesetzen und zunehmender politischer Unsicherheit zu kämpfen. Abu Dhabi und Dubai werden mittlerweile in puncto Sicherheit besser wahrgenommen als die Schweiz. Auch punkto internationale Offenheit hat die Schweiz verloren. Man sieht das auch daran, dass sich reiche Ausländer wegen inflationärer Initiativen, die zu einer zunehmenden Rechtsverunsicherung führten, lieber in London als in der Schweiz niederlassen.

Aber wir sehen immer mehr Ausländer, die Schweizer Hotels übernehmen. Warum?
Für viele Schweizer ist der Tourismus keine sexy Branche. Ausländer sehen eher die Chancen in der Lage der Immobilien. An den Orten, wo die Hotelkästen stehen, wird man nie mehr etwas anderes bauen. Das ist einmalig und bietet die Chance auf Wertsteigerung.

Ist es eine schlechte Entwicklung, wenn sich Chinesen und Araber Schweizer Hotelperlen pflücken?
Nein. Denn diese Objekte kann man ja nicht zügeln. Wenn ausländische Unternehmer an die Chancen glauben, ist das gut für die Schweiz. Auch deshalb, weil so ikonische Plätze des Landes nicht zum Museum werden, sondern weiter belebt bleiben.

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In Flims erhielten Amerikaner den Zuschlag für das «Waldhaus». Haben Sie mitgeboten?
Ich war auch im Rennen, allerdings nur als Junior-Partner zusammen mit einer anderen Gruppe.

Als Teil der Aevis-Gruppe, die sich bereits die Victoria-Jungfrau-Collection kaufte?
Das ist Ihre Spekulation, deshalb kein Kommentar. Mein Interesse war ganz grundsätzlich, dass wir in Flims/Laax nicht noch mehr Hotels verlieren. Denn das sind Gästelieferanten für unseren Berg. Unsere Gruppe kam nicht zum Zug, weil wir zu wenig geboten hatten. Dafür haben wir eine genaue Due Diligence gemacht. Meiner Meinung nach braucht es alleine für die Renovation der Zimmer viele Millionen Franken, dazu kommt noch der Park, das etwas demodierte Casino. Mit der richtigen Fokussierung und der Unterstützung der Region bin ich vom Erfolg überzeugt.

Sind die amerikanischen Käufer von Z Capital nun Ihre Konkurrenten?
Nein. Meine Konkurrenten sind die Strände dieser Welt und alle anderen Skigebiete. Aber an unserem Ort bin ich um jeden erfolgreichen Hotelier froh. Er wird mir mit grosser Wahrscheinlichkeit Kunden an den Berg bringen.

Welche Chance geben Sie dem Resort von Samih Sawiris in Andermatt?
Wenn Sawiris in Andermatt an die kritische Masse von Gästen herankommt und genug finanziellen Schnauf hat, kommt das zum Fliegen.

Wollte man Ihnen Ihren Berg schon abkaufen?
Schon oft.

Ab welchem Betrag werden Sie schwach?
Ich werde gar nicht schwach. Ich will noch ein paar Jahre weitermachen. Ein paar Ideen hab ich noch. Gerade aus dem Bereich der Digitalisierung. Was mich daran interessiert: Wie kann ich daraus einen Nutzen für unsere Gäste schaffen?

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Wie funktioniert die digitale Disruption am Berg?
Der Tourismus, wie er sich bis heute zeigt in der Schweiz, ist «old fashioned». Jetzt geht es darum, wer punkto digitaler Disruption der «first mover» ist. Wir haben es da einfacher als andere, weil wir am Berg die ganze Wertschöpfungskette abdecken. Wenn wir also über die App, die ein Gast runtergeladen hat, wissen, wie viele Leistungskilometer er auf der Piste hingelegt hat, wo er gegessen und was er getrunken hat, können wir ihn in eine Rangliste setzen, mit Gleichgesinnten vernetzen oder Tipps zu neuen Skis oder neuen Snowboards geben. Smart Data am Berg.

Ist der Apartmentvermittler Airbnb ein Schreck oder eine Chance für Sie?
Airbnb ist kein Hotelschreck, sondern eine intelligente Form, bestehende Kapazitäten auszulasten. Nicht in den Hotels unserer Gruppe, sondern in den Ferienwohnungen in Flims und Laax. Wir wollen Airbnb einbinden in unser Geschäftsmodell, den Fahrtenvermittler Uber am liebsten auch.

Sie sind im Projektteam der Bündner Olympia-Kandidatur 2026 für den digitalen Bereich zuständig. Wie kann man die Olympischen Spiele digital auf Zack bringen?
Bis 2026 dauert es noch lange, da kann noch sehr viel Neues auf den Markt kommen. Was klar ist für mich: Die Kids wollen ein Skirennen nicht mehr mit Kuhglocken feiern im Zielraum. Sie wollen näher dran sein, als Teil des Ganzen. In der heutigen Zeit heisst das: Man kann virtuell, etwa über ein Online-Game, gleich selber antreten und sich so messen mit den Cracks der Ski- und Snowboard-Welt. Wenn wir solche Dinge hinbringen, kann sich die Schweiz der Welt auch als Hightech-Nation zeigen.

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Erstaunlich, dass Sie sich für Olympische Spiele einsetzen. Als Graubünden sich für die Spiele 2022 interessierte, waren Sie dagegen. Warum der Stimmungswandel?
Ich war nie gegen Olympia. Aber ich war gegen die Kandidatur für 2022, weil sie in eine falsche Richtung lief. 98 Events mit Tausenden von Athleten, Offiziellen und dann obendrauf noch die Fans und Zuschauer auf zwei kleine Ortschaften verteilt, mit vielen Provisorien, ist einfach zu viel. 2026 sieht das anders aus. Für alle Wettbewerbe soll bestehende Infrastruktur benutzt werden. Wenn wir in der Schweiz keine olympiataugliche Sprungschanze haben wollen, weichen wir halt ins benachbarte Ausland aus. Olympia 2026 würde so die logistische Stärke und kurzen Wege in der Schweiz und ins grenznahe Ausland zeigen und feiern.

Dürften sich die Österreicher auch beteiligen an den Schweizer Spielen 2026?
Wenn sie etwas zu bieten haben, das es hier nicht gibt und das sie besser können, warum nicht?

* Reto Gurtner ist 61 Jahre alt und Chef der Weisse Arena Gruppe. Das Unternehmen betreibt und besitzt ein ganzes Wintersportgebiet: 28 Bahnanlagen, 22 Restaurants, 7 Vermietstationen und Shops sowie 5 Hotels. Die Weisse Arena beschäftigt im Winter über 1000 Angestellte, im Sommer sind es rund 300.