Die meisten Schweizer wissen wenig über Malaria. Schliesslich kommt die tödliche Tropenkrankheit weder in der Schweiz noch in Europa nennenswert vor. In Afrika, Asien und Südamerika dagegen ist Malaria ein riesiges Problem. Medizinisch ist der Krankheit kaum beizukommen: Standardmedikamente wie Chloroquin oder Fansidar wirken wegen Resistenzen in bis zu 65% der Fälle nicht mehr. Doch es gibt Abhilfe in der Natur.

Der gemeine Beifuss, hierzulande ein gewöhnliches Hackfrucht-Unkraut, verspricht Heilung. In Tests lag die Genesungsrate bei 100%. Forscher sprechen bereits von einer epochalen Entdeckung wie beim Penicillin. Beifuss aus den südchinesischen Wuling-Bergen enthält den Wirkstoff Artemisinin. Und der hilft gegen Malaria.

Die für ihre traditionelle Medizin bekannten Chinesen nutzen die Pflanze schon seit Jahrhunderten. Im Westen ist sie seit 2004 im Einsatz. 100 Mio Packungen produzierte der Pharmakonzern Novartis 2006, der das Rennen um Rechte und Anbaugebiete gewonnen hat.


Novartis hat den Trend erkannt

Durch diesen Erfolg hat Novartis die Naturmedizin als Wachstumsmarkt erkannt. Rund 200 Mio Dollar investieren die Basler gerade in einer ersten Tranche in die Erforschung der Traditionellen Chinesischen Medizin. Denn noch ist Novartis bei pflanzlichen Medikamenten überwiegend abhängig von Konkurrenten wie zum Beispiel Bionorica. Über Jahre hinweg hat der deutsche Marktführer für Naturarzneien Saatgute und Pflanzenanbau optimiert. «Heute kaufen die grossen Pharmafirmen bei uns ihre Pflanzenextrakte ein», sagt Geschäftsführer und Eigentümer Michael Popp. Die Pharmabranche kann die Naturmedizin nicht mehr ignorieren. Immerhin vertrauen allein in der Europäischen Union mittlerweile mehr als 100 Mio Menschen und über 120 000 Ärzte und Therapeuten der homöopathischen und anthroposophischen Medizin. Bionorica-Chef Popp glaubt gar, dass Naturmedizin den chemisch-synthetischen Präparaten weltweit langfristig den Rang ablaufen wird. Zumal sich bei den chemisch-synthetischen Präparaten Resistenzen und Zwischenfälle häufen. Erst vor wenigen Wochen wurde der verbreitete Hustenwirkstoff Clobutinol vom Markt genommen. Grund: Schwerwiegende Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen.

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Von solchen Fällen abgeschreckt, wechseln immer mehr Konsumenten zu Naturarzneien. Umfragen zufolge greifen mittlerweile zwei Drittel der Deutschen im Krankheitsfall zu den sogenannten Phytopharmaka. Knapp 900 Mio Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr für Naturmedizin aus. Besonders gefragt sind Mittel gegen
Magen-Darm-Beschwerden, Durchblutungsstörungen und zur Stärkung des Immunsystems. Ärzte vergeben auf Wunsch der Patienten mittlerweile sogenannte grüne Rezepte für Naturmedikamente; Krankenkassen bieten in Deutschland Wahltarife für besondere Naturtherapierichtungen an.

Der Markt für Naturarznei-Unternehmen wie Bionorica, Schwabe, Spitzner, Klosterfrau oder Hexal wächst Experten zufolge doppelt so schnell wie die übrige Pharmabranche. Allein Marktführer Bionorica rechnet im laufenden Jahr mit dem Rekordergebnis von 115 Mio Euro – doppelt so viel wie noch im Jahr 2004.


Arznei ist nicht gleich Arznei

Doch bei allem Hype um die Naturmedizin – Arznei ist nicht gleich Arznei. Denn wissenschaftliche Untersuchungen oder gar klinische Studien, wie sie bei chemisch hergestellten Medikamenten Vorschrift sind, gibt es längst nicht für alle Kräutermittel.


Wirken Kräutermittel wirklich?

«Die Wirkung vieler pflanzlicher Arzneimittel geht häufig über einen Placebo-Effekt nicht hinaus», sagt Theodor Dingermann, Professor an der Universität Frankfurt. Das bedeutet, dass sich Patienten die Wirksamkeit einer Medizin lediglich einbilden und damit ohne externe Hilfe genesen.

Das Phänomen der Selbstheilung allerdings gilt Experten zufolge nicht für die Naturarzneien aus der Apotheke, sondern für die vielen frei verkäuflichen pflanzlichen Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel wie Vitaminpräparate.


Pilze und Pestizide im Tee

Für sie gilt eine Zulassung zweiter Klasse: Die als «traditionelle pflanzliche Arzneimittel» eingestuften Präparate müssen pro Einheit lediglich 10% einer wissenschaftlich als effektiv erachteten Wirkstoffdosierung enthalten. Für sie ist in Deutschland die Lebensmittelüberwachung zuständig. Doch angesichts der Gammelfleischskandale verwundert es kaum, was eine Studie aus den USA zeigte: 20% der Tees und Mittel enthielten Schwermetalle, Pestizide oder Schimmelpilze.