Letzten Oktober veröffentlichte die Alternative Bank (ABS) eine Mitteilung mit dem harmlosen Titel «Neue Konditionen bei fast allen Konten». Der Inhalt war allerdings spektakulär: Als erste Schweizer Bank führte das Solothurner Institut Negativzinsen für gewöhnliche Kunden ein: Auf Alltagskonten verlangt es seit Anfang Jahr 0,125 Prozent Zins, bei hohem Kontostand verrechnet die ABS einen höheren Zins.

Die Kunden müssen somit die Negativzinsen mittragen, welche die Nationalbank von Geschäftsbanken verlangt. Die Massnahme war gewagt, schliesslich riskierte die Bank, viele Kontoinhaber zu verlieren. Doch wie die «Handelszeitung» aufzeigte, hat sich die Pionierleistung für die Bank gelohnt. Die ABS konnte trotz der Strafzinsen neue Kunden gewinnen. Zudem investierten mehr Kunden ihr Geld, statt es auf dem Konto zu lagern – somit verbesserte sich die Ertragslage der Bank.

Ein Auftritt im «WSJ»

Offensichtlich hat das Zinsexperiment auch das Interesse der Weltpresse geweckt: Das renommierte «Wall Street Journal» berichtete am Freitag online über «den kleinen Schweizer Geldverleiher», welcher das Heft selber in die Hand genommen habe, statt über Negativzinsen zu klagen.

Die ABS erprobe mit ihrem Entscheid eine Frage, welche Ökonomen schon länger beschäftige, schreibt das «Wall Street Journal». Was passiert, wenn Negativzinsen auf Konsumenten überwälzt werden. In der Theorie sollten Leute ihr Geld ausgeben oder unter der Matraze verstecken, statt es zur Bank zu bringen. «Doch wie die Konsumenten tatsächlich reagieren, dazu gibt es wenig Erkenntnisse.»

Andere Banken könnten folgen

Das Modell der ABS könnte Schule machen: «Wenn die Negativzinsen für zwei oder drei Jahren in Kraft bleiben, werden viele Banken diesen Weg einschlagen», zitierte das «Wall Street Journal» den emeritierten Zürcher Bankprofessor Martin Janssen.

(mbü)

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