GESUNDHEITSWESEN. Die Einführung der Fallpauschalen in Spitälern (DRGs), bei denen nicht mehr die effektiven Kosten eines Spitalaufenthaltes vergütet werden, sondern nur ein fest vorgegebener Pauschalbeitrag pro Diagnose, macht die Medizinaltechnikbranche nervös. «DRGs bieten einen Anreiz, möglichst billige Verfahren anzuwenden und möglichst wenige neue Technologien zu beschaffen», befürchtet Markus Trutmann, Generalsekretär des Verbandes chirurgisch und invasiv tätiger Ärzte der Schweiz (FMCH).

Die DRGs (siehe «Handelszeitung» Nr. 42 vom 17. Oktober) könnten auch zu einem Innovationshemmer werden, argumentiert er weiter, «weil die Bewilligung von Neuerungen in einem Fallpauschalensystem zu lange dauert». Besonders bei speziell teuren Verfahren und Implantaten wie Gelenk- oder Gefässprothesen werden Zahlungskomplikationen befürchtet.

Zugang zu Innovationen sichern

Ins gleiche Horn bläst Melchior Buchs, Generalsekretär des Dachverbandes der Schweizerischen Handels- und Industrievereinigungen der Medizinaltechnik (Fasmed). «Produkte, die einen grösseren Wertanteil an einer Fallpauschale einnehmen, stehen durchaus unter Druck», meint er. Der Verband will sich in den nächsten Jahren deshalb bei der Projektorganisation Swiss DRG dafür einsetzen, gewisse Produkte von den Fallpauschalen auszunehmen. Sie sollen mit einer separaten Kostenregelung belegt werden. «Es sind Lösungen nötig, damit die Qualität erhalten, die Wahlmöglichkeiten für den Patienten weiterhin intakt und der Zugang zu Innovationen gewährleistet bleiben», so Buchs.Die Prüfung von Sondervergütungen für gewisse teure, aber nötige Materialien fordert auch Bernhard Wegmüller, der Direktor des Spitalverbandes H+. «Bei manchen Patienten sind beispielsweise mit Medikamenten beschichtete Stents sinnvoll. Es kann nicht sein, dass künftig nur noch die unbeschichteten bezahlt werden, die billiger sind.»Ein anderes Beispiel sind die heute noch verwendeten konventionellen Wundverbände aus Gaze. Sie sind günstig. Aber sie müssen oft gewechselt werden, bereiten den Patienten beim Wechsel Schmerzen und fördern die Narbenheilung nicht. «Die feuchte moderne Wundversorgung wäre dagegen geeignet für ein DRG-System. Die Verbände können länger auf der Wunde gelassen werden. Und sie beschleunigen den Heilungsprozess», sagt Peter Fridlin, General Manager für die Schweiz und Österreich beim Verbands- und Wundversorgungsmaterialhersteller Coloplast. Das Problem: Sie sind teurer. Fridlin wird in den nächsten Jahren dafür lobbyieren, dass optimales Behandlungszubehör in die Erhebung der Spitalkostenrechnungen einfliesst. «Wird in der Schweiz bei den medizinischen Materialien ebenso rücksichtslos gespart wie bei den DRGs in Deutschland, wird die Behandlungsqualität sinken», ist er überzeugt.

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Begründete Befürchtungen

Dass die Befürchtungen der Industrievertreter begründet sind, zeigen die Erfahrungen in Kantonen, die bereits ein Fallpauschalensystem eingeführt haben. So bestätigt Arnold Bachmann, CEO des Kantonsspitals Graubünden, dass die Einführung von DRGs unter anderem bei Stents und Herzschrittmachern zu Innovationsverzögerungen geführt hat. Doch nicht alle malen schwarz. Insbesondere die Pharmabranche gibt sich optimistisch. «Für innovative Medikamente sind DRGs eine echte Chance. Speziell dann, wenn die Medikamente den Heilungsverlauf markant verbessern, wenn dank ihnen der Spitalaufenthalt verkürzt und für die Patienten eine bessere Lebensqualität erreicht werden kann, die auch den Pflegeaufwand reduziert», meint Walter Hölzle, Geschäftsführer der Vereinigung Pharmaunterneh-men (Vips).