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Nestlé-Chef wird die L'Oréal-Spekulanten enttäuschen

Mark Schneider: Der Nestlé-Chef hat andere Prioritäten als L'Oréal.   Keystone

Der Konzernchef wird am Investorentag vom kommenden Dienstag die spekulativen L'Oréal-Bluthunde enttäuschen. Er hat keine Eile – und andere Prioritäten.

Von Marcel Speiser
am 22.09.2017

Die Ansage der Börse ist klar und hart. L'Oréal-Erbin und Grossaktionärin Liliane Bettencourt ist noch nicht einmal beigesetzt, schon haben die Aktien-Spekulanten Blut geleckt. Sowohl die L'Oréal-Aktien als auch die Valoren von Nestlé sind heute Freitag gestiegen. Endlich, so die pietätslosen Gedanken der Händler, ist der Weg frei für Nestlé, ihre L'Oréal-Aktien zu vergolden und abzustossen – oder aber beim französischen Kosmetik-Giganten aufzustocken.

Das Timing von Bettencourts Ableben jedenfalls ist für die zynische Börse perfekt. Am Dienstag hofiert Nestlé-Chef Mark Schneider seine Investoren in London. Und wird erstmals ausführlich erläutern, wie er den lahmenden Supertanker wieder auf Touren bringen will.

Stillhalten aus Respekt

Natürlich wird Schneider auch auf die Beteiligung von 23,12 Prozent an L'Oréal eingehen. Entsprechende Fragen, was er mit dem aktuell knapp 24 Milliarden Euro schweren Aktienpaket vorhat, kommen so sicher wie das Amen in der Kirche. Auch wenn in den nächsten sechs Monaten gar nichts passieren wird. Ein Vereinbarung zwischen den zwei Unternehmen untersagt Bewegungen bis ein halbes Jahr nach dem Ableben von Matriarchin Bettencourt. Nur schon aus Respekt wird Nestlé, die unter anderem mit ihrem Präsidenten Paul Bulcke im L'Oréal-Aufsichtsgremium vertreten ist, stillhalten.

Wer am Dienstag von Schneider also heisse Neuigkeiten zu L'Oréal erwartet, dürfte enttäuscht werden. Eilig haben es die Nestlé-Oberen ohnehin nicht, wie aus den Teppichétagen in Vevey immer wieder zu hören ist. Denn die Beteiligung performt bestens: L'Oréal schüttet Jahr für Jahr schön steigende Dividenden aus und auch der Aktienkurs entwickelt sich ansehnlich. Nestlés L'Oréal-Aktien sind also schlicht das, was sie schon immer waren: eine prächtige Anlage, die mit dem eigenen Geschäft nur wenig zu tun hat.

Ein lohnendes Investment

Doch das war und ist den Nestlé-Chefs einerlei. Das Investment jedenfalls lohnte sich, wie die «Bilanz» kürzlich vorrechnete: Beim Einstieg im Jahr 1974 – damals mit einem Anteil von rund 26,4 Prozent – zahlte Nestlé 260 Millionen Franken. 2014 verkaufte Nestlé einen Teil der 
Aktien den Franzosen zurück und strich dafür nicht nur 3,4 Milliar­den Euro in bar ein, sondern auch die zweite Hälfte des Hautpflege-Pharmaunternehmens Galderma, das L’Oréal und Nestlé bis dahin je hälftig besessen und als Joint Venture geführt hatten. Die verbliebenen Anteile sind heute 24 Milliarden Euro wert.

Es ist eine Summe, mit der Schneider eine ganz grosse Übernahme stemmen könnte. Doch eine solche ist von aussen gesehen nicht in Sicht. Und selbst wenn sich das Gerücht bewahrheiten sollte, dass Nestlé Interesse an den rezeptfreien Medikamenten und Gesundheitsprodukten von Merck hat, ist Schneider nicht unter Druck, L'Oréal-Titel abzustossen. Den Merck-Deal könnte er locker anders finanzieren.

Schon Daniel Loeb lief ins Leere

Bereits Ende Juni, als der aktivistische US-Investor Daniel Loeb Nestlé ins Visier nahm und – unter anderem – die alte Idee eines Verkaufs der L'Oréal-Beteiligung aufwärmte, liess Schneider Loeb diesbezüglich ins Leere laufen. Er konterte an Angriff mit einem offenbar längst aufgegleisten Programm für bessere Margen und schnelleres Wachstum. Zu L'Oréal aber verlor Schneider kein Wort. Und in seiem bislang einzigen grossen Interview mit dem deutschen «Manager Magazin» sagte er bloss, dass Nestlé sei mit der L’Oréal-Beteiligung «mehr als 40 Jahre ausgesprochen gut gefahren» sei. Würde sich ein Richtungswechsel andeuten, liesse sich ein Profi wie Schneider anders zitieren.

Priorität für Schneider hat ohnehin das Kerngeschäft mit Getränken und Nahrungsmitteln. Es lahmt seit Jahren. Ebenso lang blieb Nestlé hinter den eigenen Zielvorgaben zurück. Das Produkt-Portfolio ist für die saturierten Konsumenten in den grossen westlichen Märkten mit wenigen Ausnahmen zu süss, zu fett, zu konventionell, – und zu wenig bio und zu wenig vegan. Also hat Schneider damit begonnen, schnell wachsende und angesagte Food-Startups zu kaufen, die bieten, was Nestlés Mainstream-Portfolio eben nicht bietet.

Viel Tempo, wenig L'Oréal

Diesbezüglich dürften die Investoren am Dienstag noch deutlich mehr von Schneider hören. Er wird seine bisher eher vagen Andeutungen, in welche Richtung er Nestlé entwickeln und in welche Geschäftsbereiche er investieren will, ausführlich darlegen. Er wird viel über ein höheres Geschwindigkeit und tiefere Kosten reden. Aber wohl wenig über L'Oréal.

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