An Gelegenheiten, eine Frau in die Generaldirektion zu befördern, hat es in den vergangenen Monaten nicht gefehlt. Doch alle frei werdenden Positionen bei Nestlé wurden wieder mit Männern besetzt: Als Finanzchef wurde James Singh, als Wasserchef John J. Harris, als Nutritionchef Richard T. Laube und als Amerikachef Paul Polman ernannt. Auch der neue Kommunikationschef ist mit Rudolf Ramsauer wiederum männlich. So besteht das 14-köpfige Exekutive Board des weltweit grössten Nahrungsmittelkonzerns nur aus Männern.

Das könnte sich rächen: Weltweit werden immer häufiger institutionelle Anleger von Frauen geführt. Auch das Aktionariat wird mit der längeren Lebenserwartung von Frauen tendenziell weiblicher. Und bei der Kundschaft waren die Frauen schon immer in der Überzahl.

Frauen seien weniger flexibel

Das Problem ist auch dem designierten Nestlé-CEO Paul Bulcke bewusst. «Wir arbeiten daran», sagt Bulcke und betont, dass es im mittleren Kader bereits viele Frauen hätte. Kürzlich habe er an einer Marketingtagung teilgenommen, an der weit mehr als die Hälfte der Anwesenden weiblichen Geschlechts gewesen sei. Als einen Grund für das Fehlen von Frauen in der obersten Führungsspitze nennt der designierte Delegierte des Verwaltungsrats die rege Reisetätigkeit der Generaldirektoren und den damit verbundenen Wechsel des Wohnortes der Familie. Frauen seien diesbezüglich weniger flexibel als Männer. Was wird sich unter dem neuen CEO bei Nestlé ändern? «Mein Stil mag sich von demjenigen Peter Brabecks unterscheiden, aber der Kern und die Strategie bleiben dieselben.» Künftig wird Bulcke im Rampenlicht stehen und deshalb in der Öffentlichkeit auf das Rauchen einer guten Zigarre verzichten müssen, wie er lachend zugibt.Der designierte Delegierte des Verwaltungsrats ist zuversichtlich, dass er die Nestlé-Ziele von mindestens 5 bis 6% organischem Wachstum und eine nachhaltige Margenverbesserung unabhängig von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch in den nächsten Jahren erreichen wird, vor allem mit den besonders erfolgversprechenden Geschäftsfelder Nutrition, Luxus- und Premiumprodukte wie Nespresso, Produkte für einkommensschwächere Kunden in den Entwicklungsländern und die Ausser-Haus-Verpflegung.Bei Nutrition rechnet Nestlé mit einem jährlichen Umsatz von 11 Mrd Fr. 2007 lag er bei 8,4 Mrd Fr. Bei den Popularly Positioned Products, die hauptsächlich Milchprodukte, Nescafé und Produkte unter bekannten Marken wie etwa Maggi umfassen, wurde 2007 ein Umsatz von rund 6 Mrd Fr. erzielt.

US-Bürger essen ausser Haus

Der Gesamtmarkt für diese Produkte in Asien, Afrika und Lateinamerika wird auf über 80 Mrd Fr. geschätzt. 2008 soll Nespresso die 2-Mrd-Fr.-Umsatzmarke erreichen. Für die Ausser-Haus-Verpflegung würde in den USA und anderen reifen Märkten mehr Geld ausgegeben als für die Verpflegung zu Hause. Mit einem Umsatz von über 7,2 Mrd Fr. ist Nestlé bereits Weltmarktführer in diesem Markt.

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Nestlé will Henniez stärker positionieren, aber nicht exportieren

Mit der Übernahme von Henniez möchte Nestlé diesem Waadtländer Mineralwasserunternehmen heuer einen Wachstumsschub in der Schweiz verleihen. Dabei soll das Mineralwasser Henniez noch mehr als bisher als Premiumprodukt positioniert und verkauft werden. Cristalp dagegen, ebenfalls ein Mineralwasser aus dem Henniez-Haus, soll vermehrt das mittlere Segment bedienen. «Dabei hat man auch schon die Idee erwägt Cristalp in die Marke Nestlé Aquarel umzutaufen», erklärt Hans Peter Frick, Chef der Rechstabteilung von Nestlé.

«Die Idee, Henniez zu exportieren, wird aber nicht verfolgt», betont Nestlé-Wasserchef John J. Harris. Wobei er nicht ausschliessen will, dass kleine Mengen auch ins grenznahe Ausland exportiert werden, «aber sicher nicht im grösseren Ausmass». Schliesslich besitzt der Konzern mit S. Pellegrino und Perrier bereits starke Premiummarken, die nicht durch weitere Marken konkurriert werden sollen. Innerhalb des Konzerns spielt Henniez mit einem Umsatz von rund 152 Mio Fr. (2006) eine kleine Rolle. Nestlé Waters hatte 2007 einen Umsatz von 10,4 Mrd Fr. erzielt. Aber Henniez verdoppelt fast die Aktivitäten von Nestlé Waters Schweiz, die mit ihren Marken S. Pellegrino, Vittel, Contrex, Acqua Panna und Perrier 77 Mio Fr. (2006) umsetzte. Durch den Kauf einer Mineralwasserquelle, einer Industrieanlage und eines Vertriebswerks in seinem Stammland Waadt hat der Nahrungsmittelmulti sich den lang ersehnten Wunsch nach mehr Wachstum im Mineralwasserbereich in der Schweiz wahrgemacht.