Manchmal erfährt man an einem Kulturgespräch mehr über Wirtschaft als an einer Telefonkonferenz. So geschehen letzte Woche: Nestlé-CEO und VR-Präsident Peter Brabeck verzichtete auf seine Teilnahme an der telefonischen Medienkonferenz über die glänzenden Halbjahresresultate von Nestlé. Stattdessen verglich er am Rande des Lucerne Festival an einem Künstlergespräch die Rolle des Dirigenten mit derjenigen eines CEO. Die Präsentation der Halbjahreszahlen überliess er seinem Finanzchef Paul Polman. Dieser gilt als Spitzenkandidat für die Brabeck-Nachfolge, die am 20. September bekannt gegeben wird.

Brabeck ist «ein Fan des Maestro» Claudio Abbado, der das Lucerne Festival Orchestra dirigiert. Selten habe er eine so feinfühlige Person kennen gelernt. Brabeck lobt das einmalige Zusammenspiel zwischen den Musikern und dem Maestro, der dem Orchester viel Freiheiten einräume. Und er verglich das berühmte Ensemble mit dem ebenso berühmten Weltkonzern, der als Hauptsponsor des Lucerne Festival Orchestra fungiert. Stolz ist Brabeck auf die Tradition und die Innovation des Orchesters, aber auch auf dasjenige seiner Firma. Und gibt zu bedenken: «Nur Tradition ist für ein Unternehmen nicht gut, es braucht auch Innovation.»

Harmonie trotz vieler Stimmen

Innovativ und traditionell ist Nestlé, wenn sich der Nahrungsmittelkonzern demnächst einen neuen Chef verpasst, der zwar von aussen kommt, aber die Tradition, das Innere, kennt. Der 51-jährige Holländer Paul Polman arbeitete bis 2005 als Westeuropachef des US-Konsumgüterkonzerns Procter & Gamble. Seine Einsetzung als CEO wäre eine echte Innovation. Denn bisher kamen nur Eigengewächse ans Steuer von Nestlé. Als Finanzchef hat Polman Einblick in alle Bereiche des Konzerns, hat dadurch auch Kenntnisse der intimen Bereiche und Prozesse. Er begleitet Brabeck zu allen wichtigen Präsentationen vor grossen Investoren. Dabei funktioniere das Zusammenspiel der beiden perfekt, wie Teilnehmer erklären.
Doch im Gegensatz zu Brabeck sei Polman ein Mann zum Anfassen und lasse unterschiedlichen Meinungen freien Raum, heisst es in der Konzernzentrale. Passt also bestens in das Bild des CEO, das Brabeck am Künstlergespräch skizziert hat: Bei einem Unternehmen mit 265000 Mitarbeitenden müsse man sich einen ähnlichen Führungsstil wie ein Dirigent aneignen und «nicht einfach den Takt schlagen», sondern Freiräume erlauben und zulassen, dass die Firma anderswo auch anders geführt werde. «Trotz Dezentralisierung kommt es aber am Ende zu einem einheitlichen Klang, der sich in der Performance widerspiegelt», schwärmt Brabeck.
Die aktuelle Nestlé-Performance klingt in sattem Fortissimo: Das organische Wachstum stieg im 1. Semester um 7,4% auf 51,1
Mrd Fr. und übertraf die Zielgrösse von 5 bis 6% klar. Der Semester-
gewinn steigerte sich um 18,4%
auf rund 5 Mrd Fr. Wobei Finanzchef Paul Polman nicht unbeteiligt war am Erfolg: Als ehemaliger Procter & Gamble-Chef weiss er bestens, wie Marken zu verkaufen sind. Ein Wissen, das noch wichtiger wird, weil sich Nestlé mitten im Wandel vom Nahrungsmittelkonzern zum weltweit führenden Unternehmen für Nutrition, Gesundheit und Wohlbefinden befindet. Ein Umwandlungsprozess, für den Paul Polman als Marathonläufer die richtige Kondition mitbringt. Übrigens: Als Nestlé-Dirigent hätte er eine Violinistin als Frau zur Seite.
Nestlé wurde in den letzten Tagen und Monaten zunehmend als Käufer oder Fusionspartner gehandelt. So führten laut «Wall Street Journal» Nestlé und der Getränkeriese PepsiCo Fusionsgespräche. Aus dem Zusammenschluss wurde nichts. Denn dies hätte zu einer Verwässerung beim Wandel zu einem Konzern mit Fokus Ernährung, Gesundheit und Wellness geführt.

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Auch dem Kauf des US-Schokoladenherstellers Godiva räumt Brabeck laut dem TV-Sender CNBC keine Priorität ein. Neuste Spekulationen, wonach die Tochter Alcon in den nächsten zwölf Monaten verkauft werden soll, dementiert Brabeck. Und eine Vollübernahme der französischen Tochter L’Oreal ist noch unklar.
Der angekündigte Aktienrückkauf von 25 Mrd Fr. zeigt, dass der Konzern den Wandel zum Ernährungs-, Gesundheits- und Wellnesskonzern ohne grosse Akquisition durchführen will.