1. Home
  2. Unternehmen
  3. Nestlé: Strafanzeige gegen Brabeck

Mord
Nestlé: Strafanzeige gegen Brabeck

Nestlés Investments in Kolumbien sind heikel. Hier ein von den Farc-Rebellen zerstörtes Firmengelände. (Bild: Keystone)

Ärger für Nestlé: Eine Berliner Anwaltsgruppe hat Strafanzeige gegen mehrere Manager des Lebensmittelkonzerns eingereicht. Es geht um ihre Rolle beim Mord eines kolumbianischen Gewerkschafters.

Veröffentlicht am 06.03.2012

Rund sechseinhalb Jahre nach der Ermordung des Gewerkschafters Luciano Romero im Nordosten Kolumbiens soll der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern Nestlé für die Tat von kolumbianischen Paramilitärs geradestehen. Diese hatten den Gewerkschafter verschleppt, unter Folter verhört und durch 50 Messerstiche getötet.

Die Anwaltsgruppe des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und die kolumbianische Lebensmittel-Gewerkschaft Sinaltrainal reichten am Montag bei der Zuger Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Nestlé und mehrere ihrer damals führenden Mitarbeiter ein: den Verwaltungsratspräsidenten und Ex-Konzernchef Peter Brabeck, den ehemaligen Verwaltungsratspräsident Rainer E. Gut sowie zwei weitere Schweizer und einen mexikanischen Nestlé-Kadermitarbeiter.

Die Strafanzeige wurde in Zug eingereicht, weil sich in Cham ZG einer der beiden Unternehmenssitze von Nestlé befindet. Die Zuger Staatsanwaltschaft bestätigte auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda den Eingang der Strafanzeige.

Den Beschuldigten wird vorgeworfen, durch Unterlassen von Schutzmassnahmen den gewaltsamen Tod des Gewerkschafters mitverursacht zu haben, wie es in der Strafanzeige heisst, die der sda vorliegt.

Romero grundlos beschuldigt?

Der von der kolumbianischen Justiz bereits verurteilte Mord an Luciano Romero sei im Kontext eines über 50 Jahre andauernden bewaffneten Konflikts geschehen, schreibt ECCHR. Romero habe bereits vor seiner Ermordung während Jahren Todesdrohungen erhalten.

Dabei hätten auch leitende Mitarbeiter der kolumbianischen Nestlé-Tochter Cicolac eine Rolle gespielt, werfen ECCHR und Sinaltrainal dem Konzern vor. «Sie verleumdeten ihn und andere Gewerkschafter mehrfach als angebliche Guerilla-Kämpfer», schreiben die Autoren der Strafanzeige. Romero sei grundlos beschuldigt worden, für einen Bombenanschlag auf das Werksgelände von Cicolac verantwortlich zu sein.

Romero war bis im Oktober 2002 bei Cicolac angestellt. Als Gewerkschafter vertrat er die Arbeiter in Verhandlungen über einen Kollektivvertrag.

Mit Paramilitärs verbandelt

Die öffentlichen Diffamierungen seien für die Gewerkschafter lebensbedrohlich gewesen, argumentieren ECCHR und Sinaltrainal: «Denn die lokale Nestlé-Vertretung war auf mehreren Ebenen mit paramilitärischen Kreisen verflochten.» So seien beispielsweise gewisse Milchlieferanten von Cicolac mit den Paramilitärs verbandelt gewesen.

Die Schweizer Unternehmensführung habe von dem «Risikoverhalten» ihrer Kadermitarbeiter in Kolumbien und den daraus folgenden Gefahren für die Gewerkschafter gewusst, heisst es in der Strafanzeige. «Sie blieb dennoch untätig», kritisieren ECCHR und Sinaltrainal.

Ob dieses Verhalten strafrechtlich relevant ist, muss nun die Zuger Staatsanwaltschaft prüfen. Die Strafanzeige gegen Nestlé und deren Topmanager ist in einem solchen Zusammenhang einmalig: «Damit könnte ein Schweizer Unternehmen erstmals für im Ausland begangenes Unrecht in der Schweiz haftbar gemacht werden», schreibt der Verein Multiwatch im Namen zahlreicher Schweizer Nichtregierungsorganisationen.

Nestlé wehrt sich

Nestlé weist sämtliche Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Mord an Romero zurück und wird sich «entschieden dagegen verteidigen», wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte. Sinaltrainal und ECCHR hätten keinerlei Beweise für die Anschuldigungen.

Die Gewerkschaft Sinaltrainal habe Nestlé zudem bereits wiederholt der Komplizenschaft an der Ermordung von Gewerkschaftern in Kolumbien beschuldigt. «Sie hat ihre Rechtsstreitigkeiten gegen das Unternehmen weder vor Gerichten in Kolumbien, noch in den USA oder vor der Internationalen Arbeitsorganisation gewonnen.»

(tno/laf/sda/awp)

Anzeige