Nestlé könnte das nächste Opfer von Heuschrecken werden. Nachdem Bill Ackmann zuletzt die US-Firma Mondelez ins Visier genommen hat, könnte auch der Schweizer Lebensmittelhersteller aus Vevey das Interesse eines aktivistischen Investors auf sich ziehen. Denn: Hersteller von Nahrungsmitteln und Getränken sind aufgrund ihrer aufgeblähten Kosten und eines schleppenden Wachstums zu beliebten Zielen geworden.

Bisher haben aktivistische Investoren zwar vor allem US-Nahrungsmittelhersteller aufs Korn genommen. Doch Nestlés im Branchenvergleich schwache Entwicklung könnte sie auch nach Europa locken. Der Kurs des SMI-Konzerns ist seit Jahresbeginn um etwa ein Prozent gestiegen und hinkt damit dem Zuwachs von fast sechs Prozent des Leitindexes und von 17 Prozent des Stoxx Europe 600 hinterher. Dazu kommt: Nestlé hat seine langfristigen Wachstumsziele bereits zwei Mal verfehlt, ein drittes Mal drüfte am Donnerstag folgen, wenn die Firma Zahlen vorlegt.

Anzeige

Teurer Angriff

Ein Angriff auf Nestlé wäre allerdings nicht billig. Ein Investor müsste eine Mindest-Beteiligung von über einem Prozent aufbauen, um Veränderungen im Konzern herbeizuführen, erklärt Urs Beck, Fondsmanager bei EFG Asset Management. Bei einer Marktkapitalisierung von fast 240 Milliarden Franken kostet das also deutlich mehr als zwei Milliarden Franken.

Das ist zwar eine Hürde, schützt aber nicht vor Zugriffen. Investoren, die sich auf strategische Veränderungen in Konzernen spezialisieren, haben nach Einschätzung von Chris Young von der Credit Suisse mittlerweile mehr als 130 Milliarden Dollar an verwaltetem Kapital, das sie einsetzen müssen. Und die meisten der «niedrig hängenden Früchte» in den USA seien bereits gepflückt worden, erklärt Young, Leiter des Bereichs für angefochtene Situationen bei Fusionen und Übernahmen in New York. Daher dürften seiner Meinung nach nun europäische Firmen ins Blickfeld solcher Investoren geraten.

Träge Konsumgüterfirmen

«Es gibt Interesse an europäischen Unternehmen in dem Sektor von US-Investoren», sagt auch Daniel Kerstein von der britischen Investmentbank Barclays. Kernstein berät Unternehmen bei ihren Strategien im Umgang mit aktivistischen Investoren.

«Eine Menge Konsumgüterhersteller mühen sich mit Portfolios ab, die Geschäftsbereiche innerhalb und ausserhalb von Wachstumsfeldern kombinieren. Aktivisten wenden ein, dass einige solcher Bereiche nicht zusammenpassen», sagt er.

Viel Optimierungspotenzial bei Nestlé

Bei Nestlé scheint dies besonders zuzutreffen. In China sinkt die Nachfrage nach Gebäck und Erdnussmilch-Getränke. In Indien bricht das Business als Folge des Nudel-Debakels ein. Das stagnierende Geschäft mit Tiefkühlprodukten hilft auch nicht weiter.

Eine Trennung von dem Bereich und von der 23,2-Prozent-Beteiligung am Kosmetikhersteller L’Oréal würde dem Management ermöglichen, sich auf die Herausforderungen in den Schwellenmärkten und auf die schneller wachsenden Marken zu konzentrieren, meint Analyst Jeff Stent von der Investment-Sparte der französischen Grossbank BNP Paribas.

Der erste Schritt ist gemacht

So könnte Nestlé den Cashflow bis 2018 um 21 Milliarden Euro aufbessern. Mit dem Geld könnte der Konzern mehr eigene Aktien zurückkaufen oder Zukäufe tätigen.

Dass diese Zukunftsskizze keine Heuschrecken-Fantasien sind, zeigt ein Blick ins vergangene Jahr: Nestlé verkaufte 2014 bereits acht Prozent an L’Oréal, was viele Analysten nur für den ersten Schritt hielten.

Anzeige

(bloomberg/ise)