Auch nach dem Ende des Steuerstreits mit den USA kann Credit Suisse nicht zum Tagesgeschäft übergehen. Wenn die zweitgrösste Schweizer Bank nach Milliardenstrafe und Schuldbekenntnis ihre Aktionäre bei der Stange halten will, muss sie nach Ansicht von Analysten und Fondsmanagern etwas tun, was Konzernchef Brady Dougan bisher nicht wollte: Sie muss ähnlich wie Lokalrivale UBS das risikoreiche Investmentbanking zurückfahren und stärker auf die stabilere Vermögensverwaltung setzen.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Dass sie über Jahre reichen Amerikanern bei der Steuerhinterziehung geholfen hat, kostet Credit Suisse einschliesslich einer bereits Anfang des Jahres gezahlten Strafe insgesamt 2,8 Milliarden Dollar. Das nagt am Eigenkapital, die Quote sinkt auf 9,3 Prozent von 9,9 Prozent. Die Bank hinkt bei der Kapitalisierung damit Konkurrenten hinterher. Selbst die bisher notorisch kapitalschwache Deutsche Bank steht besser da. Bis Ende des Jahres will Credit Suisse wieder auf eine Quote von zehn Prozent kommen.

Investmentbanking umstritten

Das knappere Eigenkapital schränkt angesichts immer schärferer Vorschriften den Spielraum der Bank im kapitalintensiven Investmentbanking ein. Es ist Wasser auf die Mühlen derer, denen die Strategie von Konzernchef Brady Dougan zuletzt nicht mehr geheuer war. Quartal für Quartal hatte der gelernte Investmentbanker beteuert, Credit Suisse sei richtig aufgestellt. Kurz nach der Finanzkrise konnte er auch gute Zahlen vorweisen. Als es danach nicht mehr so gut lief, kamen bei Investoren und Insidern zufolge auch bei einzelnen Verwaltungsräten Zweifel an Dougans Konzept auf.

Das zeigt sich auch an der Börse. Die Anleger bewerten den Erzrivalen UBS, der noch vor wenigen Jahren vom Staat gerettet werden musste, inzwischen deutlich höher. Für die UBS hat es sich ausgezahlt, dass sie nach den Milliarden-Verlusten des Derivatehändlers Kweku Adoboli das Steuer herumriss: Der heutige Konzernchef Sergio Ermotti trat an die Stelle von Oswald Grübel. Zusammen mit dem neuen Präsidenten Axel Weber begann er, das kapitalintensive Investmentbanking zurückzufahren und die Bank voll auf die Vermögensverwaltung auszurichten.

Druck von Aktionärsseite

Das steht der CS noch bevor, fragt man Börsenprofis. «Ich glaube, dass die Bank ihre Anstrengungen beschleunigen wird, den Schwerpunkt auf dem Investmentbanking stärker auf die Verwaltung von Privatvermögen zu verlagern», erklärt Fidelity-Fondsmanager Alberto Chiandetti. Erste Ansätze seien vorhanden und er kaufe Credit-Suisse-Aktien. Auch über die geografische Aufstellung sollte die Bank nachdenken, so Urs Beck von EFG International. «In meinen Augen macht es Sinn, sich mehr in Richtung Asien zu bewegen», erklärt der Manager des New Capital Swiss Select Equity Fund. «Das gilt für die Vermögensverwaltung und für das Investmentbanking.» Während Asien kräftig wächst, haben in den USA nur ganz wenige europäische Banken den Durchbruch geschafft.

Dass der Druck der Aktionäre da ist, räumt auch Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner ein. Die Frage zur Strategie sei auf dem Tisch, «namentlich weil sie auch von Investoren und Analysten immer wieder gestellt wird», sagte er diese Woche der «Neuen Zürcher Zeitung».

Moody's: Ausblick «negativ»

Kurzfristig muss sich die CS-Spitze möglicherweise um eine andere Baustelle kümmern. Nach dem Schuldeingeständnis - dem ersten einer grösseren internationalen Bank seit Credit Lyonnais 2004 - könnte Credit Suisse nach Einschätzung der Ratingagentur Moody's Geschäft verlieren. Interne Richtlinien oder gesetzliche Vorgaben könnten Kunden veranlassen, sich eine andere Bank zu suchen. Moody's senkte den Ausblick für Credit Suisse auf «negativ» von «stabil». Die Bank selbst rechnet nicht mit wesentlichen Auswirkungen auf ihr Geschäft. Am Donnerstag gelang es der Bank, am Kapitalmarkt fünf Milliarden Dollar einzusammeln, ohne höhere Zinsen bieten zu müssen als andere internationale Banken.

Die Scharte in der Eigenkapitaldecke will Credit Suisse bis Ende des Jahres ohne eine Kapitalerhöhung auswetzen. An der Börse glaubt man nicht so recht daran. Händler berichteten zudem von Spekulationen, die Schweizer Nummer zwei könnte mit der Deutschen Bank zusammengehen. Angesichts der Bedenken der Regulierer gilt das aber als höchst unwahrscheinlich. Die Frankfurter Großbank will ihr Investmentbanking sogar ausbauen und geht damit den genau anderen Weg - Deutschlands Top-Institut sieht sich als einzige europäische Bank, die den US-Rivalen die Stirn bieten kann, und will im Investmentbanking zur kleinen, globalen Spitzengruppe gehören. Aber auch bei der Deutschen Bank sind Investoren skeptisch, und auch ihnen stösst der ebenfalls schwache Aktienkurs auf.

Dougan und Rohner wollen nicht gehen

Credit Suisse dürfte, um ihre Kapitallücke zu schliessen, weniger Dividende auszahlen als bisher erwartet, sagte Fondsmanager Peter Stenz von Swisscanto. Management und Verwaltungsrat müssten eingestehen, die Sachlage im Steuerstreit falsch eingeschätzt zu haben. Diese Fehleinschätzung müsse auch in den Einkommen der Verantwortlichen für 2014 und möglicherweise auch rückwirkend für die beiden Vorjahre ihren Niederschlag finden. Im letzten Jahr erhielt Dougan rund sechs Millionen Franken Bonus.

Zwar ergab eine Online-Umfrage des «Tages-Anzeigers» bei seinen Lesern eine deutliche Mehrheit für einen Rücktritt Dougans und von Konzernpräsident Rohner. Davon wollen die beiden nichts wissen. Es sei jetzt nicht der Zeitpunkt, um über einen Managementwechsel nachzudenken, erklärt auch Mirabaud-Analyst Alex Potter. Gleichwohl seien Aktionäre unzufrieden. Die Kritik kreise darum, dass der von Dougan und Rohner eingeschlagene Weg zu einer deutlich schlechteren Aktien-Entwicklung der Credit Suisse geführt habe. «Ihre Strategie hat sich als weniger gut als die Strategie der UBS herausgestellt.»

(reuters/gku/sim)