Im Juni hat das Tessiner Stimmvolk eine Initiative für einen branchenabhängigen Mindestlohn gutgeheissen. Während die Verhandlungen über seine Anwendung aufgenommen wurden, häufen sich im Südkanton neue Fälle von Lohndumping.

Aktuell berate eine Arbeitsgruppe aus Regierungsmitgliedern und den Initianten über die Anwendung des branchenabhängigen Mindestlohns, erklärte Grünen-Koordinator Sergio Savoia am Mittwoch der Nachrichtenagentur sda.

Lange Verhandlungen

Es sei möglich, dass mehrere bestehende Gesetze für die Anwendung angepasst werden müssten; die Verhandlungen könnten sich «über Monate» hinziehen. Anschliessend bestehe die Gefahr, dass ein Referendum das Mindestlohn-Vorhaben vereitle. Die Initiative für einen branchenabhängigen Mindestlohn stammte aus seinem politischen Lager.

Giorgio Fonio von der Tessiner Gewerkschaft OCST hofft auf eine rasche Umsetzung der Initiative: Nur ein branchenabhängiger Mindestlohn könne Dumpinglöhne in Zukunft unmöglich machen, sagte der Gewerkschafter auf Anfrage.

Dumpinglohn trotz Universitätsabschluss

Allein in dieser Woche seien ihm zwei Fälle von eklatanten Niedriglöhnen gemeldet worden, erklärte Fonio und bestätigte Meldungen zweier Tessiner Online-Medien. So war eine Vollzeitstelle im Detailhandel für 1000 Franken Gehalt pro Monat ausgeschrieben – Bedingung waren zwei Jahre Berufserfahrung. Ein italienisches Architekturbüro suchte nach Jungarchitekten mit Universitätsabschluss – das Monatssalär sollte zwischen 1200 und 1500 Franken betragen.

Über 60'000 italienische Grenzgänger pendeln täglich zu ihrem Arbeitsplatz ins Tessin – mehr als jeder vierte Erwerbstätige kommt aus dem südlichen Nachbarland. Auch wenn sich der Zustrom zuletzt leicht abschwächte, gelten die Grenzgänger im Tessin weiterhin als Hauptverantwortliche für Lohndumping und das Verkehrschaos.

(sda/ise/me)