Mitte März hat Cisco, der weltweit grösste Ausrüster, seinen Einstieg in das Servergeschäft für Rechenzentren bekannt gegeben. Bereits im Vorfeld hatte «Handelszeitung Online» mehrfach über dieses laut Analysten «am schlechtesten gehütete Geheimnis» berichtet.

Analysten haben inzwischen die Folgen dieses Einstiegs durchkalkuliert. Für Cisco selber dürfte es mehrere Quartale dauern, bis die Umsatzgrenze von 100 Mio Dollar erreicht werden wird. Für das laufende Jahr erwarten Analysten einen Gesamtumsatz von über 35 Mrd Dollar – das Servergeschäft wird also quantitativ noch eine Zeitlang relativ klein bleiben.



Umso wichtiger sind neue Geschäftsfelder für Cisco, um das reife Kerngeschäft zu ergänzen und immer mehr Daten auf die Netze zu bringen.



Cisco kauft alles, was Daten auf das Netz bringt



Auf diesem Hintergrund macht auch die Akquisition von Pure Digital, die vor einigen Tagen gemeldet worden war, Sinn. Pure Digital stellt einen in den USA ziemlich populär gewordenen Camcorder her. Seit Mai 2007 wurde damit ein Umsatz von 275 Mio Dollar erzielt. Dieser Kauf markiert auch den ersten Schritt in Richtung «reine Consumergeräte». Allerdings wurde dieser Kauf von Analysten mit viel Skepsis aufgenommen. «Dieser Kauf ist eine schlechte Verwendung des Geldes bei Cisco», kommentiert etwa Paul Silverstein, Analyst bei der Credit Suisse. «Zweifellos ist es für Cisco attraktiv, Geräte zu verkaufen, welche die Nutzung der Datennetze weiter vorantreiben, aber wir glauben, dass Cisco nicht gleich auch noch die Firma besitzen muss, um den Nutzen dieser Entwicklung, wo Endkunden ihre Filme aufs Internet bringen, zu haben. Cisco hat es in den sechs Jahren seit dem Kauf des Consumerausrüstungsherstellers Linksys nicht geschafft, sich einen Markennamen aufzubauen – warum sollte es jetzt anders sein?» «Das ist einfach der erste Schritt von Cisco in den Bereich «cooler Marken» und jetzt braucht es einige Zeit, einen Markennamen aufzubauen» sagt Tai Liani, Analyst bei der Bank of America. «Jetzt muss Cisco sich einen guten Markennamen aufbauen, so wie das Apple vorgemacht hat.»



Server – das neue alte Schlachtfeld



In eine ganz andere Richtung zielen die Server. Cisco betont hier – in enger Zusammenarbeit unter anderem mit der Virtualisierungssoftwarefirma VMware, dem Speicherspezialisten EMC und dem Managementsoftwarehersteller BMC – die Trennung zwischen physischem Layer und dem virtuellen Layer. Kunden können deshalb ihre Daten nahtlos zwischen den Servern hin- und herschieben. Diese Strategie löst zwar für die User viele Probleme, denn jetzt können die Administratoren in Rechenzentren sich damit beschäftigen, virtuelle Sessions zu verwalten und nicht (nur) physische Server. Die Sache läuft auf eine Bündelung von Servern mit Netzwerkausrüstung, Speichern, Applikationen und Software hinaus.

Damit entstehen aber auch neue Risiken für Cisco. «Denn wenn jetzt das Netzwerk so transparent gemacht wird und die Ressourcen flexibel austauschbar sind,  könnten die eigenen angestammten Geschäftsfelder kannibalisiert werden» kommentiert Liani weiter. «IBM und HP könnten aus einer anderen Perspektive ihrerseits den gleichen Weg gehen und die Cisco-Ausrüstung austauschbar machen, indem sie die Ausrüstung kleinerer Hersteller wie Voltaire, Arista oder Juniper verkaufen.» Weiter dürften sich auf für Netzwerke flexible Servicemodelle entwickeln. «Wenn das Netzwerk schon so transparent ist, warum sollte man es  noch besitzen?» fragt Liani weiter und gibt gleich die Antwort: «Kleinere Firmenkunden könnten sich dann allerdings direkt an IBM oder HP wenden, wenn sie ein transparentes Netzwerk benötigen.» Und drittens drücken die Server auch die Margen bei Cisco. «Die Cisco-Verkäufer haben ihren Kunden seit 20 Jahren immer wieder gesagt, dass die Switches in den Rechenzentren so hohe Margen haben, weil sie sich vom Rest der Hardware unterscheiden. Jetzt dürfte es HP und IBM noch leichter fallen, günstige Lösungen für Netzwerke zu propagieren.» Profitieren dürfte davon laut Jefferies-Analyst William Choi auch Brocade, ein Cisco-Konkurrent bei Speichernetzausrüstung. Cisco-Vertreter wiesen indes am Analysten-Konferenzgespräch auf entsprechende Fragen darauf hin, dass der Netzwerkmarkt eher ein Pull-Markt ist, wo Kunden spezielle Lösungen suchen und dann automatisch bei den Cisco-Produkten landen und weniger ein Push-Markt, bei dem Kunden die Lösungen fast aufgedrängt bekommen.

Und auch im Blade-Server-Markt, in den Cisco jetzt mit seinem Projekt «California» vorstösst, gelten spezielle Spielregeln, wie Silverstein sagt. «Hier konkurrierte Cisco jetzt mit HP und IBM, die 53 bzw. 25% Marktanteile halten. Cisco fängt hier bei null an, und hier ist der Vorteil des ersten Herstellers fast nicht mehr aufzuholen, weil Blade Server lediglich in das Chassis eines bestimmten Herstellers passen. In dieser Hinsicht funktioniert der Markt wie bei Printern oder Rasierklingen, wo die installierte Basis der Schlüssel zum Erfolg ist.»